Bremer Trainer über Ziele und Ansprüche zur neuen Saison

Werder-Trainer Florian Kohfeldt im DeichStube-Interview - Teil 1: „Die Vorzeichen sind deutlich besser“

Florian Kohfeldt fährt sich mit der Hand durch die Haare und grinst.
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Florian Kohfeldt, Cheftrainer des SV Werder Bremen, spricht im ersten Teil des großen DeichStube-Interviews zum Saisonstart unter anderem über das Saisonziel und die Kader-Verjüngung.

Bremen – Gut gelaunt, entspannt und voller Tatendrang, so präsentiert sich Florian Kohfeldt, Trainer von Werder Bremen, im Exklusiv-Interview mit der DeichStube.

Die Strapazen in der vergangenen Saison, Florian Kohfeldt hat sie während der Sommerpause offenbar hinter sich gelassen. Im ersten Teil des großen Interviews erklärt der 37-Jährige, warum er sich sicher ist, dass im neuen Jahr bei Werder Bremen alles besser wird, weshalb er trotzdem kein tabellarisches Saisonziel für seine Mannschaft mehr ausgeben möchte – und inwiefern das „Extremerlebnis“ Relegation im Nachhinein hilfreich sein könnte. 

Zum Start in die Saison kommen Hertha BSC und 8.500 Zuschauer ins Weserstadion. Steigert die Fan-Rückkehr Ihre Vorfreude auf den Saisonauftakt?

Ja klar. Fußball mit Fans ist einfach ein anderes Erlebnis als Fußball ohne Fans. Im Pokalspiel in Jena habe ich festgestellt: Erst wenn die Zuschauer wieder da sind, merkt man, wie schlimm es vorher ohne sie war.

Die Fans freuen sich ebenfalls, aber können sie sich auch auf eine sportlich entspanntere Saison einstellen als die vorige?

Versprechen kann ich natürlich nichts, das wäre nicht seriös. Was ich aber sagen kann, ist, dass die Vorzeichen deutlich besser sind als in der Vorsaison. Wir sind sehr fit durch die Vorbereitung gekommen, wir haben auch relativ lange ein konstantes Niveau gespielt – auch wenn die erste Halbzeit während des Pokalspiels in Jena (2:0, d. Red.) nicht gut war. Wir haben keine negative Unruhe in der Mannschaft – im Gegenteil: Die Mannschaft will spielen, es ist Konkurrenzkampf da, es ist Leben im Team. Wenn ich da noch an das letzte Jahr denke. . .

Denken Sie!

Da hat sich Basti Langkamp bei seinem allerersten Lauf auf dem Platz die Wade zerstört. Und ich hatte vom ersten Tag an das Gefühl, nur reparieren zu müssen. Hier ‘was flicken, da ‘was flicken. Dieses Jahr ist es ein anderes Gefühl, man kann arbeiten, ohne dass einem ständig etwas weggezogen wird.

Bisher haben Sie um eine konkrete Zielsetzung für die neue Saison dennoch einen großen Bogen gemacht. Bleibt es dabei?

Ich habe nicht das Gefühl, dass die Mannschaft ein konkretes Ziel als Reizpunkt braucht. Es ist ein tiefes Gefühl da, dass die Spieler superhungrig sind. Sie sind nie zufrieden, wollen immer gewinnen.

Werder Bremen: Florian Kohfeldt gibt statt Tabellenplatz anderes Saisonziel aus

Sie umdribbeln die Frage also schon wieder.

Wir geben keinen Tabellenplatz als Ziel aus. Trotzdem gibt es ein Ziel, eines, das mir sehr wichtig ist.

Nämlich welches?

Wir wollen es schaffen, wieder unseren Fußball zu spielen, Fußball mit einem hohen Wiedererkennungswert. Das Schlimmste an der letzten Saison war, dass wir sechs Monate lang nicht unseren Fußball gespielt haben. Ich habe mitunter an der Seitenlinie gestanden und gedacht: ,Was machen wir hier?‘ Das war nicht aufeinander abgestimmt, das war nicht mutig, es war ab einer gewissen Zeit auch nicht mehr intensiv, was aber aufgrund der Ausfälle schlichtweg nicht möglich war.

Provokante Schlussfolgerung: Sie sind zufrieden, wenn die Mannschaft schönen Fußball spielt, aber am Saisonende nur Platz 15 belegt.

Nein, das wäre ich natürlich nicht. Natürlich möchten wir uns sehr früh darauf konzentrieren können, wie unser Fußball ausschaut. Und nicht von Woche zu Woche gucken müssen, wie die Tabelle aussieht und wer da im Abstiegskampf gegen wen spielt.

Als Reaktion auf den Beinahe-Abstieg haben Sportchef Frank Baumann und Sie einen Verjüngungsprozess im Team eingeleitet – und der lässt sich an einer Zahl gut ablesen: Durch den Abgang von Pizarro, Bargfrede, Sahin und Co. hat die Erfahrung von 1593 Bundesliga-Spielen den Club verlassen. Hinzugekommen sind durch Patrick Erras, dem einzigen Neuzugang mit Bundesliga-Erfahrung, nur 19 Spiele. Birgt das nicht auch eine Gefahr?

Für uns ist es wichtig, junge Spieler zu holen – Patrick Erras ist mit 25 Jahren unser ältester Neuzugang. Und lernwillig müssen sie sein, das ist mir extrem wichtig. Eine Erwartungshaltung an die Saison ist bei uns diese: Spieler müssen sich bei uns wieder entwickeln – und zwar von einem ganz anderen Level ausgehend als früher. Ein Leo Bittencourt kann sich bei uns zwar auch noch entwickeln, aber als er zu uns kam, war er schon ein gestandener Bundesliga-Profi. Das ist ein Felix Agu nicht. Alle Spieler, die wir jetzt geholt haben, haben sehr spannende Potenziale. Mir macht es unglaublichen Spaß, mit diesen Jungs zu arbeiten. Wir sind jetzt gefühlt wieder am Beginn eines neuen Weges.

Werder Bremen: Europa so wahrscheinlich wie Pokal-Sensation eines Fünftligisten gegen einen Bundesliga-Club

Vor zwei Jahren stand Werder Bremen vor einer Saison, die beinahe nach Europa geführt hätte. Wie lange wird es jetzt dauern, das Team wieder in diese Sphären zu bringen?

Eine schwere Frage. Grundsätzlich darf es bei einem Verein wie Werder Bremen allein aus der Tradition heraus niemanden geben, der sich auf Dauer damit zufriedengibt, nur in der Bundesliga zu spielen. Stand heute wäre es von den finanziellen Rahmenbedingungen her aber eine Sensation, wenn wir es nach Europa schaffen würden. Vergleichbar damit, wenn ein Fünftligist einen Erstligisten im Pokal rausschießt. Das muss man einfach nüchtern so sagen. Nichtsdestotrotz kann man sich über gute Arbeit auf allen Ebenen wieder in gewisse Sphären reinarbeiten. Das ist heute deutlich schwerer als vor zehn Jahren, aber ich halte es nicht für unmöglich. Was die nahe Zukunft angeht, kann ich nur sagen: Unser Kader ist, wenn er so bleibt, für eine bessere Saison als die letzte gerüstet.

Auch ohne den gewünschten neuen, starken Mann für das defensive Mittelfeld? Der fehlt immer noch.

Wenn wir für diese Position niemanden mehr verpflichten, hat das den positiven Effekt, dass Patrick Erras und auch Ilia Gruev näher dran sind. Aber es hat natürlich auch zur Folge, dass Maximilian Eggestein, der in meinen Augen auf der Sechs und der Acht gleich stark ist, dann eher die Sechs spielen wird. Dann wird auf der Halbposition im Mittelfeld eine Position frei. Wir können das schon mit unserem Kader auffangen, aber wir müssten Maxi eben von der Acht abziehen.

Es läuft demnach auf eine Doppelsechs mit Eggestein und Erras hinaus. Sehen Sie darin einen Fortschritt gegenüber der Vorsaison?

Ich fühle mich damit total wohl, und es ist unter den gegebenen Umständen die beste Lösung. Aber es ist auch kein Geheimnis, dass wir in unseren Idealvorstellungen noch einen physisch starken Sechser holen wollen.

Werder Bremen-Interview: Was Florian Kohfeldt so an Maximilian Eggestein schätzt

Können Erras oder Eggestein auch einen Solo-Sechser spielen?

Patrick Erras braucht da vielleicht noch drei, vier Monate, um die Position alleine auszufüllen. Maxi Eggestein kann das, ich sehe ihn sogar sehr gut auf dieser Position, die für mich elementar wichtig ist für unser Spiel.

Eggestein hat eine schwierige vergangene Saison erlebt. Was gefällt Ihnen so sehr an ihm in der Rolle des Abräumers?

Maxi ist läuferisch einer der stärksten Spieler in der Liga, er ist strategisch gut, hat ein Gefühl dafür, wie man Passwege zustellt. Er ist im direkten Zweikampf stark, und kann nahezu alle Pässe spielen, die man braucht. Seine Kommunikation auf dem Platz ist gut. Aber ich sehe ihn ebenso gerne auf der Acht.

Die Mannschaft hat die Relegation überstanden, hat damit eine Grenzerfahrung gemacht. Welchen Effekt hat das für die neue Saison?

Die letzte Saison hat uns mehr zusammengeschweißt, als wenn wir Elfter geworden wären. Die Relegation war ein Extremerlebnis, das wir gemeinsam überstanden haben. Das kann uns helfen, weil hoffentlich nichts, was wir in der neuen Saison erleben müssen, an dieses negative Extrem heranreichen wird. Aber es kann auch passieren, was ich in Jena mit ,Panik’ beschrieben hatte. Dann fehlt uns auf dem Platz in gewissen Phasen die ganz große Sicherheit, das ganz tiefe Vertrauen in die eigene Qualität. Das muss erst wieder wachsen. In Jena haben wir nach einer spürbaren Verunsicherung in der ersten Halbzeit diese Situation durchgestanden. Das bringt uns weiter. Auf Dauer kann uns die Erfahrung Relegation sicher helfen, im Moment ist es aber noch eine sensible Phase. (dco/csa)

Im zweiten Teil: Florian Kohfeldt über eine schlechte Wettquote, seine neue Handlungshärte und Neuzugang Tahith Chong.

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