Ousman Manneh: Aus Gambia in Werders U23

Flucht ins Glück

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Werder-Stürmer Ousman Manneh beim Training der U23

Bremen – Von Michael Baltes. Es klingt fast wie im Märchen: Vor rund einem Jahr lebte Ousman Manneh noch in Gambia – einem Land, in dem Folter und Willkür an der Tagesordnung sind. Er floh nach Bremen. Mit im Gepäck: Jede Menge Fußballtalent. Schnell überzeugte sein Können in der Hansestadt, Werder verpflichtete den jungen Stürmer für die U23. Mannehs Geschichte geht dabei weit über den Fußball hinaus. Gerade in Bremen hat sie Symbolwirkung. Denn zuletzt waren minderjährige Flüchtlinge stark in Verruf geraten.

Raub, Erpressung, Schlägereien, Messerstechereien – minderjährige Flüchtlinge haben in den vergangenen Monaten in Bremen für reichlich Ärger gesorgt. Die Öffentlichkeit ist entsetzt, die Politik diskutiert, wie mit den Straftätern umgegangen werden soll. Was dabei häufig unter den Tisch fällt: Allein 2014 sind rund 500 unbegleitete, minderjährige Flüchtlinge in die Hansestadt gekommen – wirklich problematisch verhält sich davon nur eine kleine Gruppe von etwa 25 bis 30 Jugendlichen. Die Mehrheit, so sagt das Sozialressort, hält sich an die Regeln und ist friedlich. Die negativen Schlagzeilen prägen dennoch das Bild, schnell kommt es deshalb zu Verallgemeinerungen.

Positive Nachrichten, die es schaffen, das öffentliche Interesse auf sich zu lenken und das schiefe Bild über die Flüchtlinge etwas geradezurücken, sind selten. Für eine dieser Schlagzeilen hat jüngst Ousman Manneh gesorgt. Der mittlerweile 18 Jahre alte Flüchtling aus Gambia ist auf dem besten Weg, Fußballprofi zu werden. Werder Bremen hat ihn für die U23 der Grün-Weißen verpflichtet und mit einem Vertrag bis 2018 ausgestattet.

Manneh war 2014 im Alter von 17 Jahren aus Gambia nach Bremen geflohen, wo er im Flüchtlingsheim Lesum unterkam. In seiner Heimat herrscht eine Diktatur, Präsident Yahya Jammeh wirft Regimegegner und Homosexuelle ins Gefängnis und lässt systematisch foltern. Wie Manneh die Flucht gelungen ist, darüber spricht er nicht. Per Businessclass-Ticket mit dem Flugzeug ist er aber sicherlich nicht gekommen. In den meisten Fällen führt der Weg afrikanischer Flüchtlinge übers Mittelmeer. Schlepperbanden schleusen sie für viel Geld auf überfüllten Booten und unter menschenunwürdigen Bedingungen nach Europa – nicht selten endet die Flucht in einer Tragödie.

Manneh von mehreren Clubs beobachtet

Ob Manneh ähnliche traumatische Dinge erlebt hat, wird er möglicherweise irgendwann einmal erzählen. Momentan lässt er etwas anderes für sich sprechen: den Fußball. Manneh verfügt über ein außerordentliches Talent. Als er im vergangen Sommer bei einem Sichtungstraining des Blumenthaler SV für die A-Jugend-Regionalliga vorspielte, überzeugte der 1,90 Meter große Stürmer sofort. Als er in den Regionalligapartien dann auch noch regelmäßig zwei- oder sogar dreifach traf, waren schnell größere Clubs vor Ort, um Manneh zu beobachten. Auch Werder schickte Scouts.

Es folgte ein Probetraining bei den Grün-Weißen – anschließend wurden sich die Parteien schnell über einen Wechsel einig. Vollzogen werden konnte der Transfer allerdings noch nicht. Zum Schutz von minderjährigen Spielern hat die Fifa strenge Regularien auferlegt. So darf ein nicht aus Europa stammender Spieler grundsätzlich, bis auf wenige Ausnahmen, erst bei Volljährigkeit unter Vertrag genommen werden. In Absprache mit dem Blumenthaler SV trainierte Manneh ab Beginn des Jahres aber bereits bei Werder und nahm auch an Testspielen teil.

Einen Tag nach seinem 18. Geburtstag wurde der Wechsel am 11. März offiziell vollzogen. „Er ist ein junger Spieler, der über ein großes fußballerisches Potenzial verfügt. Für uns ist es nun eine spannende Aufgabe, an seiner weiteren sportlichen Entwicklung mitzuwirken", freute sich Werders U23-Coach Alexander Nouri. Ganz von ungefähr kommt Mannehs Können dabei nicht. In Gambia wurde er seit 2004 in der Rush Soccer Academy in Bakau ausgebildet. Sein ehemaliger Academy-Trainer, Abdoulie Bojang, beschreibt ihn in der gambischen Zeitung „Daily Observer“ als disziplinierten, hart arbeitenden und talentierten Torjäger.

Verwirrung um Mannehs Alter – Jahrgang 95 oder 97?

Auch in Gambias Nationalteam hat Manneh bereits Spuren hinterlassen. Zumindest lässt sich im Internet auf der offiziellen Fifa-Seite sein Name im Kader für ein Länderspiel im September 2013 finden. Was allerdings Fragen aufwirft: bei fifa.com wird der Stürmer mit Jahrgang 1995 angegeben. Ist Manneh also bereits 20 und nicht wie angenommen erst 18 Jahre alt?

Die Unstimmigkeiten sind Werder bekannt. Allerdings bestätigen die Dokumente, die den deutschen Behörden vorliegen, das Datum in Mannehs Geburtsurkunde, sagt Frank Baumann, Direktor Profi-Fußball und Scouting bei den Grün-Weißen. Und demnach ist Manneh gerade erst 18 Jahre alt geworden. Auch beim DFB und dem Bremer-Fußballverband wird der Stürmer mit Jahrgang 1997 geführt. Dass Gambia vom afrikanischen Fußballverband (CAF) von 2014 bis 2016 von allen Kontinentalwettbewerben ausgeschlossen worden war, weil der nationale Verband mehrere Spieler für ein U20-Turnier jünger gemacht und mit falschen Pässen ausgestattet hatte, lässt dennoch stutzen.

Unbeirrt von den Fragen um sein Alter geht Manneh seinen Weg. "Obwohl er erst seit kurzer Zeit in Bremen ist, hat sich Ousman bereits sehr gut integriert. Er hat ein gefestigtes Umfeld, nimmt seit einem halben Jahr Deutschunterricht und hat trotz seines jungen Alters klare Vorstellungen und Ziele“, so Baumann. Sein Debüt für Werders U23 gab Manneh beim 1:0-Auswärtssieg in Havelse, als er bereits in der ersten Halbzeit eingewechselt wurde. Auch am vergangenen Wochenende kam der Stürmer in der Regionalliga Nord zum Einsatz. Diesmal schickte ihn Trainer Nouri für die Schlussphase beim 1:1 gegen Lübeck aufs Feld.

Ein Treffer ist ihm bisher zwar noch nicht gelungen - aber auch das dürfte nur eine Frage der Zeit sein. Jugendtrainer Bojang prophezeit seinem ehemaligen Schützling jedenfalls eine erfolgreiche Zukunft: „Ich bin optimistisch, dass er es auf internationalem Level schaffen kann.“

Ousman Manneh: 18-jähriges Talent in der U23

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