Kein Geld und Defizite ohne Ende

Werder gefangen im Teufelskreis

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Niedergeschlagene Werder-Profis nach der Pleite beim HSV

Bremen – Von Michael Baltes. Pleite im Derby, erneut tiefrote Zahlen in der Konzernbilanz: Die Grün-Weiße-Euphorie nach zuvor drei Pflichtspielsiegen in Folge hat einen herben Dämpfer erhalten. Fußball-Bundesligist Werder Bremen steuert einer ungewissen Zukunft entgegen – sowohl sportlich, als auch finanziell.

Wo führt der Weg von Werder Bremen hin? Bleibt der Traditionsclub von der Weser auch nach dieser Saison erstklassig oder steht am Ende der Abstieg? Es sind Fragen, die unter den Nägeln brennen – gerade in diesen Tagen. Dabei hatten viele Anhänger der Bremer nach drei Pflichtspielsiegen in Serie unter dem neuen Trainer Viktor Skripnik schon auf eine bessere Zukunft gehofft, weit weg von den Abstiegsplätzen. Nach der Pleite im Nordderby beim Hamburger SV und dem verkündeten 9,8 Millionen-Verlust in der Bilanz der Grün-Weißen hat sie die Realität wieder eingeholt: Werder hat kein Geld und ist Vorletzter.

Die Niederlage beim HSV selbst ist dabei gar nicht das Schlimme. Natürlich ist sie extrem bitter, besonders die Art und Weise, wie sie durch zwei individuelle Fehler kurz vor Schluss zustande gekommen ist. Die eigentliche und viel schwerwiegendere Quintessenz der Partie ist aber, dass Werders Kader in der Breite qualitativ zu schwach aufgestellt ist. Stammkräfte können nicht ohne weiteres ersetzt werden. Besonders in der Offensive fehlt ohne den verletzten Franco Di Santo der „Killerinstinkt“ (Skripnik). „Wir haben versucht, ein 0:0 zu erreichen", gab Skripnik nach dem Spiel unumwunden zu. Eine Aussage, die für sich spricht. Fallen bei Werder Leistungsträger aus, wird es zappenduster - selbst gegen einen direkten Abstiegskonkurrenten wie den HSV.

„Jeder weiß doch, dass wir Defizite ohne Ende haben“, sagte Skripnik nach dem Spiel etwas angefressen. Um es auf den Punkt zu bringen: Werder braucht in der Winterpause Verstärkungen – dringend! Daran haben auch die Siege gegen Chemnitz, Mainz und Stuttgart, so schön sie auch waren, nichts geändert. Doch da kommt das zweite große Problem der Grün-Weißen ins Spiel. Das Geld. In den vergangenen drei Geschäftsjahren wurde ein Minus von insgesamt 31,6 Millionen Euro eingefahren. Das verbliebene Eigenkapital ist damit auf 6,7 Millionen geschrumpft. Und selbst das dürfte im kommenden Jahr aufgebraucht sein. Geld für kostenintensive Transfers im Winter ist schlichtweg nicht vorhanden.

Mit dem unlängst propagierten Gang ins finanzielle Risiko scheinen es die Bremer derweil nicht sonderlich eilig zu haben. So klang es zumindest bei der Mitgliederversammlung in der „Werder-Halle“ durch. „Weitere Schulden sind mit mir nicht zu machen, wir gehen mit mir nur in ein kontrolliertes Risiko. Wir werden im Aufsichtsrat nichts beschließen, wodurch wir irgendwann unsere Lizenz abgeben müssen. Das ist auch die Meinung von Marco Bode“, sagte Aufsichtsrat Willi Lemke.

Auch bei einem Abstieg „geht das Leben weiter“

Wie Werder aus der sportlich und finanziell prekären Lage geführt werden soll, blieb auf der Mitgliederversammlung indes nebulös. Zwar wurde immer wieder der viel zitierte „Werder-Weg“ als Lösung angepriesen – genauer wurde darauf aber nicht eingegangen. Auch das spricht für sich. Von der angepeilten „schwarzen Null“ ist Werder derzeit jedenfalls genauso weit weg, wie vom gesicherten Klassenerhalt.

Einen Lösungsansatz hat Bode dann aber doch, um die finanzielle Talfahrt zu stoppen: „Sportlicher Erfolg ist mit Sicherheit der beste Hebel. Es wird mit Fortschritten schwer, wenn wir dauerhaft am Tabellenende bleiben“, sagte der 45-Jährige. Bleibt nur die Frage, wie Werder sportlichen Erfolg erreichen will, wenn der Kader nicht entscheidend verstärkt wird? Ein Teufelskreis.

Der Abstieg muss nicht zwangsläufig die Konsequenz sein – unwahrscheinlich ist er aber auch nicht. Das weiß auch Werders Sportchef Thomas Eichin. Zwar gelte es mit aller Macht, dieses Szenario zu verhindern, doch auch bei einem Abstieg „geht das Leben weiter“, sagte der 48-Jährige gegenüber Radio Bremen, um anzufügen: „Da gibt's andere Vereine, da kann ich Ihnen zig Beispiele nennen, die das geschafft haben über diesen Umweg zurück zu kommen. Mein Ex-Verein Borussia Mönchengladbach ist da ein Paradebeispiel für. Gucken Sie, wo die heute stehen. Die haben auch einen harten Weg hinter sich. Warum sollten wir das nicht schaffen?“ Es sind Sätze, die wohl kein Bremer Fan gerne hört. Sie zeigen, dass sich Werders Sportchef längst mit der Möglichkeit des Abstiegs auseinandersetzt.

Am kommenden Samstag erwartet Werder Aufsteiger Paderborn im Weserstadion. „Ein Dreier muss her“, fordert Eichin. Auch Kapitän Clemens Fritz sagt: „Es wäre gut, wenn wir die Heimspiele vor der Winterpause gewinnen würden, dann können wir uns konzentriert auf die Rückrunde vorbereiten.“ Gegen Paderborn fehlt Fritz allerdings gesperrt, genau wie Linksverteidiger Santiago Garcia – zudem fällt Di Santo weiter aus und Ludovic Obraniak fehlt auch verletzt. Die Vorzeichen könnten besser sein.

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