Nur Stehplätze in der Ostkurve? Neuer Gästeblock?

Werder führt Kurvendiskussion

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Wird die Ostkurve im Bremer Weserstadion bald eine reine Stehplatztribüne?

Bremen - Der Gedanke ist reizvoll, äußerst sogar, das ist auch Hubertus Hess-Grunewald deutlich anzumerken. Während des Gesprächs mit der DeichStube in einem Konferenzraum des Weserstadions hat der Werder-Präsident besten Blick auf die Ostkurve – und das regt in diesen Tagen durchaus zum Träumen an.

Weil Werder die Ostkurve wegen einer speziellen Hintertorkamera, die der neue Fernsehvertrag der DFL vorschreibt, baulich wird verändern müssen, denkt der Club intensiv über eine große Lösung nach: über die Umwandlung der Ostkurve in eine reine Stehplatztribüne. Zeitpunkt: Frühestens Saison 2019/20. Am Dienstag hat Hess-Grunewald nun noch einmal alle Vorteile des Plans erläutert – aber auch erklärt, welche Probleme Werder bei der Umsetzung noch im Weg stehen.

Weserstadion bald für 45.000 Fans?

„Wir hätten eine höhere Zuschauerkapazität“, beginnt der 57-Jährige, der mit rund 3.000 Fans mehr planen könnte, wenn der komplette Osten bei Werder eines Tages stehen sollte. Insgesamt 45.000 Fans würden dann im Weserstadion Platz finden. „Außerdem könnten wir noch mehr günstige Tickets anbieten“, erklärt Hess-Grunewald. Etwa 15 Euro kostet ein Stehplatz im Unterrang der Ostkurve aktuell, derzeit passen dort 7.500 Fans rein.

Mit finanziellen Einbußen rechnet der Präsident durch den möglichen Wegfall der teureren 3.000 Sitzplätze im Oberrang nicht: „Wir würden durch eine reine Stehplatztribüne sicher keine Mehreinnahmen erzielen, uns aber verglichen mit der jetzigen Situation im Bereich der schwarzen Null bewegen.“ Ein weiteres Plus: Das Problem mit den großen Schwenkfahnen, die den Gästen in den Vip-Logen der Ostkurve die Sicht erschweren, wäre gelöst, weil Werder plant, die Ultras in den Oberrang „umzusiedeln“. Auch die Stimmung im Stadion dürfte noch besser werden, wenn hinter dem Tor eine „grün-weiße Wand“ steht. „Eine komplette Stehplatztribüne würde gewisse Vorteile haben und Probleme lösen“, weiß Hess-Grunewald. Andere allerdings erst entstehen lassen.

Werder-Präsident Hubertus Hess-Grunewald muss bei der baulichen Veränderung des Weserstadions viele Interessen berücksichtigen.

„In der Ostkurve oben sitzen 3.000 Fans, denen wir auch gerecht werden müssen“, erklärt der Präsident. „Es kann nicht unser Ziel sein, die Interessen von Zuschauern zu ignorieren, die schon über lange Jahre ins Stadion gehen. Im Gegenteil: Das muss man sehr ernst nehmen.“ Lars Reinhard ist einer dieser Fans, Block 127, Dauerkarte seit 2003. „Da möchte ich auch gerne bleiben“, sagt er. Künftig im Oberrang zu stehen, ist für den Weyher keine Option. „Nein. Ich habe früher gestanden. Das möchte ich nicht mehr. Bei uns im Block sitzen viele ältere Fans, die sicher auch nicht 90 Minuten stehen möchten.“

Fans wie Reinhard will Werder Alternativplätze irgendwo im Stadion anbieten. „Das wird nicht einfach“, weiß Hess-Grunewald. Reinhard betont: „Bei mir und einigen Freunden herrscht die Angst, dass es am Ende doch deutlich teurer wird.“ Ein Umzug in den Westen kommt für ihn ohnehin nicht in Frage: „Dahin mussten wir vor ein paar Jahren beim Umbau der Ostkurve umziehen. Dort zu sitzen, ist einfach nicht das Gleiche. Das ist keine Option.“

Hess-Grunewald: „Der bauliche Aufwand wäre groß“

Sollten all diese Schwierigkeiten eines Tages tatsächlich gelöst sein, stünde Werder noch ein erheblicher Umbau ins Haus. Wenn im Oberrang der Ostkurve irgendwann 6.000 Fans stehen, statt wie bisher 3.000 Fans sitzen, muss das statisch abgesichert sein. „Wir bräuchten auch zusätzliche Fluchtwege, mehr Toiletten und ein zusätzliches Treppenhaus“, weiß Hess-Grunewald – und betont: „Der bauliche Aufwand wäre groß, das kriegt man nicht mit zwei Spatenstichen hin. Machbar wäre es aber.“ Zumal die Trennung von Ober- und Unterrang bestehen bleiben soll. Die Bremer planen keine durchgehende Wand wie in Dortmund.

In den kommenden Wochen und Monaten wird Werder mit seinen Fans weiter den Dialog suchen. Die letzte Entscheidung trifft aber der Verein. „Die Fanszene ist auch untereinander in einem guten Austausch bei diesem Thema, und das freut mich sehr“, berichtet Hess-Grunewald. „Aber die Fans werden keine Lösung finden. Da sind wir als Verein gefordert.“

Beim Nordderby gegen Werder Bremen zündeten Fans des Hamburger SV massenhaft Pyrotechnik.

Die Kamera einfach in der Westkurve aufzustellen, ist übrigens keine Lösung. Grund: Dort hängt die Hochkamera, die Impressionen der Werder-Fans in der Ostkurve einfängt, und das neue Gerät muss laut DFL-Vorgaben auf der gegenüberliegenden Seite installiert werden. Es ist, wenn man so möchte, eine komplizierte Kurvendiskussion, die Werder momentan über den Osten des Weserstadions führt. Eine zweite hat die Westtribüne und dort speziell den Gästeblock zum Thema.

Nach dem Nordderby gegen den Hamburger SV, bei dem die Gästefans im Februar wiederholt Pyrotechnik gezündet hatten, hatte Werder Veränderungen angekündigt. Die ersten sind inzwischen umgesetzt. „Wir haben ein Überwurfnetz am Außenzaun installiert“, erklärt Hess-Grunewald. Beim HSV-Spiel hatten Fans einen Rucksack voll mit Pyros über den Zaun geworfen. Neue Fangnetze direkt vor dem Gästeblock sollen künftig für Sicherheit sorgen, wenn Fans über die Absperrung klettern. Außerdem sind zusätzliche Kontrollen, auch innerhalb des Stadions geplant.

„Generelle Neugestaltung des Gästeblocks“ wird geprüft

„Diese Maßnahmen werden wir kurzfristig umsetzen. Darüber hinaus ist mit Polizei, Feuerwehr und Innenbehörde verabredet, dass wir eine generelle Neugestaltung des Gästeblocks prüfen“, sagt Hess-Grunewald. Kritikpunkt vieler Werder-Fans im Unterrang der Westtribüne ist, dass es während der Spiele von oben zu ungewollten Bierduschen kommt. Bei Umbau des Stadions hatten sich die Verantwortlichen 2010 für die aktuelle Variante des Gästeblocks entschieden – auch aus Angst vor einem Platzsturm.

„5000 Gästefans direkt hinter dem Tor – ob das so ideal ist, wage ich zu bezweifeln“, sagt der Präsident, der es für möglich hält, dass die Gäste eines Tages wieder in Ober- und Unterrang direkt untereinander angesiedelt werden. Externe Experten wollen sich die Gegebenheiten in der neuen Saison vor Ort ansehen. „Da werden wir schon eine Saison Zeit brauchen“, weiß Hess-Grunewald.

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Das Weserstadion in Bildern

Das Bremer Weserstadion: Die Lage am Weser-Ufer sorgt für eine einmalige Kulisse. (März 2011) © nordphoto
Diese Luftaufnahme zeigt das Bremer Weserstadion im Jahr 1996.  © imago/Schumann
Baustelle Weserstadion: 1987 wird das Stadion rundum erneuert, erhält auch eine moderne Flutlichtanlage. © imago/Schumann
Die Anzeigetafel des Weserstadions im Jahr 1996. © Copyright: imago/Claus Bergmann
Juli 2009: In der spielfreien Zeit wird an der Westkurve gearbeitet. © nordphoto
Die Kurven sollen näher ans Spielfeld rücken. Dazu wird die Ostkurve abgerissen. (Mai 2010) © nordphoto
Champions-League-Abend in Bremen: Das Weserstadion erleuchtet im August 2009 unter Flutlicht. © nordphoto
Februar 2011: Das Weserstadion bekommt einen neuen Rasen. © nordphoto
Ab 2008 werden großflächige Photovolktaik-Anlagen im Stadion verbaut. Auch an der Westkurven-Fassade. (Februar 2011) © nordphoto
2004 erhielt die Außenfassade des Weserstadions neue Bürotürme. (April 2011) © nordphoto
Auch das im Stadion integrierte Werder-Museum "Wuseum" wurde 2004 eröffnet. (April 2011) © nordphoto
Die Sicht vom Stehplatzbereich des Gästeblocks in der Westkurve. (August 2015) © nordphoto
Gut zu erkennen ist das deutlich erhöhte Dach auf der Geraden. (Dezember 2015)  © nordphoto
Werder-Fans in der Ostkurve veranstalten eine Choreo vor Derby gegen den HSV. (November 2015) © nordphoto

Quelle: DeichStube

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