Klemm-Brett vor Köln-Spiel

Rafael Czichos im Interview: „Der Sprung zu Werder war einfach nicht drin“

Rafael Czichos schlief früher in Bettwäsche des SV Werder Bremen. Heute spielt der Innenverteidiger für den 1. FC Köln in der Bundesliga. Am Samstag trifft er auf seinen ehemaligen Lieblingsclub.
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Rafael Czichos schlief früher in Bettwäsche des SV Werder Bremen. Heute spielt der Innenverteidiger für den 1. FC Köln in der Bundesliga. Am Samstag trifft er auf seinen ehemaligen Lieblingsclub.

Von wegen Rente: Hans-Günter Klemm, langjähriger Kicker-Redakteur mit Expertise rund um Werder Bremen, hält für die DeichStube Augen und Ohren offen – fällt ihm 'was zum kommenden Gegner der Grün-Weißen auf, notiert er es auf seinem Klemm-Brett. Vor dem 17. Spieltag geht es um den 1. FC Köln. Mit einem Interview von FC-Profi Rafael Czichos.

Seine Helden hießen Marco Bode, Dieter Eilts und Bruno Labbadia. Wie bei vielen Jungs damals. Rafael Czichos war Werder-Fan durch und durch – sogar nachts. Der 29-Jährige, der heute für den 1. FC Köln verteidigt (14 Saisoneinsätze, ein Tor), schlief als Kind in grün-weißer Bettwäsche. Bis zu seinem 20. Lebensjahr lebte er nur wenige Kilometer entfernt vom Weserstadion, doch für Werder Bremen hat der Innenverteidiger nie gespielt. 

Seine Karriere nahm einen eher ungewöhnlichen Verlauf. In der Jugend wurde er beim FC Verden 04 ausgebildet, dann ging es zum TSV Ottersberg – Herren-Oberliga. Von dort führte sein Weg über die Amateure des VfL Wolfsburg und RW Erfurt zu Holstein Kiel und 2018 nach Köln. Am Samstag (15.30 Uhr, DeichStube-Live-Ticker) trifft Czichos mit dem 1. FC Köln zum ersten Mal in einem Pflichtspiel auf Werder Bremen, den Lieblingsclub aus der Zeit vor der Profi-Laufbahn.

Aufgeregt vor dem Spiel, Herr Czichos?

Klar, das Spiel ist etwas Besonderes für mich. Ich bin in Bremen aufgewachsen. Alle in meiner Familie sind Werder-Fans. Die Ticketanfragen aus der Heimat waren dementsprechend hoch für dieses Spiel (lacht). Ich freu mich drauf.

Als Kind haben Sie in Werder-Bettwäsche geschlafen, doch Ihr Talent blieb in der Hansestadt unentdeckt. Warum klappte es nicht bei Werder?

Diese Frage wurde mir schon häufig gestellt. Mein Weg in den Profi-Fußball verlief aus heutiger Sicht vielleicht nicht wie im Bilderbuch: Nachwuchsleistungszentrum, Debüt bei den Profis, Bundesliga – das war bei mir alles anders. Der Sprung in den Nachwuchsbereich von Werder war damals einfach nicht drin. Trotzdem ging es für mich Station für Station nach oben, bis in die Bundesliga. Darauf bin ich stolz.

Was macht Markus Gisdol, der neue FC-Trainer, anders als Vorgänger Achim Beierlorzer?

Diese Vergleiche sind immer mühselig, es geht nicht unbedingt um anders. Jeder Trainer hat seine eigenen Ideen und seine Art, eine Mannschaft zu führen. Was ich sagen kann: Markus Gisdol hat eine klare Linie, er nutzt jedes Training, um mit uns Stück für Stück die Sicherheit und das Selbstvertrauen zu erarbeiten, das in unserer Situation ganz, ganz wichtig ist. Und er hat eine gute Ansprache an die Mannschaft.

Waren der Erfolg im Rhein-Derby gegen Leverkusen und jetzt der unerwartete Dreier in Frankfurt die Wende im Abstiegskampf?

Es ist definitiv zu früh, um von der Wende zu sprechen. Wir haben zuletzt sechs Punkte in zwei Spielen geholt. Damit sind wir ebenso wenig gerettet, wie wir nach dem Spiel bei Union abgeschrieben waren. Wichtig war, dass wir das, was wir uns vorgenommen haben, richtig gut umgesetzt haben. Wir haben kompakt gestanden, und zumindest in Leverkusen endlich mal wieder zu null gespielt. Das positive Gefühl müssen wir mit in das letzte Heimspiel nehmen – und mit der gleichen Intensität wie zuletzt reingehen.

Kann Köln den Klassenerhalt schaffen und auf Dauer das Image der Fahrstuhlmannschaft ablegen?

Das ist unser Ziel – und wir glauben daran, dass wir das schaffen. Aber jedem von uns ist auch bewusst, dass dieser Weg bis zum letzten Spieltag gehen kann.

Wie bewerten Sie die Vorstellung Werders in dieser Saison?

Nach dem souveränen Verlauf der letzten Saison ist es schon überraschend, dass Werder dieses Jahr noch nicht so richtig in die Erfolgsspur gefunden hat. Mit einem Auge blicke ich natürlich immer darauf, wie es in Bremen läuft. Da waren viele enge Spiele dabei, in denen sie einige Punkte liegen gelassen haben.

Spruch

„Natürlich würde ich versuchen, so eine Ikone einzubauen.“

Horst Heldt, der neue Sport-Geschäftsführer, über das mögliche Comeback des Vereinshelden Lukas Podolski

Wissenswertes vor dem Auswärtsspiel von Werder Bremen beim 1. FC Köln: Hans-Günter notiert es auf seinem Klemm-Brett.

Etat: 1. FC Köln im Bundesliga-Mittelfeld

In der Tabelle ganz unten, im Ranking der Etats immerhin an zehnter Stelle platziert. Es klafft ein Lücke zwischen dem erzielten Resultat und der wirtschaftlichen Grundlage. Köln gibt im Jahr 65,92 Millionen Euro für den Spielbetrieb aus und damit rund acht Millionen Euro mehr als Werder (58,35 Mio.), das auf Platz 12 liegt.

Neu-Trainer Markus Gisdol nur dritte Wahl

Andere sollten den Job bekommen. Die Kölner hatten andere Favoriten ausgemacht. An erster Stelle Bruno Labbadia, zuletzt in Wolfsburg, danach Pal Dardai, bis Sommer der Coach bei der Berliner Hertha. Beide sagten jedoch ab, Dardai nach schon gestarteten Gesprächen. Also dachten die Kölner um und verpflichteten neun Tage nach dem Beierlorzer-Aus einen neuen Trainer. Markus Gisdol, der zuletzt beim Hamburger SV bis 2018 und zuvor bei der TSG Hoffenheim tätig gewesen ist. „Markus stand von Anfang an auf meiner Liste“, beeilte sich Frank Aehlig, der Leiter der Lizenzspieler-Abteilung, zu sagen.

Dieser hatte sich nach dem Rücktritt von Armin Veh bemüht, das Vakuum im Management auszufüllen. Aehlig lobte den 50-jährigen Gisdol (Vertrag bis 2021) als einen „erfahrenen Mann“, der stressresistent sei und sich auskenne mit unruhigen Umfeldern bei Traditionsvereinen – nicht zuletzt dank seiner Erlebnisse beim HSV. Fast gleichlautend formulierte es der Beierlorzer-Nachfolger, indem er die Lage beim abstiegsbedrohten „Effzeh“ mit seinem letzten Engagement in Hamburg verglich: „Ich kenne solche Herausforderungen. Ich bin total überzeugt, dass wir diese auch meistern können.“

Missglückter Einstand

„Team und Club sind in einer schwierigen Situation“, so lautete die Diagnose, die der neue Mann abgab. Der Einstand von Markus Gisdol in Köln misslang beim 1:4 in Leipzig, einer Partie, in der die Rheinländer in allen Belangen unterlegen waren. Für den neuen Trainer ist somit klar, „dass es kein einfacher Weg wird.“ So oder ähnlich sieht es auch Rafael Czichos, Kölns Bester und der einzige Feldspieler, der Normalform bringt: „Wir waren einfach zu lieb, nicht mutig genug.“

Torflaute des 1. FC Köln

Nur 18 Treffer erzielt - der zweitschlechteste Wert der Bundesliga. Ganz am Ende der Tabelle steht der 1. FC Köln auch, was das Kreieren und Nutzen von Chancen anbelangt. Diese Torflaute kennzeichnet die Hinrunde. Die Stürmer sind gefragt, das zu ändern. In Leipzig versuchte es Trainer Gisdol mit Anthony Modeste, der weitgehend wirkungslos blieb. Die neue Chance für Simon Terodde. Zudem steht mit Jhon Cordoba noch ein potenzieller Torjäger im Kader. In der 2. Liga war das Duo Cordoba (20 Treffer) und Terodde (29 Treffer) überaus erfolgreich. Doch beide gemeinsam aufzubieten, dagegen spricht Gisdols Vorliebe, mit einem 4-2-3-1 zu operieren.

Form des 1. FC Köln

Das Ausrufezeichen in Frankfurt: Köln siegte 4:2, holte den zweiten Sieg in Folge und das nach einem 0:2-Rückstand. Zwei Ex-Bremer spielten dabei eine Rolle. Im Eintracht-Tor stand Felix Wiedwald und bei Köln wurde der spät eingewechselte Florian Kainz zum effektiven Joker. Der Österreicher bereitete zwei Treffer vor: das 2:1 durch Sebastiaan Bornauw sowie das 3:1 durch Dominick Drexler. Zudem waren Nationalspieler Jonas Hector und Ismael Jakobs erfolgreich. So drehten die Gisdol-Schützlinge ein Spiel, das nach dem 0:2-Rückstand durch Tore von Martin Hinteregger und Goncalo Paciencia schon verloren schien. 

Zuvor war dem Club im vierten Spiel mit Neu-Trainer Gisdol der Befreiungsschlag gelungen: der erste Dreier beim überraschenden 2:0 im Derby gegen Leverkusen nach zuvor sieben sieglosen Partien. Joker Jhon Cordoba erzielte die Führung, Abwehrspieler Sebastiaan Bornauw, aus Belgien vom RSC Anderlecht im Sommer verpflichtet, besorgte das zweite Tor. Die Kölner spielten lange in Überzahl, profitierten so von der Gelb-Roten Karte von Aleksandar Dragovic und dem Feldverweis von Leon Bailey. Zuvor hatte es in der Gisdol-Ära einen Punktgewinn beim 1:1 gegen Augsburg gegeben sowie zwei Niederlagen – 1:4 in Leipzig und 0:2 bei Union Berlin.

Pechvogel Marcel Risse

Muskelprobleme im Sommer, dann Beschwerden in den Adduktoren – die Saison für Marcel Risse steht unter keinem glücklichen Stern. Der 29-Jährige kommt auf nur 115 Spielminuten in dieser Saison. Nun hat es ihn wieder erwischt: muskuläre Beschwerden im rechten Oberschenkel. Für Risse ist die Hinrunde somit vorzeitig beendet.

Horst Heldt ist seit kurzer Zeit als Geschäftsführer Sport beim 1. FC Köln tätig.

Neuer Köln-Boss Horst Heldt

„Der FC ist für mich nicht irgendein Job. Ich kehre zu dem Verein zurück, bei dem ich Profi wurde und mit dem mich nach zehn gemeinsamen Jahren sehr viel verbindet“, sagt Horst Heldt über sein Engagement beim „Effzeh“. Der neue Geschäftsführer Sport weiß, wie er sich zu verkaufen hat. Nach „Kölle“ zurück wollte er schon im November 2017, als er noch bei Hannover 96 vertraglich gebunden war. Doch 96-Patron Martin Kind machte diesen Planungen einen Strich durch die Rechnung. Im April 2019 wurde Heldt als Manager bei den Niedersachsen entlassen, nun ist sein Traum erfüllt worden. 

Heldt, der 151 Bundesliga-Partien für den 1. FC Köln bestritten hat, unterschrieb bei den Domstädtern einen Kontrakt bis Sommer 2021. Sein erster Kommentar zur sportlichen Lage: „Die Situation ist nicht einfach, aber sie ist auch nicht so schlecht, wie es momentan manchmal dargestellt wird.“ Lange galt auch Erik Stoffelshaus, der sehr gute Arbeit bei Lokomotive Moskau geleistet hat, als ein Kandidat. Doch Heldt machte das Rennen. Begründung von FC-Präsident Werner Wolf: „Heldt hat bewiesen, dass er Kader planen, Teams führen und sich auf wechselnde Gegebenheiten einstellen kann.“

Youngster Jan Thielmann - erster Bundesliga-Spieler aus dem Jahrgang 2002

Beim 2:0 gegen Leverkusen feierte er seinen Einstand: Jan Thielmann, blutjung mit seinen 17 Lenzen. Der Stürmer, der vor zwei Jahren aus Trier gekommen ist, sorgte damit für eine Premiere. Er ist der erste Akteur aus dem Jahrgang 2002, der in der Bundesliga spielt.

Bilanz zwischen Werder Bremen und dem 1. FC Köln

So gut wie ausgeglichen ist die Bilanz zwischen Werder und Köln. In 102 Spielen landete Werder 38 Siege, Köln 37 bei 27 Remis. Allein auf die Bundesliga bezogen sind die beiden Rivalen exakt pari: 92 Partien, je 34 Siege für beide, 24 Unentschieden. Köln weist indes ein eindeutiges Plus bei der Heimbilanz auf: 27 Erfolge in 46 Spielen bei 13 Remis und sechs Werder-Siegen.

Werder Bremen: Letzter Sieg in Köln

Der letzte Sieg des SV Werder in Köln liegt schon 14 Jahre zurück. Am 11. Dezember 2005 gewann Bremen deutlich mit 4:1 nach Treffern von Miroslav Klose (2), Naldo und Johan Micoud, Imre Szabics gelang der Ehrentreffer.

Werder Bremen: Letztes Spiel in Köln

Das letzte Spiel, das Werder in Köln bestritt, endete torlos. Erfolgserlebnis für Grün-Weiß am 22. Oktober 2017. Davor hatte es im Mai 2017 ein 3:4 gegeben. Fin Bartels, Theo Gebre Selassie und Serge Gnabry hießen damals die Torschützen. Für die Kölner war ein Spieler erfolgreich, der heute für Werder spielt: Leonardo Bittencourt.

Nach der 0:1-Niederlage gegen den 1. FC Köln zum Ende der Hinrunde: Werder-Coach Florian Kohfeldt verspricht den Klassenerhalt.

Quelle: DeichStube

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