Wie geht es mit Werder-Trainer Florian Kohfeldt weiter?

Didi Hamann im DeichStube-Interview: „Nach der Saison ist es bei Werder Bremen an der Zeit, einen frischen Impuls zu setzen“

Dietmar Hamann ist sich sicher, dass Werder Bremen den Klassenerhalt schafft.
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Dietmar Hamann ist sich sicher, dass Werder Bremen den Klassenerhalt schafft.

Bremen – Für den TV-Sender „Sky“ analysiert Dietmar Hamann Wochenende für Wochenende die Spiele der Fußball-Bundesliga. Dabei blitzt immer wieder ein besonderes Interesse an Werder Bremen und Trainer Florian Kohfeldt auf. Die DeichStube hat deshalb vor den letzten zwei Spieltagen der Saison mit dem 47 Jahre alten Ex-Nationalspieler gesprochen.

Herausgekommen ist ein Interview mit zwei klaren Hamann-Standpunkten. Erstens: Werder schafft den Klassenerhalt. Zweitens: Kohfeldt und der Club werden sich danach trennen. Außerdem geht es um einen „Dr. Jekyll und Mr. Hyde“ im Bremer Team und das Nervenflattern beim nächsten Gegner FC Augsburg.

Herr Hamann, nach Werders 0:0 gegen Bayer Leverkusen haben Sie die Leverkusener für deren Auftritt kritisiert und gesagt: „Wenn ich mir einen Gegner in der Bundesliga hätte wünschen können, wären das aktuell doch die Bremer gewesen.“ Gilt diese Gegner-Empfehlung am Samstag auch für den FC Augsburg?

(lacht) Ich habe mit dem Satz auf Werders Niederlagenserie angespielt. Sie hatten davor ja sieben Liga-Spiele in Folge verloren. Da weißt du als Gegner einfach, dass du auf eine Mannschaft triffst, die mit dem Rücken zur Wand steht, deren Trainer enorm unter Druck ist. Dafür hat Leverkusen in meinen Augen zu wenig getan. Sie hätten dominanter spielen, sich einfach mehr Torchancen erarbeiten müssen. In Bezug auf die Bremer muss ich sagen, dass sie es in den Spielen gegen Leipzig und gegen Leverkusen hervorragend gemacht haben. Sie haben sich aufgerieben und eine Seite gezeigt, von der es oft hieß, dass sie die Mannschaft gar nicht hat.

Dietmar Hamann: Werder Bremen darf gegen Augsburg nicht in alte Muster verfallen und schön-schön spielen

Als Sky-Experte verfolgen Sie die Werder-Spiele regelmäßig und intensiv. Wie gefestigt wirkt die Mannschaft auf Sie nach den beiden guten Auftritten zuletzt?

Im Pokal gegen Leipzig war es natürlich ein anderer Wettbewerb, in dem der große Druck aus der Liga nicht da war. Nicht ins Pokalfinale zu kommen, lässt sich verschmerzen im Vergleich zu einem drohenden Abstieg. Werder hat es am Samstag gegen Leverkusen aber geschafft, diese Einstellung, diesen unbedingten Zusammenhalt aus dem Pokal auch in der Liga zu zeigen, was sie zuvor lange nicht gemacht haben. Natürlich hatten sie gegen beide Gegner den Vorteil, dass sie das Spiel nicht machen mussten. Das wird in Augsburg ganz anders sein. Werder darf dort aber trotzdem nicht wieder in sein altes Muster verfallen und versuchen schön-schön zu spielen.

Heißt das, die defensive Ausrichtung gegen Leipzig und Leverkusen kann auch in Augsburg der Schlüssel zum Erfolg sein?

Ja, grundsätzlich bin ich dafür, dass hinten zugemacht wird. Werder muss schauen, auch Augsburg die Luft und Gestaltungsmöglichkeiten zu nehmen. Da hinzufahren und zu sagen: „So, wir versuchen jetzt, den Gegner auseinanderzuspielen“, ist etwas, was du machen kannst, wenn du schon sicher bist und Dinge ausprobieren willst. In Werders Situation sollte die Mannschaft aber so spielen wie in den letzten beiden Partien. Dann bin ich guter Dinge.

Drehen wir die Uhr kurz zwei Monate zurück: Hätten Sie nach dem 2:0 im Nachholspiel bei Arminia Bielefeld gedacht, dass es noch mal so eng für Werder Bremen werden könnte?

Daran hat damals glaube ich niemand gedacht. Vielleicht war aber genau das die große Gefahr. Ich weiß nicht, wie man es intern bei Werder gesehen hat. Natürlich gab es danach Spiele gegen große Kaliber, aber wenn man irgendwann mal ein Unentschieden geholt oder ein Spiel gewonnen hätte, dann würde die Sache jetzt anders aussehen. Irgendwann zerrt so etwas natürlich an den Nerven einer Mannschaft, es kostet unglaublich viel Energie, plötzlich doch wieder tief in den Abstiegskampf zu rutschen.

Für Dietmar Hamann war die letzte Saison von Werder Bremen viel aussichtsloser

Glauben Sie denn, dass der denkbar knappe Klassenerhalt aus dem Vorjahr eine Erfahrung ist, von der Werder Bremen nun profitieren kann?

Schaden kann es jedenfalls nicht. Das ist ähnlich wie mit einem Titelgewinn. Wenn du den ersten Titel geholt hast, dann hast du das Selbstvertrauen, dass du es kannst. Dann kommen einem der zweite oder dritte Titel nicht mehr so schwer vor, weil so etwas wie eine Selbstverständlichkeit entstehen kann. Bis du aber mal einen Titel holst beziehungsweise den Abstiegskampf meisterst, weißt du ja nicht, ob du es kannst. Deswegen kann Werder die Erfahrung helfen. Die Situation im letzten Jahr war sehr viel aussichtsloser. Da hatten sie es nicht mehr in der eigenen Hand.

Auf welche Spieler wird es jetzt besonders ankommen? Wer muss vorangehen?

Ich habe mir gerade die Mannschaft vom Samstag noch mal angeschaut. Da sind viele erfahrene Spieler dabei gewesen. Einem Davie Selke kommt es jetzt entgegen, dass Werder den direkten Weg nach vorne sucht. Auch Füllkrug ist da gefragt. Rashica ist Werders „Dr. Jekyll und Mr. Hyde“, weil man nie weiß, was man bei ihm bekommt. Seit dem geplatzten Wechsel hat er irgendetwas verloren. Ich will ihm den Willen nicht absprechen, aber er ist nicht mehr der gleiche Spieler wie vorher. Dafür scheint Moisander wieder in Tritt zu sein, auch Christian Groß beeindruckt mich. Er ist einer der wichtigsten Spieler, die Kohfeldt für die Defensive hat.

Der Trainer hebt immer wieder die große Bedeutung von Maximilian Eggestein hervor. Was muss in den letzten beiden Spielen von ihm kommen?

Er ist jetzt gefragt. Ich habe mal gesagt, dass Eggestein Großes vor sich hat, aber er ist jetzt auch keine 20 mehr. Jetzt erwarte ich von ihm, dass er vorangeht. Das Schlimmste ist, wenn du Mitte 20 bist, und die Leute sprechen immer noch von einem Talent. Er muss den nächsten Schritt machen. Jetzt wäre eine wunderbare Gelegenheit, um in die Bresche zu springen. Damit könnte er aus dem Schatten heraustreten. In den letzten zwölf bis fünfzehn Monaten hat er sich nicht so weiterentwickelt, wie ich es erwartet habe.

Der FC Augsburg hat sich – anders als Werder Bremen – für einen späten Trainerwechsel im Abstiegskampf entschieden. Markus Weinzierl folgte auf Heiko Herrlich, hat sein erstes Spiel aber mit 1:2 in Stuttgart verloren. Ist der Effekt damit bereits verpufft?

Der erste Impuls ist immer der wichtigste. Man sieht es ja öfter, dass ein Trainerwechsel kurzfristig für eine Reaktion sorgt, die dann mittelfristig wieder abebbt. Wenn du natürlich das erste Spiel gegen eine Mannschaft verlierst, die davor selbst vier Mal in Serie verloren hat, dann ist das nicht die beste Werbung, auch wenn der Auftritt gegen Stuttgart ordentlich war. Die Nerven werden in Augsburg blank liegen, vielleicht sogar mehr als bei den Bremern. Ich denke, wenn Werder zu Null spielt, gewinnen sie auch. Augsburg ist hinten anfällig, da wird Werder ein Tor machen.

Dietmar Hamann ist überzeugt, dass Werder Bremen die nächste Saison mit einem neuen Trainer angeht

Sie gelten als Fürsprecher von Werder-Trainer Florian Kohfeldt. Welchen Anteil an der aktuellen Bremer Krise schreiben Sie ihm dennoch zu?

In Prozenten ist das schwer zu sagen. Natürlich ist der Trainer immer verantwortlich. Ich glaube aber, dass in Bremen alle wussten, dass dieses Jahr nicht einfach wird. Mit Davy Klaassen wurde ein Spieler abgegeben, der ein sehr gutes Standing hatte, dazu fußballerisch internationales Format. Auf der anderen Seite hat man kaum Neuzugänge geholt. Ich will den Trainer natürlich nicht aus der Verantwortung nehmen, aber meine grundsätzlich positive Meinung von Kohfeldt hat sich in dieser Saison nicht geändert. Er ist auch in schweren Zeiten bei Werder nicht davongelaufen, sondern hat sich immer wieder gestellt. Generell glaube ich, dass er über kurz oder lang einen Verein trainieren wird, der international vertreten ist.

In Bremen hat Kohfeldts Renommee durch das Ultimatum vor dem Pokalspiel gegen Leipzig gelitten. Konnten Sie den Schritt der Vereinsführung nachvollziehen?

Überrascht hat es mich nicht. Die Verantwortlichen müssen doch schauen, was das Beste für den Verein ist. Da dürfen persönliche Beziehungen und Eitelkeiten keine Rolle spielen. Deswegen fand ich es legitim, dass Frank Baumann (Werders Sportchef, Anm. d. Red.) gesagt hat, dass der Auftritt im Pokalspiel in die Analyse mit eingeht und dass deren Ausgang offen ist. Man muss ja auch sehen, dass es in der letzten und auch dieser Saison Möglichkeiten gegeben hätte, um den Trainer zu wechseln, was nicht passiert ist. Deswegen bin ich weit davon entfernt, zu sagen, dass es drei Spieltage vor dem Ende der Saison kontraproduktiv ist, dem Trainer ein Ultimatum zu stellen. Und wenn man sieht, wie die Mannschaft gegen Leipzig gespielt hat, scheint es ja auch gefruchtet zu haben.

Können Sie sich denn vorstellen, dass Kohfeldt – unabhängig vom Ausgang der Saison – auch nach dem Sommer noch Werder-Trainer ist?

Vorstellen kann ich es mir, aber ich glaube, dass es für beide Seiten Sinn ergeben wird, sich im Sommer zu verändern. Daran dürften beide Parteien Interesse haben. Aber jetzt musst du erstmal schauen, dass du gemeinsam in der Liga bleibst. Nach der Saison ist es dann an der Zeit, einen frischen Impuls zu setzen. Ich bin davon überzeugt, dass Werder den Klassenerhalt packt. Und ich gehe stark davon aus, dass der Verein die nächste Saison mit einem neuen Trainer angehen wird.

Würden Sie Florian Kohfeldt sogar zu einem Vereinswechsel raten?

Ich glaube, dass es ihm nicht schaden würde. Wenn man so wie er mit einem Verein über so viele Jahre verbunden ist, dann ist das nicht immer einfach. Es gibt auch Situationen, in denen du auch zu eng verbandelt sein kannst. Wenn du als Fan früher in der Kurve standest, für den Verein gespielt hast, dort Trainer wurdest, deine ganze Familie vor Ort ist, dann kann das ein Stück weit einengen. Für Kohfeldt ist mit dem Cheftrainerposten ein Traum in Erfüllung gegangen, aber es macht die Sache eher schwerer als leichter. Das hätte er nicht, wenn er in Köln, in Leverkusen oder wo auch immer Trainer wäre. Er wird im Sommer mit Sicherheit Angebote bekommen, die ihn reizen werden. Dann muss er entscheiden. Er hat bei Werder zwar noch einen gültigen Vertrag, aber man muss die Zitrone ja nicht immer bis zum Letzten auspressen. (dco)

Die Aufstellung von Werder Bremen gegen den FC Augsburg – so dürfte die Startelf aussehen!

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