Werder-Profi über öffentliche Kritik und fehlende Punkte

Werder-Profi Maximilian Eggestein im DeichStube-Interview: „Ich würde es als Fan genauso machen“

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Maximilian Eggestein, Mittelfeldspieler des SV Werder Bremen, stellte sich den Fragen von DeichStube-Reporter Daniel Cottäus.

Bremen – Die Erwartungen waren groß, sehr groß sogar, nur erfüllt haben sie sich bis jetzt noch nicht – das trifft auf die bisherige Saison des SV Werder Bremen, aber auch speziell auf Maximilian Eggestein zu.

Nach einem starken Vorjahr inklusive Sprung in den Dunstkreis der Nationalmannschaft steht der 22-Jährige inzwischen deutlich mehr im Fokus, wird öffentlich kritischer bewertet. Wie er damit umgeht, weshalb er noch nicht wieder zu seiner Bestform gefunden hat und was seine Mannschaft jetzt braucht, um aus der Krise herauszukommen, hat Maximilian Eggestein im Interview mit der DeichStube verraten. 

Herr Eggestein, welche Erinnerung haben Sie an den 20. Oktober 2018?

(überlegt lange) Okay, ich habe eine Vermutung: Da habe ich wahrscheinlich die beiden Tore gegen Schalke geschossen, oder?

Sehr gut, korrekt! Und was sagt Ihnen der 4. April 2017 noch?

Das ist ja noch länger her, aber da war bestimmt auch irgendetwas mit Schalke. Genau: Mein erstes Tor in der Bundesliga!

Richtig! Sie merken sicher schon, worauf das Ganze hinausläuft: Am nächsten Spieltag geht es wieder gegen Schalke, und Werder könnte einen dieser Eggestein-Tage ziemlich gut gebrauchen...

Das stimmt, auf jeden Fall. Ich würde auch gerne mal wieder ein Tor schießen. Ich sehe es aber nicht so, dass mir Schalke jetzt mehr liegt als irgendeine andere Mannschaft. Aber klar: Es ist ein schönes Nebengeräusch, dass ich mein erstes Tor und meinen ersten Doppelpack gegen Schalke erzielt habe.

Schöne Nebengeräusche gab es bei Werder in den vergangenen Wochen nicht allzu viele. Welche Bedeutung hat das Schalke-Spiel nach sieben sieglosen Auftritten?

Eine sehr große. Wir haben nur noch zwei Punkte Vorsprung auf den Relegationsplatz. Das brauchen wir nicht wegreden. Wir sind in einer Situation, die wir uns anders gewünscht haben, und deswegen ist jedes Spiel vor der Winterpause sehr wichtig. Wir müssen jetzt Punkte holen, damit wir da möglichst schnell rauskommen.

Elf Punkte nach elf Spielen, das bedeutet Tabellenplatz 14 und ruft bei den Fans ungute Erinnerungen an die schwere Saison vor zwei Jahren hervor...

Nein, an dem Punkt sind wir nicht! Wir haben uns in unserer Spielweise deutlich weiterentwickelt und haben ein ganz anderes Selbstverständnis. Trotzdem haben wir einfach viel zu wenig Punkte. Das Gladbach-Spiel steht da stellvertretend für unsere Probleme. Wir haben hinten die Gegentore viel zu einfach zugelassen, unter anderem wieder einen Standard kassiert. Auch vorne waren wir nicht konsequent genug. Ich zum Beispiel muss den Kopfball einfach reinmachen. Dann verschießen wir noch einen Elfmeter. Da sieht man, dass es nicht nur an einer Sache liegt. Es ist eine Verkettung verschiedener Dinge, die wir in den Griff bekommen müssen.

So richtig rund läuft es für Maximilian Eggestein in dieser Saison bei Werder Bremen noch nicht. Der 22-Jährige ist aber zuversichtlich, seinen Rhythmus schon bald wiederzufinden.

Maximilian Eggestein über Ergebnis-Krise bei Werder Bremen: „Es wird durchaus mal laut“

Wie kann das gelingen? Oder anders formuliert: Was fehlt der Mannschaft, um den Schritt in die richtige Richtung zu machen?

Das ist nicht ganz einfach zu beantworten. Nehmen wir die Standard-Gegentore. Da fehlt es uns einfach an der letzten Entschlossenheit, das Ding zu verteidigen. Das ist jetzt aber nichts mehr, was vom Trainerteam kommen muss. Wir Spieler sind bestens vorbereitet, haben klare Abläufe, die jeder kennt. Es ist nicht so, dass wir durch irgendeine Variante des Gegners überrascht worden sind. Es geht darum, mit unbedingtem Willen das Tor zu verteidigen. Wenn du aber schon sechs, sieben Tore nach Standards kassiert hast, hast du halt nicht mehr diese Sicherheit.

Wie geht die Mannschaft allgemein mit der angespannten Lage um?

Wir wollen und werden das Selbstverständnis in unserer Spielweise beibehalten, dürfen uns aber auch nicht auf dem Gedanken ausruhen, dass alles irgendwann schon von alleine kommt. Wir hinterfragen uns kritisch und sind untereinander sehr ehrlich.

Wie läuft das ab? Laut und deftig, oder eher ruhig und analytisch?

Es wird durchaus mal laut. Wir haben auf jeden Fall Typen, die dazwischenhauen können. Nuri, Davy, auch Bargi, der sich immer wieder einbringt, Niklas als Kapitän natürlich. Was wir nicht brauchen, sind irgendwelche Alibi-Aktionen auf dem Feld, wo jemand den Mitspieler fertigmacht, nur um irgendetwas zu zeigen.

Würden Sie sagen, die Mannschaft muss mal wachgerüttelt werden?

Wenn man untereinander Fehler anspricht, entsteht so eine Stimmung, in der jeder merkt, dass er sich hinterfragen muss. Was wir aber nicht brauchen, wäre zum Beispiel, dass der Trainer plötzlich damit anfängt, an einem freien Tag eine Laufeinheit einzubauen. Dafür steht er ja auch nicht. Das würde nichts helfen.

Sie haben vor der Saison angekündigt, mehr Verantwortung übernehmen zu wollen. Was genau heißt das für Sie?

Ich bin sicher noch kein Lautsprecher in meinem Alter. Dahin kann ich mich vielleicht entwickeln, aber noch bin ich es nicht. Ich sehe mich ein stückweit als Sprecher für die junge Generation in der Mannschaft. Dadurch dass ich im Mannschaftsrat bin, kann ich dort meine Meinung gut einbringen.

Maximilian Eggestein: „Habe noch nicht das Niveau der letzten Saison erreicht“

Das war jetzt die Verantwortung im Mannschaftsgefüge. Wie sieht es auf dem Platz aus?

Für mich bedeutet Verantwortung zu übernehmen, sich auch mal für seine Mannschaft zu opfern. Wir haben während der Verletztenmisere Zeiten gehabt, in denen ich Rechtsverteidiger oder Linksverteidiger gespielt habe. Das hat dazu beigetragen, dass ich Probleme bekommen habe, meinen Rhythmus beizubehalten oder wiederzufinden.

Ist damit auch erklärbar, warum Sie bisher nicht die prägende Rolle spielen wie in der vergangenen Rückrunde?

Ja, das gehört sicherlich dazu, soll aber keine Entschuldigung sein. Ich hatte diese Phase, in der ich nicht unbedingt im Rhythmus war, jetzt kommt er aber immer mehr. Ich fühle mich immer besser. Die Frage ist ja auch: Was heißt prägend? Für viele Leute ist es eng damit verbunden, dass man Tore schießt. Es gibt aber noch andere Dinge, mit denen man ein Spiel prägen kann.

Zum Beispiel?

Das sage ich wirklich nicht gerne über mich, aber für mich gehört einfach dazu, dass man nicht zuerst an sich selbst denkt. Das, was ich im jeweiligen Moment bieten kann, muss ich in die Mannschaft einbringen. Das ist für mich das Wichtigste: Dass ich mir nie vorwerfen muss, das nicht getan zu haben. Wenn meine eigene Leistung dann mal nicht so gut wahrgenommen wird oder auch einfach nicht so gut war, ist das okay für mich.

Wie zufrieden sind Sie denn mit ihren bisherigen Leistungen?

Ich habe noch nicht das Niveau erreicht, das ich letzte Saison hatte. Trotzdem fühle ich mich auf einem guten Weg. Aber für mich gilt das Gleiche wie für die ganze Mannschaft: Wir haben bisher viel zu wenig aus der Saison herausgeholt.

In der Öffentlichkeit werden Ihre Leistungen nach der starken Vorsaison inzwischen kritischer bewertet. Ist das gerecht?

Das ist völlig okay, es gehört dazu. Wenn man gute Leistungen über einen längeren Zeitraum gezeigt hat, werden sie danach ständig wieder eingefordert.

Der Fluch der guten Tat?

Manchmal denke ich schon: Die Leute sehen doch gar nicht, was alles hinter den Kulissen war, die sehen ja nur das, was auf dem Platz passiert und können es gar nicht richtig bewerten. Das ist aber kein Vorwurf. Ich würde es als Fan auch so machen. Ich fühle mich deswegen auch nicht ungerecht behandelt.

Maximilian Eggestein sieht die aktuelle Lage bei Werder Bremen und seine eigenen Leistungen in der bisherigen Saison kritisch.

Maximilian Eggestein von Werder Bremen: „Thema Europa bis Winter zur Seite legen“

Nach dem 1:3 in Gladbach hat Ihr Trainer betont, dass es an der Spielphilosophie nichts zu rütteln gibt. Der richtige Weg?

Definitiv. Wir müssen uns in den Kleinigkeiten verbessern. Wir haben in den letzten zwei Jahren nur mit diesem Fußball gelebt. Da können wir nicht von jetzt auf gleich etwas ganz anderes spielen. Das würde nicht funktionieren. Wir haben auch nicht die Spieler dafür, die jetzt sagen, dass wir uns hinten reinstellen und auf Konter lauern sollen. Das sind wir einfach nicht. Wir sind alle überzeugt von dem Weg, den wir eingeschlagen haben. Jetzt sind wir Spieler gefordert, ihn zu gehen!

Nervt es Sie, dass die öffentliche Bewertung immer vom Ergebnis geprägt wird, dass 90 Minuten ordentlicher Fußball im Grunde nichts mehr wert sind, wenn in der Nachspielzeit das entscheidende Gegentor fällt?

Nein, denn es ist normal, dass die öffentliche Meinung darauf reduziert wird. Ich meine, wir sagen vor der Saison, dass wir nach Europa wollen und sind jetzt weit weg davon. Da ist es klar, dass es anfängt, kritischer zu werden. Das darf aber nichts mit der Art und Weise zu tun haben, wie wir Fußballspielen wollen.

Das Wort Abstiegskampf macht in Bremen wieder die Runde. Wie damit umgehen: Weit wegschieben oder klar ansprechen und annehmen?

Wir haben zwei Punkte Vorsprung auf Platz 16. Natürlich müssen wir da auch nach unten schauen. Trotzdem ist das nicht der Bereich, in dem wir uns eigentlich sehen. Es sind keine großen Dinge, die uns dazu fehlen, dass wir nicht mehr in dieser Situation sind. Wenn wir nur drei, vier Punkte mehr hätten, würden wir jetzt über etwas ganz anderes reden.

Aber ist genau das nicht gefährlich: Dieser Gedanke „Eigentlich ist ja alles gut, einfach weiter hart arbeiten, und dann kommt es schon“?

Wir sagen doch nicht, dass alles gut ist. Wir sind in einer Lage, in der wir nicht sein wollten. Da kann gar nichts gut sein. Es ist aber auch nicht alles schlecht. Dessen müssen wir uns bewusst sein.

Spielt Werder jetzt schon darum, das Saisonziel noch irgendwie zu retten?

Ich würde es gut finden, wenn wir das Thema Europa bis zum Winter einfach mal zur Seite legen würden. Wenn wir jetzt einfach diese sechs Spiele spielen, versuchen, so viele wie möglich davon zu gewinnen und die Situation im Winter dann neu bewerten. Wir müssen uns auch nichts vormachen: Wenn wir auf Platz 16 überwintern, brauchen wir nicht mehr erzählen, dass wir nach Europa wollen. Dann geht es um wichtigere Dinge.

Quelle: DeichStube

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