Taktikanalyse zum Spiel gegen RB Leipzig

Werder knackt Leipzig mit dem Zweitschlüssel

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Alexander Nouri brüllte seine Mannschaft zum 3:0-Sieg.

Bremen - Von Cedric Voigt. Werder musste gegen den Tabellenzweiten RB Leipzig kurzfristig auf Spielgestalter Max Kruse und Top-Scorer Serge Gnabry verzichten. Eine Schlagzeile, aber kein Problem für ein immer besser funktionierendes Kollektiv. Die Taktikanalyse.

Es war ein Duell ohne die Topstars: Ralph Hasenhüttls Leipziger waren ihrerseits ohne den gelbgesperrten Naby Keita angereist, der besonders in der starken Hinrunde mit seinen Fähigkeiten im Pressing, Passspiel und Dribbling das Leipziger Mittelfeld prägen konnte. Auch Werder nahm Keita damals fast im Alleingang auseinander – ohne ihren Schlüsselspieler waren die Gäste diesmal jedoch gezwungen, umzustellen.

Hasenhüttl war bereits in den Vorwochen gelegentlich vom erfolgreichen, pressingintensiven 4-4-2 der klassischen RB-Schule abgewichen - an eine Dreierkette hatte er sich bislang jedoch noch nicht gewagt. Gegen Werder setzte der Leipziger Coach erstmals auf ein 3-4-3, das in der Defensive zu einem 5-2-3 wurde. Die Grundphilosophie blieb jedoch dieselbe: Über hohen Pressingdruck sollten früh Ballgewinne erzielt und anschließend schnell umgeschaltet werden.

Leipziger Pressing: Viel Druck und nichts dahinter

Dabei orientierten sich die offensiven Flügelspieler, Emil Forsberg links und Marcel Sabitzer rechts, an den äußeren Innenverteidigern des Bremer 3-1-4-2. Timo Werner kümmerte sich zentral um Laminé Sane, dahinter rückte von der Doppelsechs Diego Demme auf und orientierte sich an Thomas Delaney im Bremer Sechserraum. So spannten Demme und die vorderste Pressingreihe eine enge Raute um Delaney, den man so von Zuspielen aus der Abwehr isolieren wollte. Gerade zu Beginn der Partie gelang das den Leipzigern auch durchaus – oft blieb nur der Rückpass zum Torwart.

Felix Wiedwald beantwortete solche Zuspiele meist mit einem hohen Ball ins Mittelfeld, um die erste Leipziger Welle risikolos zu umspielen. Von 41 Pässen spielte der Bremer Keeper nur vier kurz – ein Indiz dafür, dass man bei Werder Ballverluste im tiefen Aufbau unbedingt vermeiden wollte. War Werder dann erstmal im Mittelfeld angelangt, griff die Leipziger Balleroberungsmaschine dann schon weniger – hinter den ersten Abfangjägern fehlten in der neuen Formation die Abläufe im Kollektiv, um den Ball schnell zu erobern und nach vorne zu tragen.

Einzelkritik: Junuzovic ein Anführer, Delaney der Dirigent 

Ihrerseits zeigten die Bremer einmal mehr, dass die eigene Entwicklung im Pressing der in anderen Spielaspekten noch ein wenig hinterherhinkt. Auch der Doppelsturm aus Claudio Pizarro und Fin Bartels störte den Leipziger Aufbau kaum. Die Szenen, in denen Florian Grillitsch oder Zlatko Junuzovic von ihren Achterpositionen etwas vorrückten, um die Stürmer in der Arbeit gegen den Ball zu unterstützen und lange Bälle zu forcieren, waren selten.

Die Gäste hatten es daher anfangs deutlich leichter, aus der Abwehr ins Mittelfeld zu kommen. Dort griff dann jedoch die überlegene Raumaufteilung der Bremer: Mit drei zentralen Mittelfeldspielern machte man den zumeist in die Halbräume eingerückt agierenden Forsberg und Sabitzer das Leben schwer und kam leicht in Überzahlsituationen. Aus dem zentralen Mittelfeld fehlte den Gästen dann die Kreativität eines Keita: Oft genug griff Leipzig auch ohne unmittelbare Notwendigkeit zum langen Ball, sodass der Tabellenzweite keine wirkliche Dominanz aufbauen konnte und die Partie besonders zu Beginn von zahlreichen Kämpfen um zweite Bälle geprägt wurde.

Junuzovics Treffer ist der Dosenöffner

Auch in der Chancenerarbeitung taten sich beide Teams lange schwer: Die Leipziger wurden fast ausschließlich dann gefährlich, wenn die Bremer Spieler ihrerseits für einen Angriff aufgerückt waren. Nur so taten sich die Räume auf, die die Leipziger brauchten, um ihre schnellen Offensivspieler um Timo Werner steil zu schicken und die Lücken zwischen den Bremer Innenverteidigern attackieren zu lassen. Ähnliches galt für die Handvoll früher Ballgewinne, die das Pressing der Gäste verzeichnen konnte – in der Regel konnte Werder jedoch mit dem langen Ball aus der Gefahrenzone gelangen oder den Ball zumindest in der ersten Linie ruhig zirkulieren lassen, bis sich eine Möglichkeit eröffnete.

Doch auch Werder bekleckerte sich offensiv nicht gerade mit Ruhm: Pizarro und Bartels konnten oft weder Räume für ihre Mitspieler schaffen noch selbst konstant als Zielspieler glänzen, sodass die anfangs vorherrschenden Befreiungsschläge nicht weiter verwertet werden konnten. Mit der Zeit ließ die Leipziger Intensität im Pressing jedoch etwas nach, der aufmerksame und fleißige Delaney konnte sich häufiger freilaufen und sich stärker in den Spielaufbau einschalten. Auch die eigenen Umschaltaktionen wurden mit zunehmender Spieldauer überlegter ausgespielt. Hier tat sich besonders Zlatko Junuzovic hervor, der oft besonders dann glänzen kann, wenn es gilt, mit wenigen Kontakten steil nach vorne zu spielen. Mit einem beherzten Abschluss aus der Distanz gelang dem Österreicher auch das Bremer Führungstor – ein Treffer, der sich nicht unbedingt angedeutet hatte, dem SV Werder jedoch eine komfortable Ausgangslage zur Pause bescherte.

Werder spielt die eigene Führung souverän aus

Leipzig musste nun mehr riskieren. Die Außenverteidiger rückten früher hoch auf und gaben teilweise auf Höhe des Bremer Strafraums die Breite. Der Pfostentreffer Sabitzers aus 16 Metern vor dem Seitenwechsel sollte jedoch die beste Chance der Gäste bleiben – die Bremer Stabilität in Abwehr und Mittelfeld hatte daran ebenso ihren Anteil wie das auffällige Fehlen eines zentralen Kreativspielers in der Leipziger Offensive. Eine halbe Stunde vor Schluss stellte Hasenhüttl um und brachte mit Davie Selke für Marvin Compper einen zusätzlichen Stürmer.

Leipzig präsentierte sich nun wieder im klassischen 4-4-2, jedoch mit schwächer koordiniertem Pressing und spielschwächerer Zentrale. Werder erhöhte nicht nur mit einer Standardvariante auf 2:0, sondern kam auch dank der riskant aufgerückten Leipziger Mannschaft zu immer besseren Umschaltaktionen. Bartels ließ sich hierfür häufiger auf den rechten Flügel fallen, um die Räume hinter den hohen Außenverteidigern zu attackieren. Wiederholt konnten die Gäste nur dem athletischen Dayot Upamecano danken, der sich zwar im Aufbau einige leichte Fehler leistete, aber die schnellen Gegenstöße der Bremer zuverlässig ablief. Beim 3:0 durch den eingewechselten Florian Kainz war dann die komplette Leipziger Hintermannschaft machtlos – ein starker Umschaltangriff von der Sorte, die sich Alexander Nouri vor der Partie von seinem Team gewünscht hatte, rundete eine souveräne Mannschaftsleistung ab.

Trotz der Leipziger Tabellenplatzierung ist die Partie nicht überzubewerten – letztendlich hatte man eine formschwache und ersatzgeschwächte Mannschaft zu Gast, die in der ersten halben Stunde mindestens ebenbürtig war. Dennoch steht die Partie exemplarisch für die starke mannschaftliche Entwicklung der letzten Wochen: Besonders defensiv hat die einstige Schießbude der Liga sich merklich stabilisiert. In den letzten fünf Partien gab es lediglich zwei Gegentore. Einer der Hauptgründe hierfür ist das stabile zentrale Mittelfeld, indem sich der zuletzt deutlich verbesserte Zlatko Junuzovic, Neuzugang Thomas Delaney und Techniker Florian Grillitsch hervorragend ergänzen. Dank eines klaren Plans und einer starken zentralen Achse feiert Werder so den höchsten Sieg der Saison – und braucht dafür noch nicht einmal die Offensivstars Kruse und Gnabry.

Quelle: WerderStube

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