Werder-Profi über das Köln-Spiel, Bremer Fans und den Traum von der Champions League

Augustinsson im Interview: „Da hast du nur noch Gänsehaut“

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Seit der Saison 2017/18 steht der 23-Jährige Linksverteidiger Ludwig Augustinsson für die Grün-Weißen auf dem Platz und schoss in 24 Spielen ein Tor.

Bremen - Ludwig Augustinsson ist angekommen bei Werder. Das sagt der schwedische Nationalspieler über sich selbst, und das sieht man seit ein paar Wochen auch auf dem Platz, wo der 23-Jährige mit konstant guten Leistungen auf sich aufmerksam macht.

Im Interview mit der DeichStube hat Augustinsson erklärt, welchen neuen Geist Trainer Florian Kohfeldt der Mannschaft eingehaucht hat, weshalb er Werder in Zukunft wieder die Champions League zutraut – und warum er gerade intensiv an seinen Kochkünsten feilt. Außerdem hat der Linksverteidiger verraten, dass er nach dem Spiel gegen Köln ein ganz besonderes Erinnerungsstück ergattern möchte: das Trikot von Claudio Pizarro.

Herr Augustinsson, am Montagabend kommt der 1. FC Köln ins Bremer Weserstadion – mit Claudio Pizarro. Als der sein erstes Spiel für Werder gemacht hat, waren Sie drei Jahre alt...

Ludwig Augustinsson: Wahnsinn! Er ist eine große Legende, die immer noch spielt. Ich habe hier schon so viel Positives über ihn gehört, seine Karriere ist einfach unglaublich. Er hat für Chelsea gespielt, Bayern München und Werder, und er schießt heute immer noch Tore. Ich habe ihn in Bremen einmal getroffen. Auch wenn ich ihn nicht gut kenne, schaue ich zu ihm auf. In seinem Alter noch so fit zu sein, beeindruckt mich.

Sie sind ja ein richtiger Pizarro-Fan. Werden Sie sich nach dem Spiel sein Trikot schnappen?

Augustinsson: (lacht) Wenn wir gewinnen, dann würde ich das sehr gerne machen. Dann gehe ich direkt nach dem Schlusspfiff zu ihm und frage ihn. Er hat aber sehr viele Freunde bei uns in der Mannschaft. Es dürfte also mehrere Interessenten geben. Erstmal müssen wir aber das Spiel gewinnen.

Was würde ein Sieg denn bedeuten? Wäre Werder dann so gut wie gerettet und Köln endgültig weg vom Fenster?

Augustinsson: Schwer zu sagen. Manchmal kommen Teams ja in einen Lauf und gewinnen auf einmal vier Spiele am Stück. Aber ich denke schon, dass es für Köln mit dem Klassenerhalt sehr schwer wird, wenn sie gegen uns verlieren. Für uns ist das Spiel eine große Chance. Nach einem Sieg könnten wir in der Tabelle langsam nach oben schauen. Wir haben eine starke Mannschaft, die weiter nach oben gehört. Ich hoffe, das können wir im letzten Teil der Saison zeigen.

Einige Bremer und Kölner Ultra-Gruppen werden nicht ins Stadion kommen, um gegen den Montag als Bundesliga-Spieltag zu protestieren. Für Sie nachvollziehbar?

Augustinsson: Ich kann die Fans sehr gut verstehen, denn für viele ist es schwer, das Spiel und ihre Arbeit in Einklang zu bringen. Es ist schade, dass sie nicht kommen wollen, denn wir brauchen ihre Unterstützung wirklich sehr. Ich selbst spiele auch lieber an einem Freitag, Samstag oder Sonntag in einem vollen Stadion.

Die große Bedeutung der Fans wird oft von Fußballprofis hervorgehoben, aber wie ist es eigentlich während eines Spiels?  Bekommen Sie wirklich mit, was auf den Rängen passiert, oder sind Sie doch zu sehr mit Ihren Aufgaben auf dem Platz beschäftigt?

Augustinsson: Es gibt beides. Natürlich ist man sehr auf das Spiel konzentriert und nimmt nicht alles bewusst war, was die Fans machen. Aber wenn es so richtig laut wird, und das passiert bei uns zu Glück sehr oft, dann kriegst du diesen riesengroßen Schub. Ein Beispiel: Wir bekommen gleich zu Beginn des Spiels eine Ecke, die Fans stehen auf, klatschen, singen, schreien. Da hast du nur noch Gänsehaut und willst den Ball einfach nur noch reinhauen. Die Fans geben mir sehr viel. Deswegen ist es kein Spruch, wenn man sagt, sie seien der zwölfte Mann. Das sind sie. In Bremen auf jeden Fall. Sie wenden sich nie von uns ab.

Ludwig Augustinsson im Gespräch mit DeichStuben-Reporter Daniel Cottäus.

Es ist noch gar nicht lange her, da haben Sie im Heimspiel gegen Wolfsburg zum ersten Mal für Werder einen Ball „reingehauen“...

Augustinsson: Das war ein unglaubliches Gefühl, das ich jetzt immer wieder haben will. Ich wollte dieses Tor vom ersten Tag an. Meine Mitspieler waren hinterher überrascht, dass ich es mit dem Kopf erzielt habe. Aber es ist ja schön, wenn man Menschen noch überraschen kann (lacht).

24 Spiele in der Bundesliga haben Sie nun bestritten, seit Sie im Sommer zu Werder gekommen sind. Wie fällt Ihr Zwischenfazit aus?

Augustinsson: Als ich hergekommen bin, war es mein Ziel, in jedem Spiel auf dem Platz zu stehen. Das habe ich fast geschafft. Meine Entwicklung geht in die richtige Richtung, ich werde von Spiel zu Spiel immer besser. Der Start in die Saison war schwer für uns, wir haben nicht so gespielt, wie wir es wollten. Bei meinen Leistungen gab es auch Aufs und Abs. Seit ein paar Monaten sind wir jetzt sehr stabil, und auch ich persönlich habe gute Spiele gemacht.

Als Sie im Sommer vorgestellt wurden, haben Sie davon gesprochen, mit Werder international spielen zu wollen. Dann kam der schwache Saisonstart, Trainer Alexander Nouri musste gehen, es hieß mal wieder Abstiegskampf. Haben Sie die Lage falsch eingeschätzt?

Augustinsson: Nein, habe ich nicht. Natürlich dachte ich, dass wir zu Beginn bessere Ergebnisse haben würden. Aber es war ein schwerer Saisonstart. Defensiv standen wir gut, aber wir haben es nicht geschafft, Tore zu schießen. Da kam vieles zusammen, das Ganze lief auch etwas unglücklich. Ich betrachte diese Phase aber gar nicht so negativ. Es war ein Prozess, aus dem ich viel gelernt habe. Dass dann ein neuer Trainer kam, war für mich etwas ganz Neues. In Kopenhagen hatte ich in all den Jahren immer den gleichen.

Seit ein paar Monaten spielt Werder deutlich besser, wirkt stabiler – und holt Punkte. Was sind die Gründe für dieses Wandel?

Augustinsson: Das System, das wir jetzt spielen, passt sehr gut zu uns. Wir können auch im Spiel zwischen 3-5-2 und 4-3-3 wechseln. Für mich spielen wir mit Viererkette unseren besten Fußball. Dazu kommt die Heimstärke und dass fast die komplette Mannschaft verletzungsfrei ist. Mit jedem Sieg ist das Selbstvertrauen bei uns größer geworden. Die Art und Weise, wie wir spielen, passt perfekt zu den Spielern, die wir im Kader haben.

Die Mannschaft macht auch mental einen enorm starken Eindruck. Vielen Teams geht es im Abstiegskampf anders. Woher kommt diese Stärke?

Augustinsson: Als Florian Kohfeldt als Trainer gerade neu war, hatten wir direkt einige schwere Auswärtsspiele. Er hat aber vom ersten Tag an gesagt: „Wir fahren nicht nach Dortmund, um dort unentschieden zu spielen. Wir fahren da hin, um das Spiel zu gewinnen.“ Er hat ganz klar erklärt: „Jungs, wenn ihr das, das und das auf dem Platz macht, dann haben wir eine gute Chance, erfolgreich zu sein.“ Bei ihm ist alles ganz klar. Wir haben dann in Dortmund gewonnen, auf Schalke auch, und selbst in München hatten wir unsere Chancen.

Sie gelten als sehr disziplinierter Profi, immer voll fokussiert auf das nächste Ziel, den nächsten Schritt. Wie wichtig ist es für Sie, sich auch mal mit Dingen abseits des Fußballs zu beschäftigen?

Augustinsson: Das ist sehr wichtig für mich. Einfach mal abzuschalten, muss sein. Ich denke zwar immer darüber nach, wie ich als Fußballer stärker werden kann, aber da habe ich mich schon etwas gebessert (lacht). Wenn ich nach Hause komme, kann ich inzwischen gut relaxen. Ich esse zum Beispiel gerne gutes Essen. Meine Freundin ist eine sehr gute Köchin. Wir kochen oft zusammen. Ich bin nicht gut, aber sie bringt mir viel bei. Wir schauen auch Serien übers Kochen, probieren verschiedene Restaurants aus. Da hat sie wirklich mein Interesse geweckt.

Wie oft denken Sie eigentlich schon an die Weltmeisterschaft in Russland?

Augustinsson: Oh, das wird immer mehr. Man wird ja auch ständig daran erinnert. Ich habe kürzlich in einer schwedischen Zeitung gelesen, dass es nur noch 100 Tage sind. Das ist wirklich nicht mehr lang. Ich freue mich schon sehr darauf, aber mein ganzer Fokus liegt jetzt noch auf Werder und darauf, dass wir die Saison erfolgreich zu Ende spielen.

Es gibt in Bremen einige Fans, die sich Sorgen machen, dass Sie nach einer guten WM womöglich nicht zu Werder zurückkehren, sondern zu einem anderen Club wechseln. Können Sie diese Fans beruhigen?

Augustinsson: (lacht) Im Fußball weißt du doch nie, was passiert. Alles, was ich sagen kann, ist, dass ich immer 100 Prozent für Werder gebe und froh darüber bin, hier zu sein. Ich bin im Sommer ja erst ein Jahr hier. Ich habe da keinen Stress.

Generell betrachtet: Wie sieht Ihr Karriereplan aus? Eines Tages in der Champions League spielen? Sie gar gewinnen?

Augustinsson: Ja, das sind Träume von mir. Ich würde in Zukunft gerne für einen Spitzenverein in einer Top-Liga spielen. Aber wie gesagt: Man weiß nie, was passiert. Gladbach wäre vor ein paar Jahren fast abgestiegen und ist dann in die Champions League eingezogen. Werder kann dort auch innerhalb eines Jahres sein. Wenn ich sage: „Ich will für einen Spitzenverein spielen“, dann könnte das auch Werder sein.

Ludwig Augustinsson: Seine Karriere in Bildern

Ludwig Augustinsson
Der erste Werder-Neuzugang der Saison 2017/18: Ludwig Augustinsson kam im Sommer vom FC Kopenhagen an die Weser. © imago
Der Linksverteidiger machte früh auf sich aufmerksam. Bereits im Alter von 17 Jahren wechselte Augustinsson im Januar 2012 vom schwedischen Zweitligist IF Brommapojkarna zum Erstligist IFK Göteborg. © imago
Ludwig Augustinsson
Nur ein Jahr später unterschrieb er bei Champions-League-Teilnehmer FC Kopenhagen. In Dänemark machte Augustinsson erneut einen großen Sprung und spielte sich schnell zu einer festen Größe. © imago
Ludwig Augustinsson
Sein Debüt in der schwedischen A-Nationalmannschaft gab er am 15. Januar 2015 beim 2:0-Sieg gegen die Elfenbeinküste. Bisher kam Augustinsson sechsmal zum Einsatz und nahm an der EM 2016 teil. © imago/Bildbyran
Ludwig Augustinsson
Auf dem Platz stand er dort allerdings nicht. Gegen Zlatan Ibrahimovic und Co. konnte sich Augustinsson noch nicht durchsetzen. © imago
Ludwig Augustinsson
In den Jugendnationalmannschaften spielte der Linksverteidiger allerdings schon eine wichtige Rolle. Sein wohl wichtigstes Tor in seiner bisherigen Laufbahn: Der Treffer zum 3:2 im Elfmeterschießen des Finalspiels der U21-EM 2015. Schweden gewann am Ende mit 4:3 gegen Portugal. © imago
Ludwig Augustinsson
Es war bisher Augustinsson größter Triumph - aber nicht sein einziger. © imago
Ludwig Augustinsson
Mit seinem Club aus Kopenhagen gewann er zuletzt zweimal in Folge den dänischen Pokal und wurde dänischer Meister - zusammen mit seinem damaligen und heutigen Teamkollegen Thomas Delaney (Mitte). © imago
Ludwig Augustinsson
Ludwig Augustinsson ist schnell bei Werder Bremen angekommen - und war von Minute eins an auf dem Weg zum Fan-Liebling. © Gumz
Ludwig Augustinsson
Er gehörte bei Werder schnell zum Stammpersonal. © Gumz
Ludwig Augustinsson
Geschafft! Mit der schwedischen Nationalmannschaft feierte Augustinsson im November 2017 den Einzug in die WM-Endrunde 2018 in Russland. © imago
Durch gute Leistungen ist es Ludwig Augustinsson gelungen die linke Abwehrseite in der Saison 2017/18 abzusichern.
Durch gute Leistungen ist es Ludwig Augustinsson gelungen die linke Abwehrseite in der Saison 2017/18 abzusichern. © gumzmedia
Am 22. Spieltag konnte Augustinsson gegen den VFL Wolfsburg seinen ersten Treffer für Werder Bremen feiern.
Am 22. Spieltag konnte Augustinsson gegen den VFL Wolfsburg seinen ersten Treffer für Werder Bremen feiern. © gumzmedia
Bei der WM 2018 in Russland erzielte Augustinsson im letzten Gruppenspiel gegen Mexiko seinen ersten Treffer für Schweden. Es war der Türöffner ins Achtelfinale.
Bei der WM 2018 in Russland erzielte Augustinsson im letzten Gruppenspiel gegen Mexiko seinen ersten Treffer für Schweden. Es war der Türöffner ins Achtelfinale. © imago

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Quelle: DeichStube

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