Werder-Kneipe Taubenschlag macht dicht

Im Zeichen der Taube: Werder-Kneipier Kim Döhling fürchtet um seine Existenz – und hilft nun anderen

Normalerweise gehen hier vor den Heimspielen des SV Werder Bremen Menschenmassen ein und aus: Jetzt muss „Taubenschlag“-Pächter Kim Döhling um die Existenz seiner Fankneipe unweit des Weserstadions bangen. 
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Normalerweise gehen hier vor den Heimspielen des SV Werder Bremen Menschenmassen ein und aus: Jetzt muss „Taubenschlag“-Pächter Kim Döhling um die Existenz seiner Fankneipe unweit des Weserstadions bangen. 

Bremen – Dort, wo sich zu Stoßzeiten drei Menschen einen Quadratmeter teilen, um bloß irgendwie noch mit reinzupassen, dort, wo das Bier vor allem nach Siegen von Werder Bremen in Strömen fließt und die Luft von dichtem Rauch geschwängert ist – dort hat Kim Döhling nun mehr Platz als ihm lieb ist. Deutlich mehr Platz, denn sein Laden ist zu.

Am Montag hat er ihn abgeschlossen. Und wann es im „Taubenschlag“, in der letzten Kneipe auf dem Weg zum Weserstadion, dieser Institution für Fans des SV Werder Bremen, weitergehen kann, ist vollkommen offen. Wie alle Kneipenbesitzer in Deutschland musste auch Döhling wegen des Coronavirus dichtmachen. 

Nun fürchtet er um seine Existenz. Einerseits. Denn andererseits hat der 37-Jährige einen Entschluss gefasst: In der Krise möchte er hilfsbedürftige Menschen aus der Nachbarschaft unterstützen. Für sie einkaufen gehen. Sie zum Arzt fahren. Ihnen den Umgang mit dem Smartphone näherbringen. Was eben gefragt ist. „Mit wenig Aufwand kann ich viel bewirken“, sagt Döhling, „das sollte selbstverständlich sein“.

Coronavirus-Krise und Werder Bremen: „Taubenschlag“-Besitzer hat Kneipen-Schließung befürchtet

Geahnt hatte er es schon, befürchtet, besser gesagt, aber als die Nachricht am Montagmittag endgültig offiziell wurde, ist sie Kim Döhling doch heftig in die Glieder gefahren. Bremens Bürgermeister Andreas Bovenschulte hatte verkündet, das öffentliche Leben im Stadtstaat drastisch einzuschränken. Damit folgte der 54-Jährige der Empfehlung des Bundes, der sich auch die anderen 15 Länder ausnahmslos anschlossen. Theater, Museen, Cafés, Spielhallen, Spielplätze, Kinos, Sportanlagen – das alles und mehr ist in Bremen seit Mittwoch geschlossen. 

Auch Clubs, Bars und Kneipen fallen unter die Regelung, denn auch sie sind Begegnungsstätten, Orte des öffentlichen Lebens, das es nun bestenfalls nicht mehr geben soll. Es ist die einzige Chance, die rasante Ausbreitung des Coronavirus zu verlangsamen und in den Griff zu bekommen. Für Döhling ist die Schließung des „Taubenschlag“ deshalb absolut nachvollziehbar. „Die Gesundheit der Bevölkerung muss jetzt stärker im Fokus stehen als wirtschaftliche Aspekte“, sagt er. Und dennoch: Wie es weitergehen soll, weiß er nicht. Woher auch?

Werder Bremen: Kneipier Kim Döhling von Coronavirus-Krise hart getroffen

1983 hatte sein Vater, der inzwischen verstorbene Wolfgang Döhling, die Kneipe gemeinsam mit dem ehemaligen Werder-Profi Norbert Siegmann eröffnet. Kim Döhling war damals ein Jahr alt. Er krabbelte schon als Baby durch den Laden, wuchs praktisch in und mit ihm auf. Erst als Sohn des Chefs, später dann auch als Mitarbeiter: Böden wischen, Kisten schleppen, Gläser füllen. 

Nach dem Tod des Vaters vor fünf Jahren wurde der Junior selbst zum Pächter. 20 Leute zählen aktuell zu seinem Team, die im „Taubenschlag“ im Wechsel für Betriebsamkeit sorgen. Normalerweise. Nun sind die Leitungen der Zapfanlage abgeklemmt, die letzten Feiern abgerechnet. Direkt am Montag hat Döhling dichtgemacht, obwohl er den Laden bis Mittwoch geöffnet hätte lassen können. „Ich wollte aber nicht riskieren, dass einige Leute meinen, wir könnten hier noch eine fette Abschlussparty feiern“, sagt er. Zu riskant.

Kneipier Kim Döhling hat - obwohl er selbst von der Corona-Krise schwer getroffen wurde - eine Hilfsaktion in seiner Nachbarschaft gestartet.

Jetzt, da die Tür zu ist und es Auf dem Peterswerder 6 nichts mehr zu trinken gibt, kommen die ganzen Fragen und damit verbundenen Sorgen. Viele sind es. Und sie haben Wucht. „Corona ist für uns der Super-Gau“, sagt Döhling, der Werders bis dato schlechteste Saison der Vereinsgeschichte ohnehin schon in den Büchern zu spüren bekommen hatte. Nach Niederlagen schmeckt das Bier eben nur halb so gut. „Dass wir aber auf unbestimmte Zeit komplett zumachen müssen, lässt sich vorher einfach nicht kalkulieren“, sagt der Wirt, der gerade dabei ist, gemeinsam mit anderen Bremer Kneipiers ein Netzwerk aufzubauen.

Corona-Krise: Bremens Gastro-Szene vor dem Aus, wenn nicht für finanzielle Soforthilfe gesorgt wird

Erfahrungen austauschen. Tipps weitergeben, „sich schlau machen, wie man an Hilfe kommt“, sagt Döhling. In einem offenen Brief hat sich die Bremer Gastro- und Hotelszene nahezu geschlossen an die Stadt gewandt. Kernaussage: „Wenn jetzt nicht für Klarheit und echte finanzielle Soforthilfe gesorgt wird, steht Bremens Gastro-Szene vor dem Aus!“ Für Döhling gibt es in diesen Tagen also reichlich Baustellen, auf denen er gefordert ist, und trotzdem hatte er noch diese Idee.

Nach einem turbulenten Tag haben sich der Wirt und seine Freundin abends auf dem Sofa gefragt, was sie persönlich tun können, um ihren Teil zum Kampf gegen Corona beizutragen. „Wir haben ja jetzt jede Menge Zeit“, scherzt Döhling. Und so landete das entsprechende Hilfsangebot an die Nachbarschaft inklusive Kontaktnummer im Internet. Darauf gab es bisher eine überwältigende Resonanz, sagt Döhling, und erste Anfragen seien ebenfalls schon eingegangen. Der Bremer freut sich auf die Aufgaben, denn er hilft gerne. Und er glaubt fest daran, eines Tages mit allen Freunden der „Taube“ wieder eine große Party feiern zu können. Dann vielleicht die größte, die es Auf dem Peterswerder je gegeben hat. (dco)

Das Hilfsangebot steht: Kneipier Kim Döhling bietet Unterstützung beim Einkaufen und im Alltag an.

Quelle: DeichStube

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