Er wollte in den Oman – und wird stattdessen in Bremen gefeiert

Das Märchen von Melvyn Lorenzen

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Tränen vor Glück: Melvyn Lorenzen ist von seinem ersten Bundesliga-Tor überwältigt

Bremen - „Das ist alles ein Traum, ein Märchen – es ist einfach verrückt.“ Melvyn Lorenzen hat größte Mühe, für diesen Samstagnachmittag Worte zu finden. Denn eigentlich wäre er gar nicht in Bremen gewesen, sondern im Oman – diesem Märchenland wie aus 1001 Nacht. Doch auf Befehl von Werder-Coach Viktor Skripnik stornierte Lorenzen kurzfristig die schon lange geplante Reise, trainierte sich in die Startelf – und erlebte dann im Weserstadion als Torschütze beim 3:3 gegen Hannover 96 sein eigenes Märchen.

Aber warum bitteschön wollte Lorenzen überhaupt mitten im Bremer Abstiegskampf in den Urlaub? Weil er schon Winterpause hat. Der 20-Jährige ist zwar Profi, war aber über ein Jahr lang wegen eines Knorpelschadens außer Gefecht, feierte erst vor drei Wochen in der U23 sein Comeback in Rehden. Es folgte noch ein weiterer Einsatz als Joker, dann endete der Spielplan der Regionalliga. „Ich wollte mich im Januar in der Vorbereitung bei den Profis wieder rankämpfen“, erzählt Lorenzen, der vor anderthalb Jahren ablösefrei von Holstein Kiel zu Werder II kam. Sein damaliger Coach: Viktor Skripnik. Der hat nun bei den Profis das Sagen und bestellte Lorenzen zum Training. „Es ist eine Riesenchance für uns junge Spieler, dass Viktor uns kennt“, sagt Lorenzen. Als der Stürmer dem Coach dann seine Urlaubspläne beichtete, forderte Skripnik sofort die Stornierung der Reise. „Ich habe ihm gesagt: Du trainierst doch wie ein junger Gott“, erinnert sich Skripnik und grinst verschmitzt. Denn der Ukrainer hat mit der Personalie Lorenzen ganz schön gezockt – und gewonnen.

Lorenzen war allerdings erst einmal ein Verlierer – und zwar bei seiner Freundin Assal. „Die war riesig enttäuscht, dass wir den Urlaub jetzt in den Sommer verschieben müssen“, berichtet Lorenzen, fügt aber sogleich an: „Durch mein Tor hat sich ihre Traurigkeit natürlich gelegt.“ Trotzdem flossen beim Lorenz-Anhang jede Menge Tränen, allerdings vor Freude. „Meine Mutter ist auf der Tribüne fast umgekippt“, sagt der Angreifer und gesteht: „Ein, zwei Tränchen waren beim meinem Torjubel auch dabei. Ich habe in diesem Moment meiner Familie gedankt. Mir ist einfach dieses ganze Jahr durch den Kopf gegangen, denn das war keine leichte Zeit.“

Lorenzen hatte sich ausgerechnet dann verletzt, als er oben angekommen war – damals noch unter Robin Dutt. Der hatte den Angreifer vor gut einem Jahr immerhin zwei Mal kurz vor Schluss eingewechselt. Es folgte eine lange Leidenszeit mit „einigen Rückschlägen“, wie sich Lorenzen erinnert: „Aber verzweifelt bin ich nie.“ Werder habe ihm dabei im Sommer durch die vorzeitige Vertragsverlängerung als Profi bis 2017 sehr geholfen: „Das gibt einem Vertrauen.“

Tätowierungen mit Hintergrund: Die Skyline von London (unten), wo Melvyn Lorenzen geboren ist – und eine afrikanische Landschaft, weil sein Vater aus Uganda stammt.

Jetzt zahlt Lorenzen zurück – und das auf eine kuriose Art und Weise. Denn der Stürmer wäre beinahe nicht nur im Oman gewesen, sondern unmittelbar vor seinem Tor fast noch ausgewechselt worden. Davie Selke stand am Spielfeldrand schon bereit. „Das habe ich gesehen. Ich hatte ja selbst kurz zuvor das Zeichen gegeben, dass ich platt bin“, sagt Lorenzen: „Dann kam der Pass, in der Mitte war keiner – und ich habe mir gesagt: Du hattest noch keinen Torschuss, es wird höchste Zeit. Da habe ich es probiert.“ Ein Super-Tor! „Das zeugt von Qualität“, lobte sogar 96-Coach Tayfun Korkut.

Kurz nach dem Tor war für Lorenzen Schluss – und wieder bebte das Weserstadion. „Das ist atemberaubend“, erinnert sich Lorenzen, dessen Vorbild kein geringerer als Thierry Henry ist: „Vor ein paar Wochen habe ich hier noch den Mattenwagen durch die Leichtathletikhalle geschoben, und jetzt wird mir von 40000 Zuschauern zugejubelt.“ Das mit den Mattenwagen sei übrigens kein wirklicher Spaß, merkt der 20-Jährige noch an. Aber es sei gut für die Schnellkraft. Und das ist nicht zu übersehen. Lorenzen lebt von seiner Explosivität. Von wem er die geerbt hat, „das weiß ich nicht“. Dafür klärt er seine Herkunft auf: „Ich bin in London geboren. Mein Vater stammt aus Uganda und lebt in London. Meine Mutter und ich sind Deutsche. Sie ist mit mir, als ich fünf war, nach Deutschland gezogen.“

Aus Kiel gab es dann am Samstagabend noch Überraschungsbesuch in der eigenen Wohnung. Dort mussten sich die Freunde allerdings etwas gedulden, Lorenzen schaute nämlich erst noch bei der Weihnachtsfeier der U23 vorbei. „Da gab es schon einiges an Schulterklopfen.“ Und von den Freunden dann eine Dauerschleife mit den Bildern seines Tores – inklusive blauer Zunge beim Jubeln. „Ich hatte wohl zu viel Powerade getrunken“, sprudelt es aus Lorenzen nur so heraus. Er genießt den Moment, aber verspricht sogleich, nun nicht abzuheben: „Das ist ein Tagesgeschäft. Ich werde mich nicht auf diesem Spiel ausruhen, sondern weitermachen und Leistung zeigen.“ Möglichst schon am Mittwoch. In Mönchengladbach soll das Märchen weitergehen.

kni

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