Rouven Schröder über modernes Scouting und die zweite Chance beim Spielerkauf

„Das Gefühl ist wichtig“

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Rouven Schröder bei der Arbeit: Auch wenn er an seinem Schreibtisch Zettel und Stift in den Händen hält, ist der Direktor für Profi-Fußball und Scouting bei der Spielerbeobachtung kein Freund zu vieler Notizen.

Bremen - Von Carsten Sander und Björn Knips. Der Mann ist zu beneiden. Rouven Schröder sagt, dass er bei dem, was eine seiner Hauptaufgaben ist, hervorragend entspannen kann: beim Fußball gucken. Wenn er in irgendeinem Stadion auf der Tribüne sitzt, vor sich ein leeres Blatt Papier für Notizen, neben sich niemanden, der sich unterhalten will, auf dem Rasen 22 Spieler, „dann bin ich in meiner eigenen Welt, dann bin ich relaxed“, sagt der 38-Jährige.

Seit Saisonbeginn bekleidet er bei Werder Bremen den neuen Posten „Direktor für Profi-Fußball und Scouting“. Was im Groben bedeutet: Ex-Profi Schröder (acht Einsätze in der ersten, 48 Spiele in der zweiten Liga und 192 in der dritten Liga) ist dafür zuständig, die richtigen Spieler für Werder Bremen ausfindig zu machen. Gut und günstig müssen sie sein – eine Kombination, die selten ist im Fußball. Im Interview spricht der ehemalige Sportdirektor von Greuther Fürth über modernes Scouting und die zweite Chance, die im Fußball häufiger kommt, als man glaubt.

Wie oft müssen Sie einen Spieler gesehen haben, bis Sie wissen: Ja, der passt?

Rouven Schröder: Das ist unterschiedlich Da gibt es auch keine Standards. Das Wichtigste ist, dass man bei dem Spieler am Ende das gute Gefühl hat, dass er sportlich wie charakterlich zu uns, zu Werder Bremen passt. Zusätzlich zum persönlichen Gespräch mit dem Spieler erkundigt man sich auch mal bei anderen Personen, denen man vertraut und die man wertschätzt, wie sie diesen beurteilen.

Leute aus dem eigenen Verein oder von außerhalb?

Schröder: Das können auch Sportdirektoren, Geschäftsführer und Präsidenten von anderen Clubs sein.

Muss man da nicht die Angst haben, dass einem plötzlich jemand in die Parade fährt?

Schröder: Es gibt im Profi-Fußball immer noch so etwas wie Vertrauen. Wenn man die Befürchtung haben müsste, dass der Angerufene selbst den Spieler oder Berater kontaktiert, sobald man aufgelegt hat, wäre das natürlich schlecht. So etwas ist mir bislang aber noch nie passiert.

Sie sind für das Scouting verantwortlich. Wie leiten Sie Ihre Scouts an?

Schröder: Für mich ist es wichtig, dass die Scouts bei einer Spielerbeobachtung nicht in ein Schema gepresst werden. Ich sehe manchmal Scouts auf der Tribüne, die nur schreiben. Die haben einen schwarzen Stift hierfür, einen blauen dafür und noch einen grünen für etwas anderes – dann frage ich mich, was die überhaupt noch vom Spiel sehen. Ich sage unseren Scouts auch nicht, dass sie besonders auf dieses Detail oder auf jenes Kriterium achten sollen. So enge ich sie nur ein. Sie sollen sich auch nicht schematisch irgendetwas notieren, davon halte ich nichts. Sie sollen Dinge notieren und gucken, so wie Sie das Spiel schauen! Alles aber mit Ihren persönlichen Praktiken und Sichtweisen!

Und anschließend sollen sie diese Eindrücke, dieses Gefühl wiedergeben?

Schröder: Wir haben bei Werder Bremen eine sehr gut gepflegte Datenbank, in der die Infos zu den Spielern notiert werden. Es ist sehr interessant, was da an Einträgen von Scouts vorhanden ist. Jeder Scout schaut ein Spiel anders. Der eine achtet mehr auf die Offensiven, der andere mehr auf die Defensiven. Der nächste achtet mehr auf die Technik, der andere mehr auf den Charakter des Spielers. Das ist eine tolle und wichtige Vielfalt, die so auch gewollt und bewusst ausgewählt ist. Wenn du einen Spieler dann aufrufst, siehst du die ganze Palette der Ergebnisse und guckst dir dann den Spieler selbst noch an.

Und anschließend sagt der Spieler: Ich gehe aber lieber hierhin oder dorthin, weil es in Bremen zu kalt ist, die Bezahlung nicht passt oder Werder die Ablöse nicht stemmen kann. Frustrierend für Sie?

Schröder: Frust empfinde ich nicht. Wer das so sieht, ist fehl am Platz. Natürlich ist es enttäuschend, wenn man viel Zeit investiert, sich reingekniet hat und es dann nicht funktioniert. Aber: Es gehört zu unserem Job, dass sich Spieler auch anders entscheiden. Ich sage immer: Es ist eine Qualität, dann nicht beleidigt oder enttäuscht zu reagieren, sondern dranzubleiben. Zu sagen: ,Okay, es hat jetzt nicht geklappt, ich wünsche dir trotzdem alles Gute! Vielleicht trifft man sich ja nochmal.‘ Das wäre dann das berühmte zweite Mal im Leben…

Sie gelten als entscheidender Tippgeber beim Transfer von Izet Hajrovic. War das so ein zweites Mal?

Schröder: Ich hatte schon vor drei Jahren (Schröder arbeitete als Scout für den 1. FC Nürnberg, Hajrovic spielte bei Grasshopper Zürich, d. Red.) Kontakt zu seinem Agenten aufgenommen, habe mich erkundigt, welche Ideen Izet hat, welche Karriereplanung, welche Voraussetzungen ein Transfer mitbringen würde. Und dann habe ich weiter seinen Weg verfolgt, immer wieder nachgefragt und mich persönlich erkundigt, wie es bei ihm läuft.

Bis es bei ihm nicht mehr lief und er bei Galatasaray Istanbul wegen ausstehender Gehaltszahlungen gekündigt hatte.

Schröder: Das Entscheidende war: Das Netzwerk hat in dem Moment an mich gedacht. Soll heißen: Der Agent hat mich angerufen und nicht irgendwen anderes.

Wie wichtig ist Ihnen die Pflege der Kontakte zu Spielerberatern?

Schröder: Man muss immer ein offenes Ohr haben für die Agenten und auch dann an sie denken, wenn nichts Besonderes anliegt. Da führt man dann auch viele Telefonate, die für den Moment keinen wirklichen Nutzen haben. Aber der Kontakt ist aktiv, das ist wichtig.

Im Fall Hajrovic hat sich das ausgezahlt?

Schröder: Der Ablauf war sehr, sehr gut. Kontaktaufnahme, schnelle Entscheidung – und dann wurde das Ding durchgezogen. Das war ein Transfer ohne großes Tamtam.

Vergessen Sie auch mal einen Spieler oder sind alle, mit denen Sie sich beschäftigt haben, in Ihr Gedächtnis eingebrannt?

Schröder: Es wäre Unsinn, das zu behaupten. Aber klar, ein gutes Gedächtnis gehört dazu. Wenn ein Spieler auf den Plan tritt, ist es natürlich von Vorteil sein Profil inklusive Stärken und Schwächen zu kennen! Daher gilt es, sich Tag für Tag mit dem Markt zu beschäftigen. Insgesamt ist es aber so, wie es ein erfahrener Scout mal beschrieben hat: In 95 Prozent der Fälle geht es um Ausschlussscouten. Also darum, Transfers zu verhindern, weil wir beobachten konnten, dass der Spieler nicht die vom Agenten angebotene und von uns gewünschte Qualität hat.

Auch Spieler achten natürlich darauf, dass der Club attraktiv ist – sportlich wie finanziell. Wie ist Ihre Erfahrung nach drei Monaten bei Werder – gehen die Türen noch auf oder bleiben viele verschlossen?

Schröder: Werder Bremen ist für Spieler und Berater weiterhin ein attraktiver Verein. Wenn wir grundsätzlich abgelehnt würden, müssten bei uns die Alarmglocken schrillen. Aber so ist es nicht.

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