Werder-Coach über die Corona-Krise

Wie Trainer Kohfeldt jetzt Werder Bremen fit macht: „Thema für eine Doktorarbeit“

Florian Kohfeldt muss den SV Werder Bremen in Zeiten der Coronavirus-Pandemie in Form halten und auf das große Ziel Bundesliga-Klassenerhalt vorbereiten.
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Florian Kohfeldt muss den SV Werder Bremen in Zeiten der Coronavirus-Pandemie in Form halten und auf das große Ziel Bundesliga-Klassenerhalt vorbereiten.

Bremen – Natürlich hätte er gerne einen Masterplan. Einen, der auf Erfahrungen und Erkenntnissen basiert. Aber den gibt es nicht, weil es eine Situation wie die aktuelle schließlich auch noch nie gegeben hat. Also muss Florian Kohfeldt seinen ganz eigenen Weg finden und gehen, um Werder Bremen möglichst gut auf einen Moment vorzubereiten, von dem noch niemand weiß, wann er denn gekommen sein wird.

Es wird der Moment sein, in dem die Bundesliga wieder startet und Werder Bremen in den noch verbleibenden zehn Spielen versuchen muss, sich vor dem Abstieg zu retten. Es ist eine Aufgabe, deren Größe sich kaum erfassen lässt.

Klar, Abstiegskampf ist immer ein schwerer Rucksack, eine Zerreißprobe für die Nerven. Aber dann auch noch als Mensch mit der Coronavirus-Katastrophe konfrontiert zu sein sowie gleichzeitig als Trainer Lösungen erdenken und mit den Spielern umsetzen zu müssen, das ist so etwas wie die Zerreißprobe hoch zwei. Auf vielen Ebenen.

Werder Bremen im Abstiegskampf: „Könnte den Hauch haben, dass wir uns zu wichtig nehmen“

Weit vorne steht der psychologische Aspekt. Auf der einen Seite die Pandemie mit tausenden Toten weltweit. „Etwas, das wir bisher nur aus Filmen kannten“, meint Florian Kohfeldt. Auf der anderen Seite das Berufsleben, der sportliche Auftrag, Werder Bremen zum Klassenerhalt zu führen. Und das bei diesen speziellen, nie zuvor dagewesenen Umständen. Kohfeldt weiß, dass er seine Spieler jetzt trimmen muss – körperlich wie psychisch. Er weiß aber auch, dass öffentlich darüber zu reden von der Umwelt möglicherweise als unangemessen empfunden wird. Vieles könnte „den Hauch haben, dass wir uns zu wichtig nehmen“, meint der 37-Jährige. Aber so wie Postboten die Post zustellen, Bäcker Brot backen und Journalisten Berichte verfassen, muss er ein Team trainieren. „Es ist meine Aufgabe, dies zu tun – aber immer im vollsten Bewusstsein für die Gesamtsituation“, sagt der Fußball-Lehrer.

Zuletzt konnte Kohfeldt das nicht. Drei Wochen waren die Spieler daheim, ausgestattet mit individuellen Trainingsplänen. Er selbst blieb auch weitgehend zu Hause bei der Familie, dachte nach, telefonierte, dachte wieder nach. Und ging selbst Joggen. „So viel wie in den letzten fünf Jahren nicht mehr.“ Nun läuft aber wieder die Trainingsarbeit an, seit Mittwoch ist auch er wieder auf dem Platz, kann zunächst aber nur Kleingruppen zu je vier Spielern dirigieren. Denn das Ganze ist und bleibt geprägt von den Anti-Corona-Auflagen der Politik, die Kohfeldt privat wie beruflich strikt befolgt, wie er sagt: „Die Politik gibt uns diese Richtlinien nicht ohne Grund. Es ist meine Pflicht, sie zu befolgen und ein Vorbild zu sein.“

Florian Kohfeldt muss bei der Vorbereitung auf den Bundesliga-Re-Start umdenken

Geprägt ist der neue Alltag bei Werder Bremen aber auch von der Ungewissheit, auf welches Datum die gemeinsame Arbeit von Spielern und Trainern ausgerichtet ist. Denn der Tag, an dem die Bundesliga – wenn überhaupt – ihren Spielbetrieb wieder aufnimmt, ist noch nicht definiert. Für Kohfeldt ist das natürlich die Komplikation schlechthin: „Normalerweise planst du als Trainer in der Vorbereitung vom Tag X rückwärts – jedenfalls mache ich das so. Aber diesmal gibt es keinen festgelegten Tag X.“

Deshalb kann er auch nicht auf normale Vorbereitungsschablonen zurückgreifen. Das, was sonst richtig ist, ist diesmal vielleicht falsch. Er könne sich deshalb bei der Ausrichtung des Übungsbetriebes nur „auf mein Gefühl verlassen. Da helfen auch die Experten im Moment wenig. Man muss ein Stück weit seiner Intuition folgen. Ob die dann richtig war, weiß man erst hinterher“, meint der Fußball-Lehrer und lächelt süßsauer bei dem Gedanken daran, was genau da vor ihm und seinen Co-Trainern liegt: „Ein Thema für eine Doktorarbeit.“

Werder Bremen: Florian Kohfeldt will sich nicht über Beschränkungen beklagen

Im Hinterkopf existiert der grobe Arbeitsplan, dass die aktuelle Phase genutzt wird, „um unser Fitnesslevel zu heben. Da haben wir nach den ganzen Verletzungen der vergangenen Monate nachvollziehbarerweise Defizite“. Aber wenn sich irgendwann abzeichnen sollte, wann es wieder losgeht, „dann benötigen wir drei Wochen zur gezielten Vorbereitung“, meint der Coach. Allerdings wird er diese drei Wochen wohl nicht mit Testspielen oder einem Trainingslager ausfüllen können: „Beides halte ich für ziemlich ausgeschlossen.“

Doch Kohfeldt klagt darüber nicht. Und auch nicht über Trainingseinheiten mit nur vier Spielern, während andere Clubs sieben oder acht Akteure zusammenbringen dürfen. Jammern wäre einfach nicht in Ordnung, wo es doch in der Welt um ganz andere Dinge geht, sagt der Coach. Er fordert nichts und hat sich auferlegt, aus dem, was möglich ist, irgendwie das Beste zu machen. Wenn also nur vier Spieler gleichzeitig auf den Platz dürfen, dann werden die Gruppen eben so zusammengestellt, dass Flankengeber mit abschlussstarken Stürmern üben oder Innenverteidiger mit Mittelfeldspielern den Spielaufbau proben. „Da steckt viel Aufwand und Planung dahinter“, erklärt Florian Kohfeldt. Und obwohl Spielformen nicht geprobt werden können und auch keine Zweikämpfe geführt werden dürfen, sei das alles noch deutlich besser, als weiter nur durch den Wald zu laufen: „Wir können jetzt immerhin den fußball-athletischen Teil abbilden. Trainier' im Wald mal den Richtungswechsel mit Ball – das geht nicht.“ (csa)

Quelle: DeichStube

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