Endspurt im Abstiegskampf

Werder-Sportchef Baumann im Aufschwung-Interview: „An Kohfeldt festgehalten zu haben, war richtig“

Frank Baumann, Sportchef des SV Werder Bremen, schwankt im Abstiegskampf zwischen Zuversicht und Skepsis.
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Frank Baumann, Sportchef des SV Werder Bremen, schwankt im Abstiegskampf zwischen Zuversicht und Skepsis.

Bremen – Siegt sich Werder Bremen aus dem Tabellenkeller? Mit dem 1:0 bei Schalke 04 haben die Bremer einen weiteren Schritt Richtung Rettung gemacht, sind aber weiter Vorletzter in der Bundesliga-Tabelle.

Sportchef Frank Baumann erklärt im Gespräch mit der DeichStube, wieso in seinem Inneren noch Skepsis und Zuversicht gegeneinander kämpfen, was er im Nachholspiel am Mittwoch (20.30 Uhr) gegen Eintracht Frankfurt erwartet und wieso er verteidigende Stürmer im Moment fast noch lieber mag als stürmende Angreifer. Das Interview zum Aufschwung des SV Werder Bremen.

Sieben Punkte in den drei vergangenen Spielen, dabei kein Gegentor kassiert – ist das in Ihren Augen schon ein Trend?

Für die vergangenen drei Spiele schon, aber das zählt seit Samstag, 17.20 Uhr, bereits nicht mehr. Es zählt nur noch das nächste Spiel am Mittwoch gegen Eintracht Frankfurt. Natürlich können wir auf den sieben Punkten aufbauen. Wir wissen jetzt, was wir leisten können. Das müssen wir am Mittwoch wieder abrufen.

Für wie stabil und nachhaltig halten Sie den aktuellen Aufschwung? Vertrauen Sie der Entwicklung?

Wir haben immer – vor und während der Corona-Pause und auch um das Leverkusen-Spiel (1:4, d. Red.) herum – die Zuversicht und das Vertrauen in die Mannschaft ausgestrahlt. Beides ist jetzt nochmal gestärkt worden. Aber wir wissen auch, dass wir für den Klassenerhalt noch sehr viel investieren müssen. Es warten noch neun sehr wichtige Spiele auf uns. Es gibt keinen Grund, auch nur eines dieser Spiele mit weniger Leidenschaft und Willen anzugehen als die drei zurückliegenden. Wir müssen uns in jedem Spiel, in jeder Aktion alles neu erarbeiten.

Was überwiegt bei Ihnen: Die Freude über die zuletzt gezeigten Leistungen oder der Ärger, dass die Mannschaft ihr Potenzial lange versteckt hat?

Weder noch. Das interessiert mich aktuell nicht. Es überwiegen die Gedanken daran, wie wir die nächsten Spiele, insbesondere das Nachholspiel gegen Eintracht Frankfurt (Mittwoch, 20.30 Uhr, DeichStube-Live-Ticker), angehen können. Gedanken und Gefühle, die die vergangenen Wochen und Monate betreffen, sind im Moment nicht wichtig.

Werder Bremen-Sportchef Frank Baumann: „Tabelle gibt Skepsis vor“

Marco Bode, der Chef des Aufsichtsrates, hat gesagt, der Verein würde gerade für seine Haltung, konsequent an Trainer Florian Kohfeldt festgehalten zu haben, belohnt. Sehen Sie das auch so? Oder ist das verfrüht?

Für mich ist es erstmal ein Zwischenstand. Von der Entscheidung, an Florian Kohfeldt festzuhalten, waren und sind wir überzeugt. Und sie war auch richtig. Aber nochmal: Es interessiert mich nicht, ob ich mich bestätigt fühlen darf oder nicht. Wir haben immer an Florian geglaubt und sind sicher, dass wir in dieser Konstellation den Klassenerhalt schaffen können. Eine Zwischenbilanz zu ziehen, bringt aber nichts.

Haben Sie einen Ansatz, der über die gelebte Leidenschaft auf dem Platz hinausgeht, um zu erklären, warum die lange Zeit schwächste Defensive der Liga plötzlich dreimal in Folge ohne Gegentor bleibt?

Zusammenhalt, Leidenschaft und der neue Fitnesszustand der Mannschaft nach der Corona-Pause sind die Basis dieser Entwicklung. So können wir in den englischen Wochen immer wieder ans Limit gehen. Jetzt kommt mit jeder guten Aktion, mit jedem erfolgreichen Spiel auch das Selbstvertrauen und die Selbstsicherheit dazu.

Werder hat die Dynamik einer Krise erlebt, als das Team immer tiefer in Problemen versank – folgt jetzt die Dynamik des Erfolges?

Kann durchaus sein. Es hilft ja, sich bestätigt zu fühlen und zu sehen, dass man den richtigen Weg eingeschlagen hat. Aber es geht jetzt wirklich Schlag auf Schlag, und wir sind gut beraten, jedes Spiel für sich zu betrachten.

Täuscht es oder schwanken Sie selbst noch zwischen Zuversicht und Skepsis?

Die grundsätzliche Skepsis gibt doch die Tabellensituation vor. Wir sind immer noch Vorletzter, haben aber durch das Nachholspiel die Chance, Punkte zu sammeln, während die anderen nichts tun können. Wir müssen aufholen – und auf diesem Weg ist, wie der Trainer es auch immer wieder betont, jedes Spiel ein Endspiel. Die Spieler haben das in den letzten Partien wirklich gut umgesetzt.

Werder Bremen ohne Offensiv-Gefahr, aber Frank Baumann lobt die Stürmer

Zwei 1:0-Siege, dazu ein 0:0 – das ist erfolgreicher Minimalismus in Reinkultur. Aber die Null wird vermutlich nicht immer stehen. Dann könnte es zum Problem werden, dass in der eigenen Offensive derzeit recht wenig passiert.

Ich sehe in den Spielen aber trotzdem die Chancen für uns – ob nach Standardsituationen oder wie für Davie Selke gegen Gladbach und Yuya Osako gegen Schalke. Natürlich wünschen wir uns auch, dass wir ein Spiel wie am Samstag durch ein 2:0 eher entscheiden, aber wichtig sind für uns wirklich nur die Punkte. Wir werden natürlich weiter versuchen, uns noch mehr Chancen zu erarbeiten und sie auch effektiver zu nutzen. Doch es ist auch eine Qualität, dass wir auf Schalke eine der ersten klaren Chancen gleich genutzt haben – und zwar durch ein wirklich wunderschönes Tor von Leo Bittencourt.

Dennoch: Josh Sargent zum Beispiel reibt sich in Defensivaktionen auf, kommt als Mittelstürmer in drei Partien aber nur auf einen Torschuss. Auch Milot Rashica entwickelt kaum noch Torgefahr, Selke lässt seine Großchance liegen, Osako auch. Nur Bittencourt liefert.

Sie liefern alle, haben alle ihren großen Anteil daran, dass wir defensiv gut stehen.

Reicht das?

In unserer derzeitigen Situation ist es das alles Entscheidende. Auf diese Art haben wir sieben Punkte in drei Spielen geholt. Wir werden aber auch wieder in eine Situation kommen, dass die Stürmer einen größeren Teil ihrer Laufwege in Offensivaktionen investieren können. Weil wir dann einfach noch kompakter stehen und unser Kombinationsspiel noch besser funktioniert – davon werden die Stürmer dann profitieren. Die Gefährlichkeit kommt dann wieder zurück, da bin ich ganz sicher, denn die Qualität haben die Spieler. Aktuell ist aber das andere noch wichtiger und noch mehr gefordert. Und das machen sie alle richtig gut. Ich bin deshalb auch überhaupt nicht unzufrieden, sondern muss loben, wie sich die Stürmer in den Dienst der Mannschaft stellen und alles dafür tun, damit wir gemeinsam erfolgreich sind. Irgendwann werden sie sich auch wieder Tore auflegen oder selbst erzielen. (csa)

Quelle: DeichStube

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