Co-Trainer Kohfeldt schwärmt von Guardiola, seinen Kollegen und der Fußballlehrer-Ausbildung

„Ich bin jetzt ein besserer Trainer“

+
Ein Leben mit der Raute: Schon seit fast 14 Jahren ist Florian Kohfeldt bei Werder – und dabei vom Nachwuchscoach zum Co-Trainer der Bundesliga-Profis aufgestiegen.

Bremen - Er ist der jüngste Co-Trainer der Bundesliga – und nicht nur deshalb ein ganz Spezieller seiner Zunft. Denn Florian Kohfeldt ist Werders Taktikfuchs, obwohl der 32-Jährige selbst nur in der Verbandsliga gespielt hat – und das als Torwart.

Doch schon mit zwölf Jahren hat Kohfeldt seinem Trainer eine Mappe mit seinen Ideen überreicht. Zuletzt hat er selbst wieder jede Menge gelernt – beim Lehrgang zum Fußballlehrer. Und dieser hat ihn mindestens genauso begeistert wie das erste Aufeinandertreffen mit Pep Guardiola, dem Starcoach des FC Bayern München. Davon und von seinen Aufgaben als Co-Trainer berichtet Kohfeldt, der seit 14 Jahren bei Werder ist, im Interview.

Herr Kohfeldt, ist Ihnen Pep Guardiola noch böse?

Florian Kohfeldt: Mir böse? Warum?

Sie haben ihn im letzten Heimspiel beim Vierten Offiziellen angeschwärzt, dass er ständig die Coaching-Zone verlässt.

Kohfeldt: Das hat er wahrscheinlich nicht mal mitbekommen. Im Spiel bin ich emotional – da kann das schon mal passieren.

Wie hat denn der Vierte Offizielle reagiert?

Kohfeldt: Das hat sich wirklich gewandelt. Ich wurde sogar anfangs mal gefragt, ob ich die Linie der Coachingzone reparieren könnte. Mittlerweile ist die Wahrnehmung deutlich anders. Die Schiedsrichter hören jetzt genauer, was ich sage – das hat aber nicht nur Vorteile

(lacht).

Ist nach knapp fünf Monaten Bundesliga der Respekt vor so Größen wie Guardiola schon weg?

Kohfeldt: Guardiola ist schon eine Persönlichkeit und vor allem ein Trainer, den ich bewundere. Er war beim FC Barcelona und hat einen Stil geprägt. Dann kommt er zu den Bayern und prägt wieder einen Stil. Man sieht, das ist seine Mannschaft. Er hat immer einen Plan im Kopf, um im Spiel zu reagieren. Das macht er, ohne seinen Spielstil zu verändern, das sind nur Nuancen. Das finde ich stark.

Ihr Chef Viktor Skripnik bezeichnet Sie als den Strategen im Trainerteam…

Kohfeldt: . . . oder als den Studenten.

Wie würden Sie sich nennen?

Kohfeldt: Viktor ist auch ein Stratege, und am Ende entscheidet er. Ich habe vielleicht einen etwas analytischeren Zugang zu der Materie. Ich mache mir einfach über ganz viele Kleinigkeiten Gedanken.

Über welche?

Kohfeldt: Für mich ist zum Beispiel entscheidend, mit welchem Fuß der Kölner Außenverteidiger den Ball annimmt, ob er ihn mit nach vorne nimmt oder eher nach hinten geht. Denn davon hängt unser Pressing-Verhalten ab.

Machen Sie es manchmal zu kompliziert?

Kohfeldt: Nein! Ich habe bei den Profis gelernt: Bereite dich perfekt vor – in der absoluten Tiefe auf den Gegner und den einzelnen Spieler. Aber gib nur einen Bruchteil davon weiter. Auf den sollen die Spieler sich dann konzentrieren.

Wer entscheidet über das richtige Maß?

Kohfeldt: Die einzige Chance, dem Spieler einzeln für den direkten Gegenspieler etwas mitzugeben, ist vor dem Spiel – in der Kabine oder beim Warmmachen. Außerdem ist Viktor ein Trainer, der als allererstes auf sein Team schaut. Da stehe ich zu 100 Prozent dahinter. Unsere Gegneranalyse basiert immer darauf, wie wir unseren Spielstil am besten durchdrücken können.

Sind Sie dabei autark?

Kohfeldt: Wir Trainer setzen uns einige Tage vor dem Spiel zusammen – und ich stelle dann auch meine Gedanken vor. Viktor sagt dann: ,Das kann rein, das nicht.‘ Am Abend vor dem Spiel halten wir eine Präsentation vor der Mannschaft mit vielen Videos. Am Spieltag redet dann Viktor.

Wie wird eigentlich aus einem Verbandsliga-Torwart der Taktikfuchs einer Bundesliga-Mannschaft?

Kohfeldt: Na ja Taktikfuchs . . . Ich habe mich schon immer für Fußball interessiert, und noch mehr für das Spiel. Mein alter Jugendtrainer in Delmenhorst hat mir neulich eine lustige Geschichte erzählt. Mit zwölf Jahren bin ich mal vom Platz geflogen, weil ich mich mit einem Mitspieler über unser Spiel gestritten hatte. Anschließend habe ich ihm wohl eine Mappe mit meinen Gedanken zu unserem Spiel gegeben. Die hat er mir jetzt wiedergegeben. Dass er die so lange aufbewahrt hat . . .

Also waren Sie mit Zwölf schon Trainer?

Kohfeldt: Nein, da hatte ich sicher andere Dinge im Kopf. Aber mein Ansatz war schon früh, darüber nachzudenken, wie man als Mannschaft besser werden kann. Vielleicht habe ich mir dabei sogar zu oft Gedanken darüber gemacht. Ich habe das lange gar nicht gemerkt, denn ich dachte, alle denken so.

Können Sie heute auch mal vom Fußball abschalten?

Kohfeldt: Nein. Zum Glück ist der Lehrgang zum Fußballlehrer vorbei, damit ist auch für uns jetzt der Dienstag frei. Aber das ist auch komisch. Am Dienstagmittag habe ich mich dabei ertappt, wie ich mir noch mal schnell ein Spiel auf Video angeguckt habe. Aber ich muss auch gar nicht abschalten. Es ist ein Traum für mich – es gibt nichts Schöneres.

Wie waren die Prüfungen zum Fußballlehrer, haben Sie bestanden?

Kohfeldt: Die Ergebnisse gibt es am Montag, und ich habe echt kein Gefühl, wie gut oder schlecht es war. Ich bin glücklich, wenn ich erfolgreich abgeschlossen habe.

Aber Sie wollen besser sein als Ihr Mitschüler Torsten Frings?

Kohfeldt: Nein, darum geht es nicht. Es war einfach ein überragender Lehrgang, und ich bin jetzt definitiv ein besserer Trainer. Was uns Frank Wormuth und seine Kollegen beigebracht haben, das hat zwar manchmal genervt, weil man sich für irgendwelche Präsentationen die Nächte um die Ohren schlagen musste, aber es hat mein Denken über Fußball positiv beeinflusst. Es hat mir eine Struktur gegeben. Ich habe jetzt einen Plan im Kopf, wie ich mir Spiele angucke.

Was soll Ihnen der Fußballlehrer für die Zukunft noch bringen?

Kohfeldt: Das ist die Grundvoraussetzung, um dauerhaft hauptberuflich im Fußball zu arbeiten – und damit meine ich nicht nur die Bundesliga. Klar habe ich jetzt einen Traumjob, aber den hatte ich hier auch vor einem halben Jahr als U 15-Trainer. Ich würde es niemals als Abstieg begreifen, wenn man mir sagen würde, nächste Woche machst du wieder die U 15. Na ja, nächste Woche vielleicht noch nicht . . . (lacht)

Die Bundesliga macht eben süchtig . . .

Kohfeldt: Sie ist aber auch sehr anstrengend. Ich glaube nicht, dass man diesen Job 20 Jahre lang machen kann. Ich bin nach einem Spiel richtig kaputt. Und auf der Rückfahrt schaue ich mir das Spiel gleich noch mal auf Video an.

Warum?

Kohfeldt: Am nächsten Tag ist Auslaufen, dann sprichst du mit den Spielern – und die achten genau darauf, was du sagst. Da musst du gut vorbereitet sein. Ich will immer perfekt vorbereitet rüberkommen, aber keineswegs als Oberlehrer. Es muss entspannt sein, damit man auf einer Ebene ist.

Wie nah kommt die Mannschaft Ihren Vorstellungen vom perfekten Fußball?

Kohfeldt: Sie setzt viele Dinge überragend um. Natürlich hat man ein Bild im Kopf – und da sind wir auf einem guten Weg. Im Augsburg-Spiel ist fast alles aufgegangen, was wir wollten. Das war klasse.

Was ist das für ein Gefühl?

Kohfeldt: Ein tolles Gefühl. Einfach super. Denn das ist unsere Arbeit.

Fragen Sie sich manchmal innerhalb des Trainerteams: ,Boah, was ist denn hier in den letzten Monaten passiert?’

Kohfeldt: Absolut, das ist Wahnsinn. Viktor hat im Trainingslager in Belek, als ich ein bisschen platt war, zu mir gesagt: ,Nimm nicht alles immer so ernst, du musst auch mal genießen.’

Was vermissen Sie?

Kohfeldt: Zeit für meine Frau und meine Freunde. Dem werde ich gerade nicht gerecht, das ist nicht so schön.

Sie sagen, Sie hätten einen Traumjob. Haben Sie noch andere Träume?

Kohfeldt: Private schon, aber die verrate ich nicht.

Wie wäre es mit einem Praktikum bei Pep Guardiola?

Kohfeldt: Das würde ja bedeuten, dass ich hier nicht mehr arbeiten würde, sonst würde er das wohl nicht zulassen. Also vielleicht in ferner, ferner Zukunft. kni

Mehr zum Thema:

Team Trump: Das Kabinett des künftigen US-Präsidenten

Team Trump: Das Kabinett des künftigen US-Präsidenten

Grande Dame des Liberalismus: Hildegard Hamm-Brücher ist tot

Grande Dame des Liberalismus: Hildegard Hamm-Brücher ist tot

Weihnachtskonzert des Rotenburger Ratsgymnasiums

Weihnachtskonzert des Rotenburger Ratsgymnasiums

Verden: Tanz macht Schule 

Verden: Tanz macht Schule 

Meistgelesene Artikel

Ein Bremer pfeift Werder

Ein Bremer pfeift Werder

Nouri kontert Petsos-Kritik

Nouri kontert Petsos-Kritik

„Das war die Wende“

„Das war die Wende“

Hertha BSC im Schnellcheck

Hertha BSC im Schnellcheck

Kommentare