Taktik-Analyse

Kruses Genie dreht das Katastrophen-Spiel

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Werder Bremen verdankt Doppeltorschütze Max Kruse den Sieg gegen Darmstadt 98.

Bremen - Von Cedric Voigt. Verkehrte Welt im Weserstadion: Eine knappe Halbzeit lang führt das kleine Darmstadt die Bremer vor. Erst nach der Pause schlägt Werder zurück, da Max Kruse auch jenseits seiner Treffer brilliert. Die Taktikanalyse.

Zähe Partien gegen Darmstadt sind für Werder nicht neu. Schon im Hinspiel brauchten die Bremer 45 Minuten, um sich auf das disziplinierte, destruktive Spiel der Hessen einzustellen. Am Ende reichte es zu einer für die "Lilien" etwas glücklichen Punkteteilung. Einen wirklichen Lerneffekt aus den bekannten Problemen gegen diesen individuell doch deutlich unterlegenen Gegner konnte man zu Beginn der Partie jedoch nicht erkennen: Vielmehr reproduzierte Werder alte Fehler – und ließ sich von neuen spielerischen Ansätzen der Gäste überraschen.

Alexander Nouri vertraute der eher passiven 4-4-2-Ausrichtung, mit der er bereits in den siegreichen Partien gegen Mainz und Wolfsburg starten ließ. Problematisch war hierbei besonders die Besetzung einiger zentraler Positionen: Einerseits konnte die Doppelspitze aus Max Kruse und besonders Claudio Pizarro nicht für die nötige Intensität im Pressing sorgen, um womöglich frühe Ballgewinne zu erzielen oder den Gegner zumindest davon abzuhalten, zu weit aufzurücken.

Stattdessen bestand zu Beginn der Partie die Aufgabe des Duos fast ausschließlich darin, das Zentrum zuzustellen, was halbherzig umgesetzt wurde und dem flügellastigen Darmstädter Spiel den Zahn nicht wirklich zog. Auch offensiv kamen die Stürmer meist in letztlich nie fertig ausgespielten Kontersituationen oder als Zielspieler für hohe Spieleröffnungen an den Ball, was den Fähigkeiten der spielstarken Pizarro und Kruse eher zuwiderläuft.

Einzelkritik: Mit Glück und Kruse zum dritten Sieg in Folge 

Hauptgrund hierfür war die desolate Raumbesetzung des zentralen Mittelfelds: In der 4-4-2-Struktur ist die Doppelsechs besonders gefordert, sich im Aufbau zu beteiligen. Weder existieren die klareren Zuständigkeiten des Drei-Mann-Mittelfeldes, noch können die Innenverteidiger so abgesichert aufrücken wie in der Dreierkette. Das Problem: Weder Zlatko Junuzovic noch Clemens Fritz sind aufbaustarke Sechser im klassischen Sinne. Folgerichtig zeigten sich eklatante Defizite in der Positionsfindung und in der Konsequenz daraus im Spielaufbau.

Junuzovic rückte früh in hohe Positionen auf und war so nicht mehr mit einem kontrollierten Flachpass anspielbar. Fritz bemühte sich stärker und besetzte häufiger den Sechserraum zentral vor den Innenverteidigern. Wenn er den Ball erhielt, wurde er jedoch in der Regel bereits vom herausrückenden Hamit Altintop unter Druck gesetzt. Fritz, mit dem Rücken zum Darmstädter Tor, blieben so kaum Optionen: 

Ein Dribbling wäre zu riskant. Im eingeschränkten Sichtfeld blieben die Innenverteidiger, so nicht von Zehner Mario Vrancic und Stürmer Antonio-Mirko Colak zugestellt, und Torhüter Felix Wiedwald. Raumgewinn war so nicht zu erzielen. Die Bremer Angriffe in Halbzeit eins beschränkten sich daher auf halbgare Umschaltaktionen ohne Abschluss, in denen einige Male nett von der linken Defensiv- auf die rechte Offensivseite verlagert wurde, jedoch ansonsten kaum Muster zu erkennen waren.

Einfacher Darmstädter Trick - aber er funktionierte

Werder-Legende Torsten Frings, seit kurzem Chefcoach der Darmstädter, hatte seinen "Lilien" derweil einen interessanten Plan mit auf den Weg gegeben. Der involvierte natürlich auch das Bolzen auf die großgewachsenen Vrancic und Colak, jedoch nicht ausschließlich. Gerade das Aufbauspiel wirkte planvoller als das der Bremer: Die Innenverteidiger Aytac Sulu und Peter Niemeyer fächerten weit auf, Altintop ließ sich als Verbindungsspieler auf dieselbe Höhe fallen. Das bedeutete zweierlei: Einerseits wusste nun auch der Letzte, dass die Dreierkette zumindest als Aufbaustaffelung endgültig im Mainstream angekommen ist. Andererseits konnten die Darmstädter Außenverteidiger hoch aufrücken.

Besonders Sandro Sirigu auf dem rechten Flügel wurde immer wieder gesucht. Während Sidney Sam vom Flügel immer wieder etwas einrückte, gab der dynamische Sirigu die Breite und versuchte, sich im Zusammenspiel mit dem höheren Darmstädter Sechser Jerome Gondorf und eben Sam in Flankenposition zu bringen, um die kopfballstarken Zentralen zu bedienen. Das war der ganze Darmstädter Trick, aber er funktionierte.

Alexander Nouri sah eine katastrophale erste Halbzeit, aber eine deutliche Leistungssteigerung in Durchgang zwei.

Der Aufbau ließ sich kaum pressen – ein Herausrücken Junuzovics, um Altintop stärker unter Druck zu setzen, beantworteten die Darmstädter dadurch, Torhüter Daniel Heuer Fernandes miteinzubinden. Der häufig auch vor seinen Strafraum aufrückende Ersatzkeeper spielte 16 Kurzpässe – der auf der Linie erneut starke Felix Wiedwald im Vergleich nur zwei. Das ist nicht als Vorwurf an Wiedwald zu verstehen. Es zeigt allerdings auf, dass Darmstadt in den ersten 45 Minuten die besseren Lösungen in Drucksituationen parat hatte. Folgerichtig kamen die Hessen auf ein deutliches Ballbesitz- und Chancenplus, wobei die Gelegenheit mangels spielerischer Qualität der Einzelakteure vor allem aus Flanken und Eckbällen resultierten.

Die Spielentwicklung nach dem Seitenwechsel bewies einmal mehr die alte Binsenweisheit, dass es weniger auf die gewählte Grundordnung oder Zahlenspiele wie 4-4-2 oder 3-1-4-2 ankommt, sondern dass besonders die Umsetzung den Unterschied macht. Einen Teil dazu trugen auch die Verletzungen der Routiniers Junuzovic und Fritz bei, für die es jeweils nach einer guten halben Stunde nicht mehr weiterging. Die neue Bremer Doppelsechs bestand nun aus Florian Grillitsch und Maximilian Eggestein – zwei deutlich unerfahreneren Akteuren, deren Spielstil Werder in dieser Situation allerdings enorm gut tat.

Kruse: Enormer Aktionsradius und überragende Positionierungen

Grillitsch und Eggestein präsentierten sich tatsächlich als Doppelsechs und ließen sich nicht so weit auseinanderziehen wie ihre Vorgänger, mit denen Werder bisweilen eher in einem 4-1-3-2 stand. Mit der zusätzlichen tiefen Anspielstation ließ sich das Darmstädter Pressing deutlich besser umspielen, auch griffen die Bremer nicht mehr so häufig auf lange Bälle zurück, sondern wählten nun im Zweifel den Flachpass. Das konnten sie auch guten Gewissens tun, da das gesamte Team deutlich mehr Konsequenz im Freilaufen zeigte und so zusehends die Initiative übernahm.

Ein Sonderlob muss Max Kruse ausgesprochen werden: Der Doppeltorschütze agierte nun weniger wie eine zweite Spitze als vielmehr wie ein enorm laufstarker und spielfreudiger Zehner, der ohne Ball überragende Positionierungen und Laufwege zeigte und am Ball ein ums andere Mal die Bremer Angriffe einleitete. Dabei orientierte sich Kruse nicht wie sonst häufig vornehmlich auf die linke Seite, sondern entzog sich den vornehmlich manndeckenden Darmstädter Sechsern mit einem enormen Aktionsradius.

Nur noch Brechstange: Darmstadt fehlt der Plan B

Mal setzte er Serge Gnabry auf dem linken Flügel ein (so zum Beispiel vor dem Strafstoß zum 1:0), mal positionierte er sich im rechten offensiven Halbraum, um eine Flanke mit Zug zum Tor in den Strafraum schlagen zu können. Am Ende des Tages hatte Kruse 41 Pässe gespielt – Robert Bauer als zweitbester Bremer in dieser Statistik kam lediglich auf 30. Die neugewonnene Bremer Ballsicherheit und vor allem der Spielwitz Kruses überforderten Darmstadt ein ums andere Mal.

Die Hessen verlegten sich jetzt ausschließlich auf das Konterspiel und wechselten mit Terrence Boyd und Sven Schipplock gleich zwei zusätzliche Mittelstürmer ein, um eventuell doch noch mit der Brechstange erfolgreich zu sein. Unterm Strich fehlten jedoch die Ideen, um Werder ernsthafte Probleme bereiten zu können. In der Nachspielzeit krönte Kruse seine Leistung noch mit seinem zweiten Treffer nach einem Konter, den er zuvor selbst eingeleitet hatte, und belohnte sich und sein Team so für eine deutliche Leistungssteigerung im zweiten Durchgang.

Dritter Sieg in Folge: Werder feiert dank Kruse

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