Dr. Hess-Grunewald hat einiges vor mit Werder – und eine spezielle Vergangenheit mit Thomas Schaaf

„Die Scherben zusammenfegen“

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Dr. Hubertus Hess-Grunewald nahm sich gestern im Mannschaftshotel in Belek viel Zeit, um seine Vorstellungen als neuer Werder-Präsident und Geschäftsführer zu erläutern.

Belek - Klaus-Dieter Fischer gibt keine Interviews mehr, den Part übernimmt nun sein Nachfolger Dr. Hubertus Hess-Grunewald – und der setzte gestern im Trainingslager in Belek die ersten Akzente: Der neue Werder-Präsident und Geschäftsführer will unbedingt das zerrüttete Verhältnis mit der Stadt Bremen kitten, verkündete er in einer Medienrunde im Teamhotel. Der 54-jährige Rechtsanwalt wünscht sich einen raschen Hochwasserschutz für das Weserstadion, er strebt einen Ausbau des Nachwuchsleistungszentrums in der Pauliner Marsch an und er verrät, warum einst Thomas Schaaf und nicht er Spielführer der D-Jugend des SV Werder wurde.

Herr Hess-Grunewald, mit welchen Ideen gehen Sie Ihre neue Aufgabe an?

Dr. Hubertus Hess-Grunewald: Ein Schwerpunkt wird sein, das etwas belastete Verhältnis zur Stadt zu verbessern. Ich möchte mithelfen, die Scherben wieder zusammenfegen und setze darauf, dass ich auf Gleichgesinnte in der Politik treffe, denn Werder braucht Bremen und Bremen braucht Werder.

Wozu braucht Werder die Stadt?

Hess-Grunewald: Zum Beispiel beim Thema Hochwasserschutz. Am Sonntagmorgen fehlten nur 30 Zentimeter, dann wäre die Weser bei uns am Stadion wieder übergeschwappt. Wenn das passiert, haben wir, Werder und Bremen, ein Problem. Wir machen uns in der Bremer Weserstadion Gesellschaft bereits gemeinsam Gedanken.

Sie fordern also von der Stadt eine zeitnahe Unterstützung auch mit einer finanziellen Komponente?

Hess-Grunewald: Wir fordern nichts. Wir machen uns gemeinsam Gedanken. Wenn das Stadion wirklich überflutet würde, dann gehen die Schätzungen von einem Schaden von 25 bis 30 Millionen Euro aus. Und ein Stadion in einem Hochwasserflutungsgebiet kann man nicht versichern. Also müssten man ja mit dem Klammerbeutel gepudert sein, wenn man nicht bereit wäre, etwa fünf Millionen Euro auszugeben, um diesen Schaden auszuschließen.

Wo sehen Sie weitere Herausforderungen?

Hess-Grunewald: Die Allergrößte natürlich im sportlichen Bereich. Ich bin nicht der Mittelstürmer und auch kein Sechser – aber auch wir Geschäftsführer haben die Aufgabe, die Klasse zu halten. Wir müssen Bremen weiter in der Bundesliga etablieren – und das mit unserem neuen Weg.

Welcher ist das?

Hess-Grunewald: Für mich ist das letzte Heimspiel gegen Dortmund mit den vielen jungen Spielern aus unserem Nachwuchsleistungszentrum das Referenzspiel. Wenn es uns dieses Jahr gelingt, die Klasse zu halten, dann haben wir eine junge Mannschaft, die wir entwickeln können. Dann können wir wieder dahin kommen, wo wir alle hinwollen. Das heißt nicht, dass wir in ein, zwei Jahren wieder Europa League spielen. Aber es ist schon ein Unterschied, ob man sich nach oben orientieren kann oder immer nur nach unten gucken muss. Meine Aufgabe ist es, im Leistungszentrum die Voraussetzungen zu schaffen, um weitere Spieler für die Bundesliga zu liefern.

Wo setzen Sie da an?

Hess-Grunewald: Man muss einfach sehen, wie die anderen Vereine in ihrer Infrastruktur aufrüsten. Werder war mal jahrelang Vorreiter. Aber wir sind durch baurechtliche Beschränkungen in der Pauliner Marsch an Grenzen gestoßen. Die müssen wir verschieben, um das Leistungszentrum weiterzuentwickeln. Eine denkbare Möglichkeit wäre es, den Kabinentrakt auf Platz elf aufzustocken.

Warum hat Werder den Anschluss verpasst?

Hess-Grunewald: Das haben wir nicht, wir hinken auch nicht hinterher. Wir bekommen bei der Zertifizierung stets die Höchstzahl von drei Sternen. Aber wenn man mich fragt, was ich neu machen will, dann sehe ich diese Herausforderung.

Bayern und Dortmund greifen immer früher zu – hat Werder überhaupt noch eine Chance, die besten Talente zu holen?

Hess-Grunewald: Finanziell können wir mit den Champions-League-Clubs nicht mithalten. Wir müssen etwas anderes bieten, eine Werder-Philosophie, einen Werder-Weg, ein familiäres Leistungszentrum der kurzen Wege.

Wie finden Sie das Vorgehen der Bayern und der anderen finanzstarken Clubs?

Hess-Grunewald: Das sind die Marktgesetze. Die großen Alphatiere versuchen, ihre finanzielle Überlegenheit auszuspielen. Wir wollen darüber nicht hadern.

Sie sind quasi neu im Bundesliga-Geschäft, wie groß ist in der Geschäftsführung Ihr Einfluss bei künftigen Transfers?

Hess-Grunewald: Ich bin seit 15 Jahren im Aufsichtsrat, zehn Jahre als stellvertretender Vorsitzender. Da habe ich bei der einen oder anderen Sache schon mitgewirkt. Die Zusammenarbeit mit meinen Geschäftsführer-Kollegen Klaus Filbry und Thomas Eichin hat schon einen besonderen Charme, denn als Aufsichtsrat habe ich beide mit eingestellt. Das Wichtigste ist, dass wir ein Miteinander pflegen und nach außen eine einheitliche Ausrichtung vertreten. Natürlich werde ich bei Transfers meinen Teil der Verantwortung beitragen. Es geht auch um Budgettreue. Wir müssen uns wirtschaftlich konsolidieren und gleichzeitig eine Mannschaft für die Zukunft entwickeln.

Ihr Vorgänger Klaus-Dieter Fischer hatte ein ganz besondere Stellung im Club. Wie sehen Sie Ihre Rolle?

Hess-Grunewald: Klaus-Dieter Fischer ist ein sehr dominanter Geschäftsführer gewesen. Die satzungsgemäße Struktur, dass ein Mitglied des geschäftsführenden Präsidiums auch in der Geschäftsführung sitzt, war ihm ja auf den Leib geschneidert. Ich möchte die Rolle anders interpretieren. Ich setze mehr auf Kooperation und das Gespräch mit den Mitarbeitern. Wir werden mehr im Team auftreten. Wir haben außerdem eine kreative, kompetente Direktorenebene, die soll mehr zur Geltung kommen.

Wie kommt Werder finanziell wieder in die Spur?

Hess-Grunewald: Der sportliche Erfolg ist das A und O. Und da sind auch noch die bekannten Themen wie strategischer Partner oder Investor.

Wird es in diesem Jahr einen Abschluss geben?

Hess-Grunewald: Die Frage kann ich seriös nicht beantworten. Ich kann nur sagen, dass wir unterwegs sind.

Gab es Partner, die bereit waren?

Hess-Grunewald: Wir waren bislang nie in der Situation, da ist jetzt ein Partner, der sagt, ich hau hier mal 20 Millionen rein – und wir fragen uns dann: Och, ob der Partner uns passt?

Zu Ihnen persönlich: Haben Sie eine Vorbildung in Sachen Fußball?

Hess-Grunewald: Ich bin mit neun Jahren bei Werder eingetreten und habe alle Jugendmannschaften durchlaufen. In der Zeit habe ich fünf Jahre mit Thomas Schaaf zusammengespielt. Er war Spielführer, ich sein Stellvertreter. Vielleicht hätte ich mich in der D-Jugend in Adenauer-Manier mal lieber selbst wählen sollen, dann wäre ich Spielführer gewesen. Es war ein knappes Ergebnis (lacht).

Hat Thomas Schaaf sich selbst gewählt?

Hess-Grunewald: Das weiß ich nicht. Mensch, wir waren elf Jahre alt. Es war wirklich eine tolle Zeit, wir haben viel erlebt. Ich bin dann zum Studium nach Göttingen. Da habe ich nicht mehr gespielt, weil ich mir geschworen hatte, nie für einen anderen Verein als Werder Bremen zu spielen.

Wirklich?

Hess-Grunewald: Es gab zwar Anfragen, aber ich habe immer gesagt: Ich habe die Raute im Herzen, ich kann kein anderes Trikot tragen. Der Kontakt zu Werder ist nie abgebrochen. Ich habe die Werder- Ferienfreizeiten mitbetreut. 1989 bin ich zurück nach Bremen – und natürlich zu Werder. Vereinswirt Horst Münte hat damals gesagt: Komm mal zu den Alten in die fünfte Herren. Ich habe also das Kunststück fertig gebracht, von der A-Jugend direkt in die Alten Herren zu wechseln.

csa

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