Fußball-Analytiker Tobias Escher freut sich auf mehr Ballbesitz – nicht nur bei Werder

Nouri ein Taktikfuchs?„Ich bin noch skeptisch“

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Ein gewohntes Bild auf dem Trainingsplatz: Werder-Coach Nouri und seine Taktiktafel

Bremen - Er hat den etwas anderen Blick aufs Spiel: Tobias Escher ist Taktikexperte. Er hat die viel beachtete Internetseite spielverlagerung.de gegründet, das Buch „Vom Libero zu Doppelsechs“ veröffentlicht und das ZDF beraten.

Jetzt schreibt Escher auch für die DeichStube und analysiert die Spiele des SV Werder. Der 29-Jährige ist gespannt, ob Coach Alexander Nouri „in dieser Saison ein, zwei Taktikvarianten mehr auspackt“. Im Interview verrät er auch seinen Titelfavoriten und den Geheimtipp.

Herr Escher, am Freitag geht die neue Bundesliga-Saison los, worauf freuen Sie sich als Taktikexperte am meisten?

Tobias Escher: Der Start ist immer deshalb so interessant, weil die Teams gerne etwas Neues ausprobieren. Sie hatten schließlich sechs Wochen Zeit zu trainieren – auch die Taktik.

Welche Neuheiten erwarten Sie?

Escher: Einige Teams haben noch stärker Ballbesitz trainiert – gerade Mainz. Hoffenheim auch, Dortmund ebenfalls. Werder hat es auch gemacht. Ich bin sehr gespannt, ob diese Teams das umsetzen können.

Woher kommt der Wunsch nach mehr Ballbesitz?

Escher: Die Teams müssen für alle Phasen des Spiels Ideen haben. Sie müssen defensiv gut stehen, kontern können, aber auch selbst etwas mit dem Ball machen können. Der Ballbesitzfußball hat sich in den letzten Jahren im Weltfußball sehr stark weiterentwickelt. Das kommt nun immer mehr in der Bundesliga an. Hoffenheim war da in der vergangenen Saison ein gutes Beispiel.

Hoffenheim war aber eine Ausnahme. Bis auf die Bayern hat sich in der Bundesliga kaum noch eine Mannschaft getraut, selbst das Spiel zu machen.

Escher: Das stimmt. In der Bundesliga war es teilweise sogar so extrem, dass keine der beiden Mannschaften mehr den Ball haben wollte. Dadurch wurde es ziemlich langweilig. Wenn Mannschaften eigene Ideen entwickeln, was sie mit dem Ball machen können, ist das schöner. Das kommt so langsam.

Ballbesitzfußball galt oft als zu riskant, werden die Trainer mutiger?

Escher: Ja. Lange Zeit hieß es immer, man braucht die richtigen Spieler für Ballbesitzfußball. Aber Hoffenheim hat gezeigt, dass man Ballbesitzfußball auch als Mannschaft, die aus dem Mittelfeld der Liga kommt, schnell und erfolgreich umsetzen kann. Da wurden einige Clubs abgehängt. Schalke hat das erkannt und sich einen jungen Trainer wie Domenico Tedesco geholt, der das ändern soll.

Hoffenheim hat allerdings auch sehr gute finanzielle Möglichkeiten, taugt der Verein da überhaupt als Beispiel?

Escher: Die Hoffenheimer Mannschaft war ganz bestimmt nicht teurer als die Schalker oder die Gladbacher. Und grundsätzlich muss das nichts mit Geld zu tun haben. Die jungen Spieler sind doch heute alle top ausgebildet und so stark, dass sie einen flachen, scharfen Pass über zehn, 15 Metern spielen zu können.

Was erwarten Sie taktisch von Werder?

Escher: Am Anfang auf keinen Fall Ballbesitzfußball, weil das die ersten Gegner nicht zulassen (Hoffenheim, Bayern, Anm. d. Red.). Ich rechne mit konternden Bremern, die wieder versuchen, ihre Geschwindigkeit auszuspielen.

Hat Werder ohne Serge Gnabry noch diese Geschwindigkeit?

Escher: Ja, das konnte man doch schon in der Rückrunde sehen, da hat Gnabry doch gar nicht mehr so oft gespielt. Mit Kruse hat Werder einen exzellenten Konterstürmer. Kainz könnte eine größere Rolle spielen, er hat eine ordentliche Geschwindigkeit. Bartels natürlich auch. Wenn Zlatko Junuzovic wieder da ist, kann auch er aus dem Mittelfeld nachstoßen. Da gibt es einige Möglichkeiten.

Was passiert taktisch nach den schwierigen Auftaktspielen?

Escher: Es kommt sicherlich auch auf die Ergebnisse an, ob man dann auf Ballbesitzfußball übergeht. Nouri hat an dem 5-3-2-System beziehungsweise dem 3-1-4-2 bei Ballbesitz festgehalten. Man hat allerdings die Außenpositionen etwas neu justiert, mit Ludwig Augustinsson als klassischem Flügelläufer und Theodor Gebre Selassie, der auf der anderen Seite mehr zum Tor zieht. Man nennt das im Taktikbereich Asymmetrie: Von links kommen die Flanken, von rechts werden sie verwertet.

Ist Werder dadurch nicht zu einfach ausrechenbar?

Escher: Das kann passieren. Aber es kommt immer darauf an, wie gut du es ausführst. Arjen Robben ist auch ausrechenbar und trotzdem kaum zu stoppen.

Ist Alexander Nouri ein Taktikfuchs?

Escher: Ich bin noch skeptisch. Ich weiß nicht, wie ich ihn einschätzen soll. Er gehört ja eigentlich zu dieser jungen Trainer-Generation mit Nagelsmann, Tedesco, die aus den Nachwuchsleistungszentren kommen. Er hat sich bei Werder sehr über Laufstärke definiert, über den Kampf – und hat sehr häufig das 5-3-2-System spielen lassen. Ich bin gespannt, ob er in dieser Saison, ein, zwei Varianten mehr auspackt.

Wie wichtig wäre das?

Escher: Wenn du nur eine Variante hast und dabei auch nicht die individuelle Klasse der Bayern, dann bekommst du wahrscheinlich ein Problem. Denn die Gegneranalyse wird immer besser, da wirst du einfach entschlüsselt. Das hat Leipzig nach der Hinrunde zu spüren bekommen. Es wurden dort aber neue Varianten erarbeitet mit Dreier- und Viererkette. Das war schon sehr wichtig und schließlich erfolgreich.

Wer ist der beste Taktiker in der Bundesliga?

Escher: Das ist schwer zu sagen, weil Taktik viele Dinge umfasst: Offensive, Defensive, Ballbesitz, Konterspiel. Julian Nagelsmann ist ein Trainer, der sehr viel ausprobiert. Aber auch ein Dieter Hecking ist taktisch nicht zu unterschätzen. Er kommt von einer anderen Schiene. Hecking perfektioniert eher eine Variante und arbeitet dabei sehr sauber. Man kann sagen: Es gibt inzwischen keine Trainer mehr, die taktisch abfallen.

Wer wird Meister, wer die Überraschungsmannschaft?

Escher: An den Bayern muss man wie immer erst mal vorbeikommen. Aber es könnte enger zugehen. Das Problem: Ich sehe noch keinen echten Konkurrenten für die Bayern. Dortmund ist im Umbruch, Schalke und Leverkusen sind es auch. Leipzig spielt erstmals international. Besonders gespannt bin ich auf Mainz. Wenn die ihren Weg mit Sandro Schwarz konsequent durchziehen und das nötige Glück haben, könnte das die Überraschungsmannschaft werden. Vielleicht greift auch Hoffenheim wieder oben an.

Und Werder?

Escher: Werder könnte sich mit einem Mittelfeldplatz glücklich schätzen. Es ist schwer vorstellbar, dass man das Glück der Rückrunde noch mal wiederholen kann. Aber Werder wird auch nicht unten reinrutschen.

Ihr ehemaliger Kollege bei spielverlagerung.de, Rene Maric, ist jetzt Co-Trainer bei RB Salzburg. Wann steigen Sie in die Bundesliga ein?

Escher: (lacht) Nicht so schnell. Rene ist ein echter Trainerfuchs, hat schon früher als Trainer gearbeitet. Er macht einen anderen Beruf als ich. Ich gucke mir das als Journalist von außen an und bewerte das. Trainer ist eine ganz andere Hausnummer.

Empfinden Trainer Sie da nicht als ungelernten Schlaumeier?

Escher: Den Vorwurf kann man natürlich machen. Willi Lemke hat mal gesagt, die schlausten Leute sitzen auf der Pressetribüne, die wissen alles besser. Ich versuche, immer fair zu bleiben. Letztlich mache ich das Gleiche, was die Scouts und Videoanalysten der Vereine tun. Das ist kein Hexenwerk.

Woher nehmen Sie Ihr Wissen?

Escher: Ich habe sehr viel gelesen – und ich gucke einfach ganz viel Fußball. So kompliziert sind diese ganzen taktischen Dinge auch gar nicht. Abkippende Sechs und falsche Neun klingt immer ganz speziell, dabei geht es nur um bestimmte Laufwege, die man schnell erkennen kann.

Wie viel Fußball schauen Sie in der Woche?

Escher: Ich versuche, alle Bundesligaspiele zu gucken und dazu noch die Champions League.

Viele Bundesligaspiele laufen parallel, wie machen Sie das dann?

Escher: Ich nehme die Spiele auf und schaue sie am Sonntag- oder am Montagmorgen.

Macht es überhaupt Spaß, Spiele zu gucken, deren Ergebnisse Sie schon kennen?

Escher: Nicht wirklich. Deswegen versuche ich tatsächlich, mir die Ergebnisse vorher nicht anzuschauen. Aber das klappt leider nicht immer. Wenn man ein Spiel taktisch schaut, ist das Ergebnis allerdings nicht so relevant.

Wäre eine Analyse im Stadion nicht besser?

Escher: Ja, wegen der Komplettansicht schon. Aber ich habe bei einigen Spielen die Scouting-Cam, die das komplette Spielfeld zeigt. Das ist die Optimallösung, weil ich dann auch das Bild anhalten und spulen kann.

Wovon träumen Sie im Fußball, was wollen Sie noch machen?

Escher: Ich lebe doch meinen Traum. Ich kann zuhause sitzen, mir Fußball anschauen, darüber schreiben und werde dafür bezahlt. Mir bleibt nur zu hoffen, dass die Leute das mögen und merken, dass ich da sehr viele Liebe und Expertise reinstecke.

Mehmet Scholl ist nicht mehr der Fußball-Experte der ARD. Der Mediendienst meedia.de hat gefordert, dass Sie sein Nachfolger werden. Sind Sie bereit?

Escher: (lacht) Das Geld würde ich gerne mitnehmen. Es wäre bestimmt auch ein schöner Job, aber es ist total unrealistisch.

Warum?

Escher: Ich glaube, die Zuschauer wollen Ex-Profis sehen. Man hat zwar erkannt, dass ein guter Trainer kein guter Spieler gewesen sein muss. Aber beim Expertentum im Fernsehen hat man das noch nicht so akzeptiert.

Tobias Escher


Zur Person: Tobias Escher ist ein freier Journalist, der sich als Taktikexperte bundesweit einen Namen gemacht hat. Er ist Autor der Website spielverlagerung.de sowie Experte bei Bohndesliga, einem ganz besonderen Fußball-Format im Internet. Der 29-Jährige schreibt für die „Welt“ und „11Freunde“ und war als Taktikexperte auch für TV-Sender wie Sky und ZDF tätig - mal im Vorder-, mal im Hintergrund. Absolut zu empfehlen sind seine Bücher „Vom Libero zur Doppelsechs“ und „Die Zeit der Strategen: Wie Guardiola, Löw, Mourinho und Co. den Fußball neu denken“ (erscheint im März 2018). Tobias Escher wird in dieser Saison alle Pflichtspiele des SV Werder Bremen exklusiv für die DeichStube analysieren.

Alexander Nouri: Seine Karriere in Bildern

Quelle: DeichStube

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