Taktikanalyse zum Sieg gegen Würzburg

Ballbesitzspiel ein Flop, Konterspiel aber top

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Thomas Delaney (l.) und Werder Bremen hatten gegen die Würzburger Kickers zunächst ihre liebe Mühe.

Offenbach - Von Tobias Escher. Ballbesitzspiel ein Flop, Konterspiel aber top: Das sind die taktischen Lehren aus dem 3:0-Erfolg von Werder Bremen in der ersten Runde des DFB-Pokals.

Werder Bremen und die erste Pokalrunde – das war in der jüngeren Vergangenheit wahrlich keine Liebesgeschichte. Der Pokal hat seine ganz eigenen Gesetze, gerade in taktischer Hinsicht: Unterklassige Teams agieren meist extrem defensiv und überlassen dem Gegner den Ballbesitz. Plötzlich sehen sich Bundesligisten, die in der Liga eher Konterteams sind, mit der Aufgabe konfrontiert, das Spiel zu gestalten. Werder war dieser Aufgabe in den vergangenen Jahren nicht immer gewachsen.

Auch in diesem Jahr bekleckerten sie sich lange Zeit nicht mit Ruhm. Die Würzburger Kickers taten, was ein Außenseiter so tut: Trainer Stephan Schmidt schickte seine Elf in einem ultradefensiven 4-1-4-1 aufs Feld. Durch die tiefe Positionierung der Außenstürmer wandelte sich das 4-1-4-1 in Strafraumnähe gar zu einem 5-4-1 oder einem 6-3-1. Einzig Stürmer Enis Bytyqi, einst tätig für Werders zweite Mannschaft, hielt vorne die Stellung als Abnehmer für lange Bälle.

Werder Bremen war bemüht, die Kontrolle über das Spiel zu übernehmen. Trainer Alexander Nouri schickte seine Mannschaft in der Erfolgsformation der vergangenen Rückrunde auf das Feld. Werder agierte in einem 5-3-2, das offensiv durch das Vorrücken der Außenverteidiger zu einem 3-1-4-2 mutierte.

Auffällig war die ungleiche Besetzung der Flügelpositionen: Ludwig Augustinsson mimte auf links den klassischen Wing Back, der die Seitenlinie herauf- und herunterflitzte. Theodor Gebre Selassie auf rechts agierte wesentlich diagonaler, sprich: Er verließ häufig seine Position auf dem Flügel und drang in den gegnerischen Strafraum ein.

Werders Spiel war durch diese Asymmetrie gekennzeichnet: Die Angriffe wurden über links eingeleitet, von dort schlug Augustinsson Flanken in den Strafraum, deren Abnehmer häufig Gebre Selassie war. Max Kruse verstärkte diese Asymmetrie, indem er ständig auf den linken Flügel auswich; eine typische Eigenheit des Werder-Stürmers.

Veljkovic Lichtblick im ideenarmen Aufbauspiel

Die Angriffsroute über die linke Seite war die vielversprechendste für Werder. Allerdings kam Werder nur selten soweit, eine Flanke anbringen zu können. Zu zaghaft war das Spiel aus der Abwehr, zu wenig Impulse kamen aus dem Mittelfeld. Gerade die Verbindungsräume im zentralen Mittelfeld wurden nur selten besetzt. Thomas Delaney ließ sich (zu) weit fallen, Jerome Gondorf sprintete (zu) häufig nach vorne. So war es für Würzburgs massives Fünfer-Mittelfeld ein leichtes Spiel, die Verbindungswege durchs Zentrum zu kappen.

Nach einiger Zeit ließ sich Florian Kainz als zweiterStürmer häufiger fallen. Er hatte ein gutes Gespür dafür, die Räume hinter dem Würzburger Mittelfeld zu besetzen, sobald diese Gondorf oder Delaney deckten. Allerdings bekam auch Kainz zu selten Bälle. Die Abwehr traute sich nur selten, einen riskanten Vertikalpass zu spielen. Einzig Milos Veljkovic streute einige überraschende Pässe aus der Abwehr ein. Ansonsten war das Aufbauspiel äußerst vorhersehbar: Quer, quer, raus auf den Flügel zu Augustinsson, Flanke, Abstoß.

Einzelkritik: Pavlenka wackelt kurz, Augustinsson überzeugt

Das Spiel plätscherte vor sich hin – bis der Wind eine verunglückte Flanke von Veljkovic ins Tor bließ (50.). Dieses Tor stand sinnbildlich für Bremens Linkslastigkeit, aber auch für ihre Ideenarmut im Spielaufbau – schön herausgespielt war dieses Tor nämlich nicht.

Nach der Bremer Führung musste der Außenseiter aus Würzburg seine totaldefensive Strategie aufweichen. Schmidt brachte in Dominic Baumann einen zweiten Stürmer und stellte auf ein 4-4-2 um. Statt den Ball einfach lange nach vorne zu bolzen, wie sie es bis dato taten, versuchten sich die Würzburger nun am flachen Aufbauspiel.

Positiv: Balleroberungen und Konterspiel

Werder reagierte geschickt. Sie erhöhten den Druck im defensiven 5-3-2-System und schoben die Außenverteidiger im Pressing weiter vor. Die Stürmer setzten die gegnerischen Innenverteidiger unter Druck, die Außenverteidiger klauten die Bälle, sobald der Ball nach außen kam. Nach Ballgewinnen konterte Werder schnell. Kruse zeigte sich gewohnt umtriebig und präsent, Kainz und Gondorf sprinteten häufig in die Tiefe. Werders zweiter Treffer fiel nach einer Balleroberung durch Augustinsson (74.), den dritten Treffer markierte Eggestein nach einem Ballgewinn weit in der gegnerischen Hälfte (77.).

Dies war insofern die gute Nachricht an diesem Pokalabend: Das Ballbesitzspiel mag seine Probleme haben, aber das Pressing und das Konterspiel funktionieren. Das ist keine schlechte Ausgangslage für die Saison, schließlich wartet in der Liga kein Gegner wie Würzburg. Die ersten Gegner heißen Hoffenheim, Bayern, Hertha, Schalke und Wolfsburg. Fast allesamt Gegner, bei denen Werder Bremen in die Rolle der Würzburger Kickers schlüpfen kann: als unangenehmer Außenseiter, der mit schnellen Kontern Nadelstiche setzt.

Tobias Escher

Tobias Escher ist ein freier Journalist, der sich als Taktikexperte bundesweit einen Namen gemacht hat. Er ist Autor der Website Spielverlagerung.de sowie Experte bei Bohndesliga, einem ganz besonderen Fußball-Format im Internet. Escher schreibt für diverse Verlage und ist auch als Taktikexperte für TV-Sender wie Sky und ZDF tätig - mal im Vorder-, mal im Hintergrund. Absolut zu empfehlen sind seine Bücher „Vom Libero zur Doppelsechs“ und „Die Zeit der Strategen: Wie Guardiola, Löw, Mourinho und Co. den Fußball neu denken“. Tobias Escher wird in dieser Saison alle Pflichtspiele des SV Werder Bremen exklusiv für die DeichStube analysieren.

Quelle: DeichStube

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