„Wech vom Deich“ - Teil 7

Jerome Polenz’ Weltreise als Fußballprofi

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Jerome Polenz spielte von 2002 bis 2007 bei Werder. Richtig erfolgreich verlief seine Karriere aber erst später – am anderen Ende der Welt bei den Sydney Wanderers.

Bremen/Köln - Bremen, Aachen, Berlin, später Australien und Norwegen: Ex-Werder-Profi Jerome Polenz ist in der Fußballwelt ganz schön viel herumgekommen. Aus unserer Serie „Wech vom Deich“.

Die Kaffeemaschine blubberte munter vor sich hin, im Raum der entsprechende Duft. Einige Kollegen hämmerten bereits energisch auf ihre Tastatur ein, andere telefonierten – ein erster Anflug von hektischer Betriebsamkeit, ein ganz normaler Morgen im Büro. Aber gerade deshalb kam sich Jerome Polenz ziemlich merkwürdig vor, als er im Sommer 2012 zu seinem ersten Arbeitstag erschien.

Wie eine Umkleidekabine sah das hier jedenfalls nicht aus! Von Union Berlin war der Ex-Werder-Profi gerade zu den Sydney Wanderers nach Australien gewechselt. Zu einem Verein, der erst wenige Wochen zuvor gegründet worden war. „Alles war noch im Bau, wir haben uns mitten in der Geschäftsstelle umgezogen und auf einem Acker trainiert“, erinnert sich Polenz: „Ich habe gedacht, wo bin ich hier denn gelandet?“ Am Ende der Saison sollte der Berliner mit den Wanderers die Meisterschaft feiern, im Jahr darauf die asiatische Champions League gewinnen.

Das ist nur eine von zahllosen Geschichten, die Polenz, 31, beim Rückblick auf seine Karriere und die bisherige Zeit danach erzählen kann. Andere handeln von einem Haus am Fjord in Norwegen, einer Silvesternacht mit Max Kruse, einem erfolglosen Ausflug in die Modebranche und davon, wie er seinen besten Freund Thomas Broich kennengelernt hat: indem er ihm die Nase brach. Heute haben die beiden Männer ihre eigene Fußballshow beim Sport-Streaming-Dienst „DAZN“. Wie konnte das alles passieren, Jerome Polenz?

„Ich bin zurzeit ein kleiner Vagabund“

Es ist ein Telefonat, das einer Zeitreise gleicht, eine gute Stunde wird es dauern. Jerome Polenz ist gerade in Köln, zu Besuch bei Broich. München, Berlin, Köln, Barcelona – zwischen diesen Städten pendelt der Ex-Fußballer hin und her. „Ich bin zurzeit ein kleiner Vagabund“, lacht Polenz, der als 15-Jähriger von TeBe Berlin ins Werder-Internat wechselt. 2002 war das, der Startpunkt seiner Reise, die er nun nacherzählen wird. Ab und zu klingt seine Stimme dabei so, als würde er selbst ungläubig mit dem Kopf schütteln.

In Bremen läuft es für das Nachwuchstalent zunächst gut, schon mit 17 Jahren debütiert er in Werders U23, Dritte Liga. Unter Trainer Thomas Wolter spielt sich Polenz fest, steht im heißen Saison-Endspurt, der schließlich im Klassenerhalt mündet, immer in der ersten Elf. „Es war ein guter Start in den Herrenbereich“, sagt er. So gut geht es aber nicht weiter. Zwar bringt es der Rechtsverteidiger später auf drei kurze Bundesliga-Einsätze, die Konkurrenz im Kader von Trainer Thomas Schaaf ist aber zu groß. Polenz wechselt 2007 zu Alemannia Aachen in die Zweite Liga.

Polenz‘ Neustart in Sydney

Im ersten Jahr Stammspieler, im zweiten ein Kreuzband- und Meniskusriss. Danach läuft sein Vertrag aus – und die Heimat ruft, Union Berlin. 2010 wechselt Polenz zu den Eisernen. Glücklich wird er dort nicht. Die Mannschaft von Trainer Uwe Neuhaus legt einen schlechten Saisonstart hin. „Es gab große Panik im Verein“, sagt Polenz, der bei Neuhaus anfragt, ob er nicht etwas offensiver spielen könne. Resultat: Polenz spielt gar nicht mehr. „Der Trainer hat das nicht so gut aufgefasst.“ 2012 wird Polenz’ Dreijahresvertrag vorzeitig aufgelöst. „Meine Zeit bei Union war eigentlich schon vorbei, bevor sie angefangen hatte“, sagt er heute. „Es ist auf beiden Seiten viel schief gelaufen.“

Der Profi nutzt die Situation als vereinsloser Spieler, „um mich mit mir selbst auseinanderzusetzen“. Das Ergebnis fällt selbstkritisch aus: „Ich wollte zu früh zu viel. Meine forsche Art ist manchmal in Überheblichkeit ausgeartet.“ Zeit für einen Neustart, für ein großes Abenteuer: Polenz wechselt nach Sydney und damit irgendwie auch zu sich selbst. Beim Umziehen mitten im Büro fühlt sich das aber noch nicht so an.

Einer von nur drei Bundesliga-Einsätzen: Jerome Polenz kommt im Februar 2006 für Miroslav Klose ins Spiel.

Trainer Tony Popovic, einst selbst Profi in England, formt in Sydney aus einem Haufen gescheiterter oder zumindest gestrauchelter Fußballer ein Erfolgsteam. „Der Trainer war ein Augenöffner für mich“, betont Polenz, der in der ersten Saison des neu gegründeten Vereins 23 Spiele als Rechtsverteidiger absolviert und mit seinen Kollegen am Ende den Titel holt. „Es war ein Fußball-Märchen. Diese Erfahrungen kann mir keiner mehr nehmen.“

Wenn er nicht auf dem Platz steht, erkundet Polenz das Land, schnorchelt im Ningaloo-Riff mit Walhaien. Familie und Freude kommen zu Besuch. Unter anderem Max Kruse, den Polenz aus gemeinsamen Werder-Zeiten kennt und der seinen Gladbacher Mitspieler Christoph Kramer mitbringt. Das Trio feiert zusammen Silvester in Sydney. Feines Restaurant, Blick auf Feuerwerk und Oper. Polenz’ Leben ist ein Traum, der erst endet, als sich der Deutsche verpokert.

Kumpel Broich bringt Polenz bei seinem Trainer ins Gespräch 

Die Wanderers wollen seinen Vertrag unbedingt verlängern, Polenz will das auch, aber zu besseren Bezügen. Die Sache zieht sich – und platzt am Ende. Mit seiner Mannschaft hat Polenz gerade das Viertelfinale der asiatischen Champions League überstanden, als ihm nur noch ein Ausweg bleibt: Norwegen, Sarpsborg 08. Während die Kollegen wenig später den Titel holen, hat der Abwehrspieler längst ein Haus im Südosten Norwegens bezogen. „Wirklich traumhaft, an einem Hang direkt am Fjord“, sagt Polenz. Er sagt aber auch: „Ich wollte da nie hin.“

Nach einem halben Jahr und nur zwei Einsätzen endet die Zeit in Skandinavien bereits. Polenz zieht es zurück nach Down Under. Er wählt im Frühjahr 2015 die Nummer von Thomas Broich, jenem Mann, den er zu diesem Zeitpunkt nur flüchtig kennt, weil er ihm in einem Spiel der Wanderers gegen Brisbane Roar mal die Nase gebrochen hat. Broich, heute zweifacher australischer Fußballer des Jahres, bringt Polenz bei seinem Trainer ins Gespräch.

Kurz darauf steht der Deal. Polenz und Broich werden Freunde. Schnell zieht der Neuzugang mit seiner Partnerin ins Haus von Broich und dessen Lebensgefährtin. Nächtelange Gespräche. Über Fußball, Taktik, aber auch über Philosophie, Lebensführung und Politik. Irgendwo dazwischen: Die Idee für eine Fußball-Show, mit der die beiden Ex-Profis unlängst Premiere gefeiert haben.

Polenz: „Wir haben uns unseren Traumjob geschaffen“

Nach dem Karriereende im Sommer 2016 arbeitet Polenz zunächst im Bereich Online-Marketing, verlagert seinen Wohnsitz dafür später nach Barcelona. Noch während der Laufbahn, Berliner Zeit, ein kurzer und erfolgloser Ausflug ins Mode-Business. Polenz’ Label „Propeller“ scheitert, wird kein Standbein für die Zeit danach. „Die Idee war gut, die Umsetzung nicht“, lacht der Ex-Bremer, der nicht so klingt, als würde ihm das etwas ausmachen.

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Der 31-Jährige sieht das Leben als eine Art Episodenfilm. Aktuelle Folge: Fußball-Show mit bestem Kumpel. „Wir haben uns unseren Traumjob geschaffen“, betont Polenz. „Jetzt schauen wir, wie die Resonanz ausfällt.“ Flexibel bleiben, nicht in festgezurrten Strukturen denken – das hat ihn die stets unplanbare Karriere als Profifußballer gelehrt. Jerome Polenz weiß: Mal klappt fast alles, mal gibt es Widerstände. Weiter geht es aber irgendwie immer.

Quelle: DeichStube

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