Das gab es noch nie: Redeverbot für die Spieler vor dem Nordderby

Das große Schweigen

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Werder-Coach Skripnik

Bremen - Als erstes kam gestern Morgen Clemens Fritz aus der Kabine, ihm folgte Viktor Skripnik – beide grüßten freundlich, wie auch der Rest der Mannschaft. Gute Miene zum bösen Spiel? Denn die Stimmung bei Werder ist nach der 2:3-Pleite in Stuttgart so schlecht wie noch nie, seit Skripnik Ende Oktober das Traineramt von Robin Dutt übernommen hat. Der bislang so gerühmte Teamgeist scheint in den vergangenen Wochen abhanden gekommen zu sein. Skripnik selbst bestätigt das indirekt. Und der Coach versucht sofort gegenzusteuern – und das auf für Bremer Verhältnisse ungewohnt drastische Weise.

Der Maulkorb von Stuttgart – die Werder-Profis müssen ihn länger tragen, als zunächst angekündigt. Hatte Sportchef Thomas Eichin nach der Partie am Sonntag noch versichert, dass am Montag wieder alles nach Plan laufen werde, folgte noch am Abend aus der Pressestelle des SV Werder die Nachricht: „Der Trainer hat der Mannschaft auch für Montag einen Tag ohne Medienarbeit angeordnet.“ Und damit nicht genug. Gestern hieß es dann: In der gesamten Woche vor dem Nordderby gegen den Hamburger SV am Sonntag (15.30 Uhr, Weserstadion) darf nur Clemens Fritz zu den Medien sprechen. Morgen wird er als Gesprächspartner zur Verfügung gestellt, ansonsten herrscht Redeverbot für die Spieler.

„Wir machen die Schotten dicht, um uns auf den HSV zu konzentrieren“, erklärt Geschäftsführer Thomas Eichin im Interview (siehe unten) die Entscheidung. Nach außen wird sie als gemeinschaftlich getroffene Maßnahme verkauft, treibende Kraft soll aber Trainer Skripnik sein. Der Ukrainer glaubt offenbar sehr an die wohltuende Wirkung der inneren Einkehr. Und daran, dass Profis besser Fußball spielen, wenn sie sich nicht öffentlich mit ihrem Beruf und den Erfolgs- oder Misserfolgsaussichten auseinandersetzen müssen. Selbst langjährige Wegbegleiter des Bundesligisten können sich an ein ähnliches Vorgehen bei Werder nicht erinnern.

Vielleicht sind die Probleme, die Skripnik bis Sonntag lösen muss, allerdings auch viel größer als bisher angenommen. Er selbst hat nach der Niederlage in Stuttgart verraten, dass er mitunter Egoismus und Missgunst spürt, wo Teamgeist und Zusammenhalt sein sollten. Sein Bericht von der Bank beginnt mit einem Rückblick ins Double-Jahr 2004. „Als wir Meister wurden, da musste uns der Trainer bremsen. Ich war auf der Bank und habe meiner Mannschaft mein volles Herz gegeben, damit wir drei Punkte holen“, erinnert sich der 45-Jährige: „So muss das sein! Und nicht so wie jetzt, als wir das Tor machen und unsere Jungs auf der Bank sitzen und das nicht feiern, weil sie beleidigt sind.“

Das einzige Spieler-Statement in Stuttgart ließ ebenfalls einen Graben erkennen. Torhüter Raphael Wolf sprach direkt nach dem Spiel bei Sky und ARD (er erfüllte damit die vertraglich fixierten Pflichten) und nahm das Tor zum 1:2 auf seine Kappe – allerdings nicht, ohne die Kollegen mit reinzuziehen in die Kritik: Wegen seines Fehlers habe Werder nicht das Spiel verloren, so Wolf: „Das hat ja nichts damit zu tun, wie wir aufgetreten sind.“ Mit dem Finger auf die anderen zu zeigen, wenn man selbst Bockmist gebaut hat – es ist kein gutes Zeichen. Ob das Verhalten auf der Bank und vor der Kamera gestern Morgen Thema auf der Teambesprechung war, ist nicht überliefert. Klar ist aber, dass Skripnik den Spielern mehr als eine halbe Stunde die Fehler des Vortages vorhielt. Er will ihnen die vermeintlichen Flausen aus dem Kopf treiben.

„Als wir Angst hatten, abzusteigen, konnte jeder sehen, wie gut wir Fußball spielen können. Die Spieler glauben, Europa kommt von allein“, hatte Skripnik schon in Stuttgart moniert und gewarnt: „Alle von unten haben gewonnen außer Hamburg. Es waren zehn Punkte Vorsprung, jetzt sind es nur noch acht. Wenn es nur noch fünf oder vier sind, dann sind hier alle wieder wach. Aber darauf warte ich nicht. Deswegen auch unsere Reaktion, weil wir etwas verändern müssen.“ Der Maulkorb ist dabei erst der Anfang – nach dem freien Tag heute wird Skripnik auch an der passenden Startelf für das Nordderby basteln. Überraschungen sind nicht ausgeschlossen.
kni/csa

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