Fußball statt Weihnachten für Sebastian Prödl: Ex-Werder-Star berichtet vom Boxing Day und üblen Wohnungen in London

„Das Schlemmen fällt diesmal aus“

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Weiter eng in Kontakt: Sebastian Prödl wohnt in London gar nicht weit weg von Arsenal-Profi Per Mertesacker, der das Duell der Ex-Bremer in der Premier League klar mit 3:0 gewann.

London - Von Björn Knips. Normalerweise wäre Sebastian Prödl heute in Graz bei seiner Familie. Doch die muss in diesem Jahr ohne den berühmten Sohn Weihnachten feiern. Prödl muss arbeiten. Und er kann es kaum erwarten. Denn schon zu seiner Zeit beim SV Werder Bremen hat der Österreicher den berühmten Boxing-Day am zweiten Weihnachtstag am Fernseher verfolgt.

Nun ist der 28-Jährige erstmals live dabei, sein FC Watford tritt im Londoner Derby beim FC Chelsea an. Nur zwei Tage später geht es im nächsten Stadtduell gegen Tottenham Hotspur weiter. Eine Winterpause kennen die Engländer nicht. Was sonst noch alles anders ist in London, welche Regeln er in diesen Tagen beachten muss und wie sehr er mit Werder seit seinem Weggang im Sommer leidet, davon berichtet Prödl im großen Weihnachtsinterview.

Herr Prödl, sollen wir Ihnen frohe Weihnachten oder doch lieber frohes Schaffen wünschen?

Sebastian Prödl: Beides. Das ist schon eine Umstellung – sowohl sportlich als auch privat. Weihnachten habe ich sonst immer in Österreich im Kreise der Familie gefeiert. Das werde ich vermissen. Aber ich freue mich auch auf die Spiele. Man weiß das ja, wenn man in die Premier League wechselt.

Kommt die Familie nach London?

Prödl: Nein, meine nicht, weil mein Bruder gerade Nachwuchs bekommen hat. Aber die Familie meiner Freundin wird hier sein.

Sind Sie überhaupt in Weihnachtsstimmung, wo sich bei Ihnen doch alles um Fußball drehen wird?

Prödl: Ohne geht es hier gar nicht, die Londoner legen doch sehr viel Wert auf Weihnachtsdeko. Es gibt viele Weihnachtsmärkte.

Welcher Weihnachtsmarkt ist denn schöner – der Londoner oder der Bremer?

Prödl: Sorry, ich bin kein Weihnachtsmarkt-Fan. Mir sind da zu viele Leute. Eines habe ich hier aber mitbekommen. Es ist viel mehr Spektakel auf den Märkten.

Was heißt das?

Prödl: Da sind zum Beispiel echte Rentiere.

Werder spielt in der Adventszeit mit der Weihnachtsbaum-Raute. Welche Spezialitäten oder Rituale gibt es beim FC Watford?

Prödl: Ein Christmas-Dinner in dem Restaurant unseres Stadions mit typisch englischem Essen. Und die jungen Spieler mussten Lieder singen.

Die neuen Spieler auch?

Prödl: Gott sei Dank nicht.

Die englische Küche hat nicht den besten Ruf – wie war es denn?

Prödl: Ich bin auch nicht der große Fan des typisch englischen Essens, aber es war ganz gut. Eigentlich so wie in Deutschland und Österreich. Es gab einen Braten mit Soße und Gemüse. Und natürlich den berühmten Yorkshire Pudding, der war nicht schlecht.

Gab es ein Weihnachtsgeschenk vom Club?

Prödl: Wir haben als Mannschaft etwas bekommen, damit wir noch eine eigene Feier machen konnten.

Und dann ging es durch die Pubs und Clubs?

Prödl: Einige Mannschaften machen sogar eine kurze Reise ins Ausland. Das hat in England Tradition. Wir sind in London geblieben, die Stadt bietet genug. Und mit netten Kollegen hat man immer Spaß. Das war schon eine nette Geschichte, mehr gibt es da nicht zu berichten…

Das hört sich an, als hätten Sie sich schon gut eingelebt.

Prödl: Habe ich auch. Ich habe mich ja bewusst für einen Club entschieden, bei dem es familiärer zugeht. Das hat sich bestätigt, ich bin wirklich gut aufgenommen worden.

Aus Deutschland betrachtet regiert im englischen Fußball nur noch das Geld: Kann es da in einem Club überhaupt familiär zugehen?

Prödl: Natürlich! Das hat doch mit dem Geld nichts zu tun. Das kommt auf den Club an, und wie er das lebt. Und das gefällt mir hier. Aber natürlich gibt es Unterschiede zu Deutschland.

Welche?

Prödl: Wir sind unter der Woche bis auf einen Medientag von der Öffentlichkeit total abgeschottet, aufs Trainingsgelände kommen nur Spieler und Verantwortliche. Da kannst du ganz anders arbeiten. Es geht in England sowieso mehr um den reinen Fußball als das Drumherum. Die Fans kommen meistens erst fünf Minuten vor Spielbeginn und sind nach dem Schlusspfiff schnell wieder weg.

Sie waren in Bremen einer, der nach dem Training immer mal wieder mit den Fans gesprochen hat. Fehlt Ihnen dieser Kontakt jetzt nicht?

Prödl: Ein bisschen gibt es den ja auch hier, aber der ist schon anders. Der Verein ist für die Fans heilig. Sie würden einen Spieler nicht ins Gesicht schimpfen, weil sie viel zu großen Respekt vor den Spielern haben, die ihr Trikot tragen.

Wie ist es mit der Stimmung im Stadion, kann Bremen da mithalten?

Prödl: In Bremen haben wir die Ultras in der Ostkurve, die sind richtig laut. Das ist schon einzigartig dort, du wirst 90 Minuten lang gepusht. Hier ist es eher ein Reaktionspublikum. Aber sie würdigen die Kleinigkeiten mehr – wie zum Beispiel eine gute Grätsche.

Das dürfte Ihnen als Abwehrspieler besonders gefallen.

Prödl: Natürlich. Wenn du den Ball über die Außenlinie grätscht und zwei, drei Gegenspieler mitnimmst, dann wird das richtig gefeiert.

Ist Ihnen das schon gelungen?

Prödl: Gute Grätschen schon, drei Spieler aber nicht… (lacht).

Sie waren sofort Stammspieler, dann aber plötzlich nur auf der Bank – und zuletzt nur noch auf der Tribüne. Was ist da passiert?

Prödl: Ich war verletzt.

Was hatten Sie?

Prödl: Das darf ich nicht sagen. Das ist auch anders in England. Bei kleineren Verletzungen wird nicht gesagt, was du hast, damit der Gegner nicht weiß, wann du wieder spielst. Meine Sache hat vier Wochen gedauert, jetzt bin ich aber wieder fit.

Wie war es vor der Verletzung?

Prödl: Ich habe gut angefangen. Der Wechsel nach England hat mir gut getan – auch als Persönlichkeit. Ich musste mich neu beweisen, quasi bei Null anfangen, weil hier niemand großartig die Bundesliga verfolgt. Da gibst du dann noch mal mehr Gas, als du es sowieso immer gemacht hast. Das hat sich ausgezahlt, ich habe immer gespielt, bis der Trainer gesagt hat, dass er auch den dritten Innenverteidiger auf unser Niveau heranführen will. Schließlich haben wir in der Premier League sehr viele Spiele. Da saß ich dann draußen. Es war nicht einfach für mich, das zu verstehen. Das kannte ich nicht, ich hatte mir ja nichts zu Schulden kommen lassen. Die Verletzung war natürlich ärgerlich. Aber ich bin mir ganz sicher, dass ich hier noch sehr viele Spiele machen werde.

Ihr Club steht richtig gut da und darf als Aufsteiger sogar von Europa träumen.

Prödl: Wir träumen nicht von Europa. Das ist hier nicht so extrem wie in Deutschland, dass die Saisonziele sofort verändert werden, wenn du plötzlich mal weiter oben stehst. Jetzt kommen zwei ganz wichtige Wochen mit vielen Spielen. Du kannst wieder nach unten rutschen, aber auch den Klassenerhalt fast schon klar machen.

Drei Spiele in acht Tagen und das auch noch über Weihnachten und den Jahreswechsel – bereitet man sich darauf besonders vor?

Prödl: Durchaus. Uns wurden einige Regeln genannt, die wir jetzt rund um Weihnachten beachten sollen. Da geht es natürlich vornehmlich ums Essen.

Also gibt es keinen Weihnachtsbraten und keinen Schoko-Weihnachtsmann?

Prödl: Also wir werden uns schon ein schönes Weihnachtsessen zaubern. Aber es wird keine Schlachtplatte geben. Das wird schon anders als in den letzten Jahren. Da war Weihnachten der zweite oder dritte Urlaubstag – und da habe ich dann auch mal richtig geschlemmt. Das Schlemmen fällt diesmal aus.

Sie dürfen aber schon zu Hause feiern, oder wird die Mannschaft kaserniert?

Prödl: Ein bisschen schon. Wir trainieren am 24. in der Früh, am 25. am Nachmittag – und danach geht es ins Hotel. Am 26. wird gespielt, am 27. morgens regenerativ trainiert – und abends treffen wir uns schon wieder im Hotel, weil am 28. das nächste Spiel ist.

Was bedeutet Ihnen dieser berühmte Boxing Day am 26. Dezember mit dem Spiel beim FC Chelsea?

Prödl: Sehr viel. Ich habe mir schon in den letzten Jahren immer die Spiele am Boxing Day im Fernsehen angeschaut. Jetzt habe ich das Glück, dabei zu sein. Und das Spiel gegen Chelsea ist natürlich ein echter Leckerbissen.

Sie sind nicht der einzige Ex-Bremer in London. Haben Sie sich schon mit Per Mertesacker getroffen?

Prödl: Mehrmals sogar. Er wohnt in der Nähe. Ich mache ab und zu auch mal was mit Kevin Wimmer, der in Köln gespielt hat und jetzt bei Tottenham ist. Oder mit Konstantin Kerschbaumer, das ist ein Österreicher vom FC Brentford. Na ja – und ich habe wirklich viel Besuch. London ist eben ein Touristenziel, da schauen viele mal für ein Wochenende vorbei.

Ist das manchmal auch anstrengend?

Prödl: Am Anfang war ich ziemlich euphorisch, da habe ich – mal so gesagt – jeden Blödsinn mitgemacht. Mittlerweile schicke ich die Leute alleine auf Tour, denn man braucht einfach auch mal Pause von dieser Stadt. Die ist wirklich toll, man kann da gut untertauchen, weil dich niemand erkennt. Du hast so viele Möglichkeiten, etwas zu unternehmen. Es ist toll in meinem Alter in so einer Stadt zu sein.

Woran mussten Sie sich am meisten in London gewöhnen?

Prödl: An die Art der Wohnungen. Ich kann nicht verstehen, dass man so etwas bauen darf.

Warum?

Prödl: Die meisten Wohnungen haben zum Beispiel keine Garderobe, du stehst sofort im Wohnzimmer. Ich habe dann mal gefragt, wo ich meine Schuhe, meine Jacke oder meinen Regenschirm, den man hier ja öfter mal braucht, hinpacken soll. Ins Schlafzimmer, haben sie dann gesagt. Tolle Idee! Na ja – und Teppichboden im Badezimmer muss ich auch nicht haben. Genauso wenig wie die Waschmaschine mitten in der Küche. Und diese Wohnungen, die du nicht mal deinem ärgsten Feind wünschen würdest, kosten auch noch Unsummen.

Haben Sie trotzdem etwas gefunden?

Prödl: Ja, nach drei Monaten im Hotel hat es geklappt.

Werder überwintert auf dem Relegationsplatz, hat also wie vor einem Jahr Abstiegssorgen – wie beurteilen Sie die Situation Ihres Ex-Clubs?

Prödl: Es tut mehr weh, das als Außenstehender zu betrachten, als wenn du selbst dabei bist. Du kannst ja die Situation nicht direkt verändern. Ich kann die Fans jetzt viel besser verstehen, wie sie mit uns gelitten haben. Ich bin jetzt selbst Fan.

Sind Sie überrascht von der schwachen Hinrunde?

Prödl: Nach unserer guten Rückrunde habe ich eigentlich gedacht, dass Werder auf einem guten Weg ist. Aber ich bin trotzdem zuversichtlich, dass es Werder wieder schafft. Werder hat einfach mehr Potenzial als einige andere Mannschaften. Aber es wird eine harte, schwere Saison.

Womit könnte man Ihnen zu Weihnachten eine Freude machen?

Prödl: Mit tollen Spielen – und natürlich Siegen. Am besten eine Geschichte, von der man noch in Jahren spricht.

Mit Ihnen in der Hauptrolle?

Prödl: Da hat man nie etwas dagegen. Aber als Innenverteidiger ist das nicht ganz so einfach.

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