Der etwas andere Werder-Profi

Gondorf: „Ich sehe mich als Gründer einer Sport-Kita“

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Jerome Gondorf hat es mit 27 Jahren doch noch in die Bundesliga geschafft.

Bremen - Werder-Profi Jerome Gondorf ist ein Spätberufener, seine Karriere als Fußballer lief alles andere als glatt.

Er selbst hat schon gar nicht mehr daran geglaubt, dass sich sein Kindheitstraum erfüllt. Und nun darf ihn der 29-Jährige sogar bei einem so großen Club wie Werder Bremen weiterleben. Wie Gondorf das geschafft hat, warum er sich mit Miroslav Klose und Bastian Schweinsteiger vergleicht und wieso er eine Sport-Kita gründen will, verrät der Mittelfeldspieler im Interview mit der DeichStube.

Auch wenn es schon ein paar Tage her ist: Gratulation zum gelungenen Werder-Debüt! Wie war das 3:0 gegen Würzburg, Ihr erstes Pflichtspiel als Bremer, für Sie?

Jerome Gondorf: Es war ein sehr souveräner Auftritt der Mannschaft. Und was mich betrifft, war es mir wichtig zu zeigen, dass ich zurecht das Vertrauen des Trainers bekommen habe.

Ist es Ihnen gelungen?

Gondorf: Ich war ganz zufrieden mit meiner Leistung, hatte nicht viele Fehler in meinem Spiel, auch wenn ich vielleicht nicht der bin, der den extrem auffallenden Fußball bietet.

Das klingt ein bisschen bieder und nach dem, was Sportchef Frank Baumann über Sie gesagt hat. Er hat Sie als „nicht so spektakulären Transfer“ bezeichnet.

Gondorf: Ich bin einer, der viel für die Mannschaft arbeitet. Einer, der versucht, seine Mitspieler in Szene zu setzen, obwohl ich gar nicht den Ball habe. Ich versuche, durch Laufwege Räume zu schaffen, von denen nicht ich direkt profitiere, sondern ein Mitspieler. Ich versuche auch immer, dem Spiel die Balance zwischen Offensive und Defensive zu geben. Ich denke, dass das unter anderem Dinge sind, weshalb ich jetzt bei Werder bin.

Weil Sie mehr Malocher sind, weniger Ästhet?

Gondorf: Nein, das würde ich nicht sagen. Ich spiele sehr gut Fußball, bin ruhig am Ball, bringe viele technische Fähigkeiten mit. Früher hätte man gesagt, das ist ein klassischer Zehner.

Wieso sind Sie es nicht geworden?

Gondorf: Ich hatte das Glück, dass ich durch meine früheren Trainer eine Prägung bekommen habe, dass ich das Herz am richtigen Fleck habe, um auch den Rasen umwälzen zu können. Ich bin ein Spieler, der technische Finesse kombiniert mit Kampfgeist und Laufbereitschaft.

Sie sagen außerdem über sich, Sie könnten im Mittelfeld jede Position spielen. Wie ist es zu dieser Vielseitigkeit gekommen?

Gondorf: In der Jugend war ich ein Zehner. Dann wurde ich auf meiner ersten Profi-Station bei den Stuttgarter Kickers (damals Drittligist, d. Red.) auf außen gebraucht. Bei Darmstadt 98 ging es dann wieder in die Mitte. Ich ziehe da immer eine gewisse Parallele zu meinem Idol Bastian Schweinsteiger.

Welche?

Gondorf: Er hat auch außen angefangen, ist dann in die Mitte gezogen. Mein Werdegang ist ähnlich.

Jerome Gondorf – ein Typ wie Schweinsteiger?

Gondorf (lacht): Nein, ich bin nicht so vermessen, das zu behaupten. Ich finde nur seine Art zu spielen sehr prägend. Er kann einem Spiel Rhythmus verleihen. Ich habe mich da ein bisschen wiedergesehen – aber natürlich nicht auf der gleichen Qualitätsstufe.

Wie würden Sie Ihre Art zu spielen beschreiben?

Gondorf: Ich versuche, immer in Ballnähe zu sein. Das ist ein allgemeines Merkmal von mir: Wo der Ball ist, ist auch Jerome Gondorf nicht weit. Ich habe einfach dieses Bedürfnis, immer in Aktion zu sein, immer etwas mitgestalten zu können.

Wer hat Sie dahingehend am meisten beeinflusst?

Gondorf: Dirk Schuster, mein Trainer bei Darmstadt 98. Er hat mich gelehrt, in den Punkten Kampfgeist, Laufbereitschaft und unbedingter Wille alles aus mir herauszuholen. Er war ein ganz wichtiger Förderer für mich.

In Darmstadt und unter Schuster hat Ihre Karriere einen späten Aufwind bekommen. Mit knapp 26 Jahren haben Sie noch in Liga drei gespielt, mit 27 Jahren wurden Sie dann Bundesliga-Spieler. Wieso nicht schon früher?

Gondorf: In der Jugend hatte ich noch nicht die Konstanz, die es gebraucht hätte. Ich hatte in der U 19 beim Karlsruher SC zusammen mit Lars Stindl (jetzt Borussia Mönchengladbach, d. Red.) und Daniel Brosinski (Mainz 05, d. Red.) gespielt. Die hatten damals schon Vorverträge für die Amateur-Mannschaft des KSC. Mit Lars war die Konkurrenz für mich natürlich sehr groß, und ich hatte im Vergleich zu ihm noch nicht die Beständigkeit. Ich habe immer mal wieder ein gutes Spiel gemacht, dann auch wieder ein schlechtes. Lars war konstant auf einem hohen Level – das war der große Unterschied.

Statt bei den KSC-Amateuren haben Sie dann in der Verbandsliga gespielt.

Gondorf: Ich wollte mich auf mein Abitur konzentrieren, habe bewusst diesen Weg gewählt. Ich glaube, letztendlich hat mir das alles sehr, sehr gutgetan. Für meine persönliche wie für meine fußballerische Entwicklung. Ich habe dieses Arbeiten und Kämpfen in mein Herz reinbekommen. Ich kann heute über mich sagen, dass ich ein Spieler bin, der auf dem Platz immer hundert Prozent und mehr gibt.

Und die persönliche Entwicklung?

Gondorf: Wenn man sich von unten nach ganz oben arbeiten muss, dann braucht man einen starken Charakter. Man muss mit Rückschlägen klarkommen und eine eigene Stärke daraus entwickeln können.

DeichStuben-Reporter Carsten Sander im Gespräch mit Werder-Profi Jerome Gondorf.

Wer hat Ihnen geholfen?

Gondorf: Meine Frau, meine Eltern und Geschwister, aber auch meine Freunde haben eine ganz entscheidende Rolle gespielt. Sie haben immer gesagt: ,Wir glauben an dich, wir sehen dich irgendwann da oben. In der Verbandsliga ist nicht Schluss, in der Oberliga ist nicht Schluss und es geht auch mehr als Dritte Liga.‘ Den Zuspruch gab es immer, das war sehr stärkend.

Haben Sie Ihrer Familie und Ihren Freunden immer geglaubt?

Gondorf: Ehrlicherweise muss ich sagen, habe ich nicht mehr daran geglaubt, dass ich noch in der Bundesliga lande. Dieser Kindheitstraum war zwar immer da, aber wenn man nach dem Jugendbereich nicht die Chance bekommt, sich in einem Profi-Club beweisen zu können, stürzt schon mal kurz eine Welt ein. Als dann schrittweise der Erfolg zurückkam, wuchs auch der Glaube wieder. Als mit Darmstadt der Aufstieg in die Zweite Liga geschafft war und die Hinrunde sehr gut lief, habe ich selbst gemerkt: ,Hey, du hast die Möglichkeit, deinen Kindheitstraum doch noch mal aufleben zu lassen.‘

Eine bemerkenswerte Karriere.

Gondorf: Für mich absolut. Ich bin vielleicht kein Einzelfall, aber ich bin schon eine Seltenheit. Und darauf bin ich schon stolz. Vom Fan zum Profi – ein Miroslav Klose kann diese Geschichte auch von sich erzählen. Aber natürlich in einer ganz anderen Dimension.

Wer mit Mitte 20 noch nicht in Liga eins oder zwei angekommen ist, sollte eine berufliche Alternative im Kopf haben. Miroslav Klose war zum Beispiel Zimmermann, bevor der Durchbruch kam. Wie war es bei Ihnen?

Gondorf: Ich hatte einen relativ klaren Plan. Ich hatte mein Abitur gemacht und danach für ein Jahr meinen Zivildienst in einem Schul-Hort absolviert. Das war für mich eine sehr wichtige Erfahrung, weil ich schon immer mit Kindern arbeiten wollte. Im Anschluss wollte ich studieren, doch dann bekam ich bei den Stuttgarter Kickers die Chance auf meinen ersten Profi-Vertrag. Damit hatte sich das mit dem Studium erst mal erledigt. Ich wollte die Chance nutzen, wollte alles investieren und habe gesagt: ,Fußball und sonst nichts.‘ Nach zwei Jahren bei den Kickers habe ich dann doch noch ein Lehramtsstudium an der Pädagogischen Hochschule in Karlsruhe angefangen. Das musste ich allerdings wegen des Wechsels nach Darmstadt im zweiten Semester abbrechen. Letztendlich hat das ja alles seine Richtigkeit gehabt.

Bleibt die Wiederaufnahme des Lehramtsstudiums eine Option?

Gondorf: Ich weiß es nicht. Derzeit absolviere ich ein Fernstudium Sportmanagement, da bin ich schon zur Abschlussprüfung im Sommer 2018 zugelassen. Es ist mir wichtig, dass ich mir für die Zeit nach der Karriere ein Standbein schaffe. Ich habe da auch schon eine Idee.

Jerome Gondorf: Seine Karriere in Bildern

Worum geht‘s?

Gondorf: Ich sehe mich als Gründer einer Sport-Kita, in der Kinder in ihren speziellen Fähigkeiten gefördert werden. Einer meiner Brüder ist Pädagoge und könnte da sehr gut mitwirken. Mein Schwager auch. Ich habe also sehr, sehr gute Grundvoraussetzungen in der Familie und bei Freunden.

Apropos Bruder: Sie haben gleich vier davon.

Gondorf: Und eine Schwester.

Da war im Hause Gondorf bestimmt immer Highlife.

Gondorf: Weniger im Haus, sondern mehr draußen im Hof oder auf dem Sportplatz. Wir waren Kinder, die nur sehr selten zu Hause waren. Fußball war und ist Alltag in unserem Familienleben. Wir sind alle im Fußball aktiv. Nur meine Schwester nicht mehr, obwohl sie wirklich Talent hat.

Ihr jüngster Bruder Fabian spielt mit 21 Jahren beim SSV Ulm in der Regionalliga. Kommt da noch ein spätzündender Gondorf auf die Bundesliga zu?

Gondorf: Ich hoffe, dass er die Möglichkeit bekommt. Ich glaube, dass er ein noch größeres Talent hat als ich.

Sie sind bei Werder angekommen, und man hatte nie das Gefühl, dass Sie neu sind im Mannschaftskreis.

Gondorf: Ich glaube, dass das ein Grundstein ist, weshalb ich jetzt Erstliga-Spieler bin. Ich habe es immer irgendwie geschafft, mich schnell an die Mannschaft und die Spielklasse anzupassen. Ich glaube, dass das eine Qualität ist. Und diese Qualität habe ich.

In Darmstadt waren Sie ein Führungsspieler, in Bremen sind das erst mal andere.

Gondorf: Ich habe nicht den Anspruch, irgendjemanden zu führen. Ich finde es immer ganz gut, wenn man von elf Häuptlingen im Team spricht. Wenn du nur einen hast, der vorangeht, fangen andere an, sich hinter dem zu verstecken. Davon halte ich nicht viel. Ich erhebe auch keinen Führungsanspruch. Durch meinen Karriereweg, der ein bisschen anders ist als beim Großteil der Bundesliga-Profis, und durch mein Alter habe ich gewisse Erfahrungen gesammelt, die ich weitergeben möchte. Aber das hat nichts mit einem Führungsanspruch zu tun. Mein Anspruch ist es, mit der Mannschaft erfolgreich zu sein.

Am Samstag starten Sie mit Werder bei 1899 Hoffenheim in die Bundesliga-Saison. Es gibt leichtere Auftaktgegner, oder?

Gondorf: Stimmt schon. Aber wir hatten eine gute Vorbereitung. Ich sehe uns gewappnet für die Aufgaben, freue mich total auf den Saisonstart und bin sicher, dass wir jedem Gegner standhalten können.

Quelle: DeichStube

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