Die Probleme des Werder-Trainers / Kapitän Clemens Fritz: „Wir haben ihn im Stich gelassen“

Darum steht Dutt am Abgrund

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Werder-Trainer Robin Dutt

Bremen - Thomas Eichin stellt sich vor Robin Dutt – noch. Vor Werders Heimspiel am Freitag (20.30 Uhr) gegen den 1. FC Köln nimmt der Bremer Sportchef den Coach und die Mannschaft aber eindringlich in die Pflicht: „Jetzt zählen nur noch nackte Ergebnisse. Das ist die Aufgabe für Trainer und Mannschaft.“ Gewinnt das sieglose Bundesliga-Schlusslicht wieder nicht, wird der 48-Jährige wohl handeln und Dutt entlassen.

Laut „Bild“ sucht Eichin bereits einen Nachfolger, als Kandidaten wurden Holger Stanislawski, Huub Stevens und Michael Frontzeck ins Spiel gebracht. Eichin sagt dazu nichts. Dass Dutt inzwischen am Abgrund steht, hat – unabhängig von den stark eingeschränkten finanziellen Möglichkeiten – mehrere Gründe. Eine Analyse:

Er liefert keine guten Resultate
Das ist sein größtes Problem. „Alle werden an Ergebnissen gemessen“, hatte Eichin betont. Und Dutts Zahlen sind schlecht – nicht erst seit dieser Saison, in die Werder mit acht sieglosen Spielen und erst vier Punkten so schlecht startete wie noch nie. Von seinen 42 Bundesliga-Spielen mit Werder hat Dutt nur zehn gewonnen, durchschnittlich holte er 1,02 Punkte pro Spiel. Lediglich Aad De Mos (Saison 1995/96) hat unter den Trainern, die für mindestens zehn Werder-Partien in Liga eins verantwortlich waren, eine noch schwächere Bilanz (1,00).

Er kann die Schwächen in der Defensive nicht abstellen
Jeweils 66 Gegentore in den vergangenen beiden Spielzeiten. Diese Flut wollte Dutt eindämmen. Es gelingt ihm nicht – egal, in welchem System. Stattdessen steuert Werder scheinbar unaufhaltsam auf noch schlechtere Zahlen zu. 22 Gegentreffer sind es bereits nach acht Spielen – hochgerechnet auf 34 Partien kommen aufgerundet 94 heraus.

Er macht kaum einen Spieler besser
Die meisten Profis haben sich unter Dutt nicht sichtbar weiterentwickelt und sind teilweise sogar schwächer statt stärker geworden. Das Paradebeispiel ist aktuell Santiago Garcia. Der argentinische Linksverteidiger, einst dynamisch und leidenschaftlich, wirkt seit Wochen total gehemmt und traut sich nichts mehr zu. Einzig Franco Di Santo (vier Tore) spielt bisher eine klar bessere Saison als die vorherige. Hinzu kommen zwei Talente, denen Dutt zum Bundesliga-Debüt verholfen hat: Marnon Busch und Davie Selke (beide 19). Erste Wahl war das Duo in München jedoch nicht mehr. Der Hype um U19-Europameister Selke hat inzwischen deutlich abgenommen, seit drei Spielen stand er nicht mehr in der Startelf. Statt Busch durfte zuletzt wieder Kapitän Clemens Fritz ran – und das wird vermutlich erst mal so bleiben.

Er hat bisher kein überzeugendes System entwickelt
Bei seinem Amtsantritt vor knapp 16 Monaten hatte Dutt die in Bremen lange bewährte Mittelfeld-Raute eingemottet und angekündigt, eine ganz spezielle Spielweise entwickeln zu wollen, von der er sagen kann: „Das ist dein System. Das gehört dir und keinem anderen.“ Das war der Wunsch. Die Realität sieht dagegen völlig anders aus, von einem einzigartigen Werder-System ist nach wie vor nichts zu sehen. Nach dem zunächst erprobten 4:2:3:1 kehrte der Coach in der vergangenen Saison plötzlich doch wieder zur Raute zurück. Und in dieser Spielzeit hat er schon drei Systeme ausprobiert. Erst die Raute, dann ein 4:4:2 mit zwei „Sechsern“ und ohne „Zehner“ – und zuletzt in München ein defensives 4:2:3:1. Erfolg hatte er letztlich mit keinem. Und die Spieler scheinen mit den Wechseln überfordert zu sein. „Der Trainer gibt uns einen Plan, aber wir setzen ihn nicht um. Wir sind hinterhergelaufen wie Hunde“, meinte Eljero Elia nach dem Bayern-Spiel. „Wir haben versagt und die Vorgaben in keinster Weise auf den Platz gebracht“, sagte Fritz. Das 0:6 in München war sicher der Tiefpunkt, doch auch in den Partien zuvor war eine klare Spielidee – wenn überhaupt – nur in Ansätzen zu sehen.

Er kann sich auf seine Spieler nicht mehr voll verlassen
Fritz betonte gestern noch mal, dass die Mannschaft hinter Dutt steht: „Wir arbeiten sehr gerne mit ihm zusammen.“ Aber die Spieler haben ihrem Coach in acht Bundesliga-Spielen eben noch keinen Sieg und damit ein bisschen Ruhe geschenkt – im Gegenteil. Der Auftritt in München grenzte schon an Arbeitsverweigerung. Und Fritz gab gestern zu: „Wir haben da als Team alle drumherum im Stich gelassen, auch den Trainer.“

Er bekommt die Schläfrigkeit nicht aus den Köpfen
Volle Konzentration und volle Power – so soll es eigentlich sein, wenn der Anpfiff ertönt. Das war bei Werder in dieser Saison aber erst ein Mal zu sehen. In Augsburg, als Davie Selke in der dritten Minute zum 1:0 traf. Nach 14 Minuten war die Führung dann jedoch schon wieder weg. Ansonsten gerieten die Bremer immer in Rückstand – und das meistens ziemlich früh. Sechs Mal fiel das 0:1 in den ersten 20 Minuten. Werder war schläfrig statt wach. Auffällig zudem, wie wehrlos sich die Bremer in München ergaben. Keiner fegte (natürlich ohne Verletzungsvorsatz) mal dazwischen und setzte ein Zeichen des Aufbäumens. Der eingewechselte Alejandro Galvez sah die einzige Gelbe Karte – wegen eines taktischen Fouls. „Wir waren viel zu brav“, moniert Fritz. Und das ist schon seit Wochen so: Gegen Freiburg (1:1) und davor in Wolfsburg (1:2) gab es gar kein Gelb für Werder. Das ist sehr fair, aber auch ein Zeichen für eine gewisse Leblosigkeit. Und die darf sich besonders ein Abstiegskandidat nicht erlauben.

Er hat keine Mittel mehr
Was Dutt auch probierte, taktisch oder personell – nichts führte zum Sieg. Das ist extrem frustrierend und wird dem Coach als Hauptverantwortlichem für das Team schwer zu schaffen machen. Aber er will es sich nicht anmerken lassen und verkneift sich trotz immer wieder haarsträubender Fehler mediale Kritik an seinem Team. „Wir müssen uns alle überprüfen, auch ich. Aber wir machen keine gegenseitigen Schuldzuweisungen“, sagt er. Das sei „ein Deal“ mit den Spielern, die er intern durchaus hart anpacke. In der Öffentlichkeit heißt es Starkreden statt Schelte. „Ich weiß, was ich von der Mannschaft am Freitag erwarten werde und was sie zeigen wird. Wir sind in solchen Situationen immer zurückgekommen – und das werden wir auch diesmal“, erklärte Dutt. Solche Worte klingen allerdings verdächtig nach Durchhalteparolen.

Er ist das schwächste Glied in der Kette
So platt es klingt, so wahr ist es: Wenn es nicht mehr läuft – wie aktuell bei Werder – trifft es irgendwann immer den Trainer. An anderen Stellschrauben ist schwerlich zu drehen. Man kann ja schlecht die ganze Mannschaft rauswerfen.

mr

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