Marco Bode zieht Bilanz

Werder-Aufsichtsratschef Marco Bode im Abschieds-Interview: „Wir haben keinen Blödsinn verzapft“

Schluss bei Werder Bremen: Marco Bode scheidet nach neun Jahren aus dem Aufsichtsrat aus.
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Schluss bei Werder Bremen: Marco Bode scheidet nach neun Jahren aus dem Aufsichtsrat aus.

Bremen - Am Sonntag heißt es Abschied nehmen: Marco Bode wird während der Mitgliederversammlung des SV Werder Bremen seinen letzten öffentlichen Auftritt als Vertreter des Vereins haben.

Nach insgesamt neun Jahren im Aufsichtsrat, die vergangenen sieben davon als dessen Vorsitzender, tritt der 52-jährige Ex-Profi nicht mehr zur Wiederwahl an. Im Interview mit der DeichStube spricht Marco Bode über die Gründe für seinen Rückzug, räumt eigene Fehler ein - und erklärt, warum er den scheidenden Aufsichtsrat des SV Werder Bremen trotzdem nicht als gescheitert ansieht.

Herr Bode, am Sonntag werden Sie während der Mitgliederversammlung Ihre Abschiedsrede als Werder-Aufsichtsratsvorsitzender halten. War das Ringen um die richtigen Worte sehr zäh?

Es ging, die Rede steht jedenfalls. Normalerweise formuliere ich so etwas nicht vor, weil ich lieber frei spreche. Ich werde während der Versammlung die Stimmung auf mich wirken lassen und dann entscheiden, wie sehr ich mich an mein Manuskript halte. Mir geht es darum, gegenüber den Mitgliedern offen und ehrlich zu reflektieren, warum wir als Aufsichtsrat in den vergangenen Jahren welche Entscheidungen getroffen haben.

Mit welcher Art Empfang rechnen Sie?

Ich stelle mich nicht auf großen Applaus ein, aber ich hoffe, dass ich fair behandelt werde. Ich habe für mich entschieden, dass ich nicht mehr kandidieren möchte, und es ist eine Entscheidung, die mir nach wie vor schwerfällt. So kurz vor der Versammlung löst es doch einige Emotionen in mir aus, dass für mich bald Schluss ist bei Werder.

Welche Emotionen sind das?

Werder liegt mir nach wie vor sehr am Herzen. Deswegen ist eine gewisse Wehmut und Traurigkeit dabei. Ich habe es aber selbst so entschieden und bereue es nicht.

Werder Bremen: Marco Bode über kontroverse Diskussionen im Aufsichtsrat um Frank Baumann

Wie lange hat es gedauert, bis für Sie feststand, nicht mehr antreten zu wollen?

Um ganz ehrlich zu sein: Wenn die Mitgliederversammlung ganz normal im vergangenen Herbst stattgefunden hätte, wäre die Situation wahrscheinlich eine andere gewesen. Die Verschiebung und die doch sehr frustrierende Zeit in den vergangenen Monaten mit Geisterspielen, dem Abstieg und der schwierigen wirtschaftlichen Situation haben aber dazu geführt, dass ich im Frühjahr angefangen habe, zu überlegen, ob es richtig ist, nochmal für weitere vier Jahre zu kandidieren. Nach dem Abstieg und einer sehr kontroversen Diskussion im Aufsichtsrat, habe ich gemeinsam mit Kurt Zech, Thomas Krohne und Andreas Hoetzel beschlossen, dass wir nicht weitermachen.

War es Ihr freier Wille oder der Druck von außen, der zu groß wurde?

Es war immer meine Philosophie, offen und ehrlich über alles zu streiten und zu diskutieren, dabei aber auch immer zu versuchen, eine gemeinsame Haltung hinzubekommen. Das war in der Zeit nach dem Abstieg im Aufsichtsrat nicht mehr möglich. Ein neuer Aufsichtsrat wird bald neue Impulse geben können und Dinge verändern. Das kann dem Verein guttun.

Welche Themen wurden denn kontrovers diskutiert? Ging es nur um die Zukunft von Sportchef Frank Baumann oder auch um andere Bereiche?

Es ging vor allem, um die Frage, wie wir mit dem Abstieg umgehen und dabei natürlich auch um die Person Frank Baumann. In meinen Augen müssen solche Diskussionen offen und respektvoll sein. Es war aber sehr emotional. Zudem war der öffentliche Druck sehr groß. Für mich war es wichtig, dass die Handlungsfähigkeit des Vereins gewährleistet bleibt, aber trotzdem niemand zur Tagesordnung übergeht.

Das Bewahren der Handlungsfähigkeit war ein Argument, das Sie angeführt haben, um zu erklären, warum Werder letztlich trotz Abstieg an Baumann festgehalten hat. Für die Installation eines neuen Sportchefs sei während der kurzen Sommerpause zu wenig Zeit gewesen. Hatte es der Aufsichtsrat versäumt, sich rechtzeitig nach Alternativen für den Posten umzusehen?

Ganz unabhängig von der Zeit-Frage: Ich habe mich dagegen gewehrt, Frank Baumann reflexartig zum Hauptschuldigen für die Krise zu machen. Es gab im Aufsichtsrat jedoch sehr unterschiedliche Auffassungen darüber, wie mit der Position des Sportchefs nach dem Abstieg umgegangen werden soll.

Werder Bremen: Marco Bode und der Aufsichtsrat hatten Alternativen zu Frank Baumann im Kopf

Haben Sie sich denn mit Alternativen beschäftigt?

Genauso wie Frank Baumann zu gewissen Zeitpunkten alternative Trainernamen im Kopf haben muss, hatten auch wir Menschen im Kopf, die für den Job in Frage kommen. Aber die Mehrheitsmeinung im Aufsichtsrat war immer, dass Frank Baumann die neue Saison vorbereiten sollte.

Wie groß war diese Mehrheit?

Auf Details werde ich jetzt nicht eingehen. Aber es ist ja bekannt, dass Thomas Krohne die Dinge anders sieht und bewertet als ich. Das hat er in seiner Erklärung ja deutlich gemacht. Ich hätte mir eine andere Vorgehensweise von ihm gewünscht.

Krohne hat, trotz ohnehin angekündigtem Rückzug aus dem Aufsichtsrat, Mitte August öffentlich seinen sofortigen Rücktritt erklärt, nachdem Sie sich erneut für Baumann ausgesprochen hatten. Ihnen warf er in seinem Schreiben fehlende Bereitschaft zur Veränderung vor, was offenbar als öffentliche Ohrfeige für Sie gedacht war. Hat er Sie getroffen?

Ich würde es als knapp verfehlt bezeichnen.

Weil?

Weil seine Argumente aus meiner Sicht nicht überzeugend sind. Ich bin niemand, der einfach die eigene Meinung durchdrückt. Und ich bin auch niemand, der Veränderungen ablehnt. Ich habe in den letzten Jahren sehr viele Initiativen und Ideen in unsere Diskussionen eingebracht. Ich weigere mich aber dagegen, meine Grundwerte in Bezug auf Werder aufzugeben. Wenn man immer nur die eine Seite sieht, nämlich, dass ich nicht bereit bin, in schwierigen Zeiten Menschen rauszuwerfen, nur weil die öffentliche Meinung es verlangt, dann ist das so. Daraus aber abzuleiten, dass ich gegen Veränderungen bin und es schon immer war, so wie es Thomas angedeutet hat, ist einfach nicht richtig.

Werder Bremen: Scheidender Aufsichtsrats-Vorsitzender Marco Bode spricht über Fehler und verpasste Ziele

Dennoch bleibt festzuhalten: Sie saßen neun Jahre lang im Aufsichtsrat, sieben davon sogar als dessen Vorsitzender, und haben die großen Ziele nicht erreichen können. Werder hat immer noch keinen strategischen Partner, auch am maroden Zustand des Nachwuchsleistungszentrums hat sich nichts verändert. Zudem findet sich der Verein in der 2. Liga wieder. All das sorgt für den Eindruck, dass Sie ein großes Chaos hinterlassen.

Ich werde am Sonntag versuchen, ein paar Worte zu diesem Vorwurf zu formulieren. Das kann ich hier nicht in zwei Sätzen erklären. Aber so viel kann ich sagen: Der These, alles rückblickend zu betrachten und für schlecht zu befinden, folge ich nicht. Aber bitte nicht falsch verstehen: Ich bin nicht zufrieden und will auch nichts schönreden. Ich bin traurig über den Abstieg und darüber, dass wir den strategischen Partner nicht gefunden haben. Aber das Leben ist kein Wunschkonzert – auch nicht das von Werder Bremen.

Die Suche nach einem solchen Partner beschäftigt Werder schon sehr lange, passiert ist trotzdem nichts. Ist das Thema am Ende nur ein Luftschloss, weil sich so ein Partner gar nicht finden lässt?

Nein. Ich weiß, dass es nach wie vor Interesse an uns gibt, weil ich in den letzten Monaten Gespräche in diese Richtung geführt habe. Man muss geduldig sein und sorgfältig den richtigen Partner finden. Dazu gibt es keine Alternative. Den falschen auszuwählen wäre schlimmer als weiter Zeit verstreichen zu lassen. Vielleicht haben wir das Thema in Phasen, in denen es uns gut ging, nicht intensiv genug verfolgt. Diese Kritik ist berechtigt. Man muss aber auch sagen, dass das Thema nicht von allen Personen im Verein gleichermaßen betrachtet wird. Der Hauptentscheider in dieser Frage bleibt am Ende der Gesellschafter, das heißt der e. V. (steht für eingetragener Verein, d. Red.). Und da gab es natürlich auch immer wieder Zweifel an einem solchen strategischen Partner. Ich denke dagegen inzwischen, dass es nur durch die organischen Einnahmen, die Werder Bremen als Fußballclub hat, schwierig wird, bestimmte Investitionen anzugehen.

Was betrachten Sie als Ihr Vermächtnis an den SV Werder?

Vermächtnis ist ein großes Wort. Man sollte uns als Team im Aufsichtsrat und auch mir persönlich aber abnehmen, dass wir nach bestem Wissen und Gewissen versucht haben, für Werder gute Entscheidungen zu treffen. Wenn man nur auf die nackten Ergebnisse schaut, ist das nicht immer gut gelungen, besonders in den letzten zwei Jahren. So selbstkritisch bin ich, dass ich das sagen kann. Trotzdem sehe ich den scheidenden Aufsichtsrat nicht als komplett gescheitert an. Bundesliga-Fußball ist ein harter sportlicher Wettbewerb. Da ist ein Abstieg nicht ausgeschlossen. Der Hauptgrund für unsere wirtschaftlichen Sorgen war zudem die Pandemie. Da haben die Transfererlöse in den vergangenen Wochen sehr geholfen. Es ist eine große Leistung, dass wir unser wirtschaftliches Zwischenziel erreicht und trotzdem noch den wertvollsten Kader der 2. Liga haben. Für mich zeigt das, dass da gut gearbeitet wurde.

Sie haben vorhin von Ihren Emotionen kurz vor dem Abschied gesprochen. Sind auch Schuldgefühle dabei? Wie sehr fühlen Sie sich verantwortlich für die prekäre Lage, in die der Verein geraten ist?

Für mich gehört das Wort Schuld da nicht rein. Ich habe Verantwortung getragen und bin immer selbstkritisch mit mir umgegangen. Im Rückblick hätte man sicher das eine oder andere anders machen können. Aber wir haben als Aufsichtsrat nicht leichtfertig irgendeinen Blödsinn verzapft, sondern immer versucht, das Richtige zu tun. Nur gelingt das eben nicht immer.

Werder Bremen: Scheidender Aufsichtsratschef Marco Bode will nicht Präsident werden

Ist mit dem Ausscheiden aus dem Aufsichtsrat das Band zwischen Marco Bode und Werder Bremen für immer gekappt?

Nein, ich bin ja Ehrenspielführer und bleibe das auch ein Leben lang. Und ich werde auch weiter ins Stadion gehen. Ich will das Band auch gar nicht zerschneiden, denn mein Herz wird immer grün-weiß schlagen. Ich werde aber schon bewusst etwas auf Distanz gehen. Die Arbeit unserer Nachfolger werde ich nicht ständig kommentierend begleiten. Da haben wir in den vergangenen Jahren durchaus andere Erfahrungen mit früheren Führungskräften gesammelt.

Es gibt das Gerücht, dass Sie im Sinn haben, eines Tages die Vereinspräsidentschaft zu übernehmen.

Es kann sein, dass es dieses Gerücht gibt, aber das ist nicht meine Intention. Das kann ich ausschließen.

Was haben Sie für die Zukunft geplant?

Auch wenn Werder in den vergangenen Jahren einen großen Batzen Zeit und Aufmerksamkeit bekommen hat, ist es nicht so, dass ich sonst gar nichts anderes gemacht habe. Ich werde meine beruflichen Themen weiterverfolgen. Das sind verschiedene Engagements unternehmerischer Art. Ich überlege, ein, zwei neue Richtungen einzuschlagen, aber konkreter kann ich es noch nicht sagen.

Was glauben Sie, wohin der Weg des Vereins führt?

Ich habe die Hoffnung, dass dieser Kader in der Lage sein wird, oben mitzuspielen. Und weil vorhin mal das Wort Chaos fiel: Ich denke nicht, dass wir Verantwortlichen in diesem Sommer chaotisch gehandelt haben, sondern dass wir versucht haben, vernünftig und besonnen zu sein und gute Entscheidungen zu treffen. Durch den neuen Trainer und das neue Team ist bei mir die Zuversicht entstanden, dass wir in dieser Saison wieder schönere Erlebnisse haben werden. Ja, wir spielen jetzt eine Liga tiefer, aber wenn man deutlich häufiger Spiele gewinnt, macht das hoffentlich mehr Spaß als in der Bundesliga ständig zu verlieren, dann kann auch diese 2. Liga zu einer attraktiven Plattform werden. Und hoffentlich auch zum Sprungbrett zurück in die Bundesliga, damit Werder möglichst schnell wieder der Erstliga-Club sein kann, der wir sein wollen. (dco/csa)

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