1:6-Schlappe gegen die Bayern

Taktik-Analyse: Warum Werder so übel unter die Räder kam

Die 1:6-Schlappe des SV Werder Bremen gegen den FC Bayern München brachte Florian Kohfeldt an den Rand der Verzweiflung.
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Die 1:6-Schlappe des SV Werder Bremen gegen den FC Bayern München brachte Florian Kohfeldt an den Rand der Verzweiflung.

Der FC Bayern benötigte gegen Werder Bremen etwas Anlaufzeit. Eine Auswechslung zur Pause brachte den Rekordmeister auf die Siegerstraße. In der zweiten Halbzeit zeigten sie ihre ganze Klasse. Unser Taktikanalyst Tobias Escher erklärt, wieso Werder unter die Räder kam.

Ein Spiel bei den Bayern sei wie ein Zahnarztbesuch. Diesen Satz sagte Sebastian Prödl vor knapp fünf Jahren. Er hat auch im Jahr 2019 nichts an Gültigkeit verloren. Die 1:6-Niederlage des SV Werder Bremen in der Allianz Arena schmerzte wie eine Wurzelbehandlung. Dabei fand Werder in der ersten Halbzeit noch gut ins Spiel. Doch eine taktische Umstellung brachte den FC Bayern auf die Siegerstraße.

Die Bayern blühen unter ihrem neuen Trainer Hansi Flick wieder auf. Das spiegelte sich zuletzt zwar nicht in den Ergebnissen wider; gegen Leverkusen und Gladbach verloren sie knapp. Doch ihr Auftreten war dominanter, ihre Raumbesetzung besser, ihr Pressing griffiger als noch in den Monaten zuvor. Flick hat seiner Mannschaft ein 4-3-3-System verordnet. Aus diesem heraus stören sie den Gegner früh.

Werder Bremen startet mit einer Fünferkette

Florian Kohfeldt wollte die Dominanz der Münchner mit einem 5-3-2-System brechen. Die Fünferkette in der Abwehr sollte Tiefe und Breite sichern. Werder wollte den Bayern Spielverlagerungen erschweren: Auf jeder Seite sollte ein Flügelverteidiger stehen. Im Zentrum wiederum war Werder mit drei Mittelfeldspielern und zwei Stürmern kompakt aufgestellt.

Ins Pressing gingen die Bremer nicht: Sie zogen sich von Beginn an weit zurück, überließen den Bayern die Kontrolle über das Spiel. Die Bayern zogen ihr gewohntes Ballbesitzspiel auf und ließen die Kugel laufen.

Die Grafik zeigt Bremens Defensivformation gegen die Bayern in der ersten Halbzeit. Durch Coutinhos weites Einrücken war Davies von seinen Teamkollegen isoliert. Dieses Problem behoben die Bayern nach der Pause, indem sie Perisic in den rot markierten Raum aufstellten.

Werder Bremen: Simpler, aber effektiver Konter sorgt für die Führung

Offensiv wollte Werder mit schnellen Gegenstößen punkten. Milot Rashica und Yuya Osako bildeten einen Doppelsturm. Rashica sollte als halblinker Stürmer seine Geschwindigkeit ausspielen gegen den ungleich langsameren Boateng. Osako sollte wiederum mit seiner Ballbehauptung gegen David Alaba punkten. Bremen spielte den ersten Ball zumeist zu Osako, der wiederum versuchte, Rashica hinter die Abwehr zu schicken. In einigen Szenen ging dieses Prinzip auf: So ging Werder durch einen Konter mit 1:0 in Führung.

Dass Bremen beinahe mit einer Führung in die Halbzeit-Kabine ging, lag aber hauptsächlich an den nicht optimal aufgestellten Bayern. Diese begannen mit Philippe Coutinho auf der linken Seite. Der Brasilianer hielt seine Position nicht, sondern rückte häufig ins Zentrum ein. Er stand dabei Leon Goretzka auf den Füßen. Alphonso Davies bekam als Linksverteidiger keine Unterstützung; Werder konnte ihn aus dem Spiel nehmen.

Die rechte Seite der Bayern wiederum agierte taktisch sauberer. Serge Gnabry rückte leicht ein, Benjamin Pavard besetzte den Flügel. Doch die Flanken des Franzosen versprühten nur wenig Gefahr. Bremen konnte bis zur Pause den Gegner auf die Flügel lenken in dem Wissen, es werde kaum Gefahr entstehen.

Werder Bremen nach Umstellung des FC Bayern komplett überfordert

Doch kurz vor der Pause blitzte zweimal die individuelle Klasse der Bayern auf: Sie brachen durch hinter Werders Abwehr. Dies sollte sich im Verlaufe der zweiten Halbzeit als größte Bremer Schwäche entpuppen: Durch die passive Spielweise konnte Werder keinen Druck ausüben auf die gegnerischen Mittelfeldspieler. Die Abwehr wiederum rückte nicht konsequent genug zurück in solchen Situationen. Die Bayern lupften den Ball über die Fünferkette, diese hatte gegen die startenden Angreifer einen Geschwindigkeitsnachteil. Die Abwehr sah bei solchen Aktionen selten gut aus.

Bayerns totale Dominanz nach der Pause hatte indes einen anderen Grund: Flick hatte auf die Probleme seines Teams reagiert. Er wechselte den langsamen Boateng aus und brachte dafür Flügelflitzer Ivan Perisic. Dieser Wechsel zog zahlreiche Positionsveränderungen nach sich: Pavard wechselte in die Innenverteidigung, Kimmich auf die Rechtsverteidiger-Position, Goretzka eine Mittelfeld-Linie weiter nach hinten.

Vor allem aber befreite der Wechsel Coutinho. Er durfte fortan als Zehner zentraler spielen. Dadurch dass Perisic nun den einrückenden Linksaußen gab, blieb diese Position nicht mehr unbesetzt. Die Bayern hatten nun Präsenz auf Linksaußen. Das schmeckte Werder gar nicht: Der nach Theodor Gebre Selassies Verletzung nach halbrechts versetzte Christian Groß und Rechtsverteidiger Michael Lang verloren praktisch jedes Duell auf dieser Seite. Spielverlagerungen der Bayern waren nun ebenfalls effektiver, da mit Kimmich ein starker Rechtsverteidiger auf der anderen Seite lauerte. Die Bayern spielten den Gegner hin und her.

Auswärtsspiel in München wie ein Zahnarztbesuch

Kohfeldt veränderte nach der Pause seine Taktik leicht. Die Bremer verteidigten nach der Pause öfter in 4-4-2-Staffelungen. Gerade in den ersten Minuten nach der Pause traute sich die Mannschaft etwas weiter vor. Das zaghafte Pressing umspielte Bayern aber mühelos und Bremen zog sich im Anschluss wieder an den eigenen Strafraum zurück. Doch spätestens nach dem 1:4 wagten die Spieler es kaum mehr, die eigene Hälfte zu verlassen. Die Bayern schnürten Werder ein und schraubten das Ergebnis weiter und weiter hoch. Das 6:1 geht auch in der Höhe in Ordnung.

Der einzige Trost für Werder: Die kommenden Spiele gegen Mainz und Köln werden aus taktischer Sicht anders verlaufen. Hier steht nicht die Verteidigung einer übermächtigen Ballbesitz-Mannschaft im Vordergrund. Vielleicht kann Werder dann mit einem anderen Spielsystem punkten. Zum Zahnarzt müssen sie erst wieder in einem Jahr.

Quelle: DeichStube

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