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Werder-Coach Ole Werner im DeichStube-Interview – Teil 2: „Wir haben in der Kabine keinen einzigen Idioten sitzen“

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Von: Malte Bürger

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Werder Bremen-Trainer Ole Werner spricht im DeichStube-Interview unter anderem über die Schwierigkeit, auch unbequeme Entscheidungen treffen zu müssen.
Werder Bremen-Trainer Ole Werner spricht im DeichStube-Interview unter anderem über die Schwierigkeit, auch unbequeme Entscheidungen treffen zu müssen. © Imago Images/Roger Petzsche

Bremen – Das erste Jahr beim SV Werder Bremen hielt für Trainer Ole Werner etliche schöne Erlebnisse bereit – aber eben nicht nur. Im zweiten Teil seines großen Interviews mit der DeichStube spricht der 34-Jährige über das gestiegene öffentliche Interesse an seiner Person und seine Abneigung gegenüber unbequemen Personalentscheidungen.

Wo es viel Erfolg gibt, da werden auch reichlich Schulterklopfer und Huldigungen verteilt. Fällt es Ihnen jetzt als Teil der großen Bundesliga schwer, der Ole Werner zu bleiben, den Freunde und Familie zu Hause kennen?

Nein, wenngleich man da eigentlich meine Freunde und Familie fragen müsste. Aber bis jetzt hat sich niemand abgewandt. Es sind auch keine zwielichtigen Gestalten dazugekommen. Das ist, glaube ich, ein ganz gutes Zeichen. Ich mache diesen Job sehr gerne und weiß, dass er viel Aufmerksamkeit mit sich bringt. Das ist dann vielleicht manchmal den Menschen, mit denen man unterwegs ist, ein wenig unangenehm. Das Privatleben hat sich in den vergangenen Jahren klar geändert. Man geht eben nicht mehr unerkannt ins Restaurant oder abends ein paar Bier mit den Freunden trinken. Da überlegt man sich schon, wo und ob man das überhaupt noch macht.

Die Öffentlichkeit ist ein gutes Stichwort. Vor einiger Zeit waren Sie mit Ihrer Freundin privat in Bremerhaven beim Eishockey – und hinterher tauchten plötzlich Fotos und Geschichten darüber in mehreren Medien auf. Was war Ihr erster Gedanke, als Sie das gesehen haben?

Ich wurde darüber vorab informiert, was ich schon mal ganz in Ordnung und fair finde. Ich wundere mich zwar manchmal, aber wahrscheinlich gibt es da irgendwo ein öffentliches Interesse und Journalisten müssen darüber berichten. Ich habe das alles aber eigentlich so hingenommen, war relativ emotionslos. Ich brauche das natürlich alles nicht, muss mein Gesicht nicht überall in der Zeitung sehen, aber es ist eben Teil dieses Jobs. Meine Freundin hatte damit in diesem Fall aber auch nicht das ganz große Problem.

Werder Bremens Ole Werner über Begleiterscheinungen im Profifußball: „Man gibt einen Großteil seiner Privatsphäre auf“

Muss man unter dem Strich also einfach akzeptieren, dass man mit seiner Vertragsunterschrift im Profifußball solche Begleiterscheinungen „mitgekauft“ hat?

Ja, das glaube ich schon. Man gibt einen Großteil seiner Privatsphäre auf, zumindest die, die im öffentlichen Raum stattfindet. Eine weitere Kehrseite ist, dass nicht nur das eigene Leben, sondern auch das der Partnerin, der Familie und der Freunde ein Stück weit dem Beruf untergeordnet ist. Da geht es um Zeit, die nicht vorhanden ist oder um Momente, die man nicht gemeinsam erleben kann. Das ist aber alles zu verschmerzen, wenn man bedenkt, was man durch den Beruf auch bekommt.

Apropos Vertrag: Ihrer läuft am Saisonende aus, soll sich, so ist zu hören, beim Erreichen des Klassenerhaltes aufgrund einer Klausel automatisch verlängern. Es ist kaum vorstellbar, dass man bei Werder so lange warten will, um Sie zu halten…

Grundsätzlich möchte ich nicht viel über meinen Vertrag reden. Er ist aber so gestrickt, und so ist es ja auch öffentlich geworden, dass für beide Seiten totale Klarheit herrscht. Deshalb gibt es im Vorfeld auch nicht den ganz großen Bedarf, über andere Sachen zu sprechen. Wenn wir erfolgreich bleiben, ist alles geregelt. Deshalb gibt es überhaupt keine Eile, denn beide Parteien sind in sehr sicherem Fahrwasser.

Werder Bremens Trainer Ole Werner über seinen auslaufenden Vertrag: „Wenn wir erfolgreich bleiben, ist alles geregelt“

Die Winterpause bietet dennoch genügend Zeit zum Reden.

Das stimmt. Die Pause ist lang und man wird viel miteinander sprechen. Es ist jetzt aber nicht so, dass es zwingend nötig wäre.

Sie betonen gern und regelmäßig den besonderen Zusammenhalt der Mannschaft – dabei sind Fußballer ja eigentlich eher als Egoisten bekannt. Wie schaffen Sie es, diese Ich-AGs zu bündeln?

Als Trainer bist du immer abhängig von der Zusammenstellung und den Charakteren der Mannschaft. Wenn du 25 Leute hast, die nur auf sich schauen, dann kannst du machen, was du willst – da hilft es dann nur noch, alle Spiele zu gewinnen, damit der Laden ruhig bleibt. Wenn in der Kabine aber von 25 Mann letztlich 23 gute Typen dabei sind, dann wird es für die anderen beiden schwierig, nicht auch gute Typen zu sein. Das ist das Geheimnis dieser Mannschaft. Da sind Menschen, die sehr gern Zeit miteinander verbringen, sich gegenseitig schätzen und sich trotz des Konkurrenzverhältnisses auch gegenseitig etwas gönnen. Ansonsten versuche ich als Trainer, transparente Entscheidungen zu treffen. Das ist mein Teil der Aufgabe und den nehme ich ernst.

Werder Bremens Trainer Ole Werner: „Mir fallen unbequeme Entscheidungen wirklich extrem schwer“

Ist es in solch einem Umfeld einfacher, unbequeme Personalentscheidungen zu fällen?

Mir fallen unbequeme Entscheidungen wirklich extrem schwer. Ich weiß, dass ich sie treffen muss, aber es ist für mich das Unangenehmste an diesem Job, dass ich Menschen enttäuschen muss, indem ich sie nicht aufstelle oder einwechsle. Und es fällt mir eigentlich sogar noch schwerer, wenn da gute Typen vor mir sitzen, denen ich überhaupt nichts vorwerfen kann. Ich muss das wirklich so sagen: Wir haben da in der Kabine keinen einzigen Idioten sitzen. Ich habe den Jungs das auch schon ein paar Mal gesagt.

Wie schwer ist es Ihnen dann gefallen, Marvin Ducksch nach seinem Fehlverhalten vor dem wichtigen Pokalspiel gegen Paderborn zu suspendieren und nicht „nur“ per Geldstrafe oder anders zu sanktionieren?

Auch das war extrem schwer. Ich mag Marvin total und schätze, was er auf und neben dem Platz für die Mannschaft tut. Für ihn ist Fußball alles, er kann mit jedem in der Mannschaft gut und war sofort total einsichtig. Da schläft man dann natürlich nicht viel, tauscht sich mit wahnsinnig vielen Menschen aus. Trotzdem muss in unseren Entscheidungen auch eine gewisse Konsequenz oder Verhältnismäßigkeit sein. Sonst macht man sich am Ende unglaubwürdig. Aber auch da fahre ich nicht aus der Haut, weil ich weiß, dass uns das allen schon einmal passiert ist.

Wann sind Sie denn das letzte Mal zu spät gekommen?

Als Trainer ist man ja immer relativ früh da, deshalb bin ich beruflich als Fußballtrainer noch nie zu spät gekommen. Privat kann man leider manchmal schon lange auf mich warten. (grinst)

Ihr berufliches Zeitmanagement scheint in der Tat sehr gut zu sein. Ihrer Mannschaft haben Sie beigebracht, bis zum Schluss an sich zu glauben und späte wichtige Tore zu schießen. Innerhalb nur eines Jahres haben Sie die sportliche Werder-Welt halbwegs in Ordnung gebracht. Und Ihre Corona-Infektion legen Sie dann auch noch auf den Beginn der WM-Pause. Das kann doch kein Zufall sein.

Zumindest beim letzten Punkt glaube ich da auch nicht dran. (lacht) Es ist ja manchmal so, dass wenn die Anspannung abfällt, der Körper sich seine Pause holt. Ich bin drei Jahre lang darum herumgekommen und habe auch schon gedacht, dass mich das nicht erwischt. Um mich herum sind schließlich immer mal wieder Leute krank geworden. In Kiel gab es mal die Situation, dass wir mit sechs, sieben Personen in einem wirklich kleinen Trainerbüro saßen. Am Ende hatten alle eine Corona-Infektion – nur ich nicht. Keine Ahnung, wo ich das jetzt herhatte, weil ich eigentlich nur bei Werder unterwegs war und außer Patrick Kohlmann sonst niemand infiziert war. Aber gut, dass es jetzt in der Phase passiert ist.

Werder Bremens Ole Werner: „Selbst in der Druckphase am Ende der Zweitliga-Saison hat jeder einzelne Tag Spaß gemacht“

Wie ausgelaugt fühlen Sie sich denn, wenn Sie sagen, dass jetzt Anspannung abfällt? Hat Sie dieses eine Jahr in Bremen richtig geschlaucht?

Eigentlich nicht. Das hat aber natürlich auch viel damit zu tun, dass es für uns sehr positiv lief. Auf der einen Seite fühlt sich dieses Jahr gar nicht so lang an, weil es so unheimlich schnell vorbeiging. Selbst in der Druckphase am Ende der Zweitliga-Saison hat wirklich jeder einzelne Tag Spaß gemacht. Es war zwar intensiv und anstrengend, aber ich habe es nie als belastend empfunden. Auf der anderen Seite ist aber natürlich trotzdem wahnsinnig viel passiert. Ausgelaugt bin ich nicht, freue mich aber dennoch auf den Urlaub.

Wie verbringen Sie denn die freie Zeit? Wird komplett abgeschaltet oder hängen Sie am Ende doch wegen der WM die ganze Zeit vor dem Fernseher?

(Schmunzelt) Das ist noch nicht so ganz klar. Wir haben aber schon die Idee, dass wir die Dinge, die wir uns im Urlaub vorgenommen haben, jetzt nicht wegen der WM verlegen. Wir bauen das aber natürlich vernünftig um die Deutschland-Spiele mit Niclas Füllkrug und die Partien von Serbien mit Milos Veljkovic herum. Die möchte ich schon gern gucken. Wenn es dann bei der WM in die richtig heiße Phase geht, sind wir ja eh schon wieder hier.

Werder Bremens Trainer Ole Werner: „Ich glaube, dass die Mannschaft am absoluten Limit gespielt hat“

Abschließende Frage: Hat Ihre Mannschaft jetzt eigentlich die ganze Zeit über dem Limit gespielt, oder ist solch eine Saison tatsächlich bis zum Ende durchziehbar?

Ich glaube, dass die Mannschaft am absoluten Limit gespielt hat. Das ist aber auch das, wo wir uns bewegen müssen. Von den Rahmenbedingungen her haben andere Mannschaften wahrscheinlich mehr zu bieten, das eine oder andere Team hinter uns wird im Winter sicherlich auch nochmal nachlegen müssen oder wollen. Das können wir aus wirtschaftlichen Gründen schlicht und ergreifend nicht. Deshalb ist unsere Aufgabe, dass wir uns an diesem Limit bewegen. Tun wir das nicht, wird es extrem schwierig, unser Saisonziel zu erreichen. (mbü)

Im ersten Teil des großen DeichStube-Interviews spricht Werder Bremens Trainer Ole Werner über sein erstes Jahr in Bremen und Aufgaben für die Zukunft!

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