Vor Werder gegen Dortmund

BVB-Legende Norbert Dickel im Interview: „Werder spielt eine wesentliche Rolle in meinem Leben“

Norbert Dickel schoss als Spieler einst den SV Werder Bremen ins Tal der Tränen, heute arbeitet die BVB-Legende noch immer als Stadionsprecher bei den Schwarz-Gelben.
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Norbert Dickel schoss als Spieler einst den SV Werder Bremen ins Tal der Tränen, heute arbeitet die BVB-Legende noch immer als Stadionsprecher bei den Schwarz-Gelben.

Dortmund/Bremen – Alle rufen ihn „Nobby“. In Dortmund und Umgebung ist Norbert Dickel ein Held, seit er mit zwei Toren die Borussia 1989 beim 4:1-Triumph gegen Werder Bremen zum Pokalsieg schoss. Es war ohne Frage der Höhepunkt in der Karriere des Norbert Dickel, aber auch der Moment, in dem seine besondere Beziehung zu Werder Bremen entfacht wurde. Im Gespräch mit der Deichstube drückt der 59-Jährige, der inzwischen auch als Stadionsprecher Kultstatus beim BVB besitzt, nicht nur seine Bewunderung für die Bremer aus, sondern verrät auch einen ganz aktuellen Pokal-Traum.

Der BVB hat sich in der Champions League gegen Manchester City gut behauptet, ist aber ausgeschieden. Haben Sie das Aus schon verkraftet, Norbert Dickel?

Es geht so, ganz bin ich noch nicht darüber hinweg. Wir haben es sehr gut gemacht, haben in zwei Spielen eine gute Figur abgegeben und standen kurz vor einer Sensation. Viele hatten uns das nicht zugetraut. Bis zur 55. Minute im Rückspiel waren wir auf der Siegerstraße, ehe wir unglücklich ins Hintertreffen geraten sind.

Sie spielen auf den Handelfmeter an, den viele als Fehlentscheidung bewertet haben.

Die Entscheidung war nicht nachvollziehbar. Es ist klar definiert, dass ein Ball, der wie bei Emre Can vom eigenen Kopf an die Hand springt, nicht als Handspiel zu bewerten ist. Warum dann diese Entscheidung? Die Handspiel-Regel ist sowieso kaum noch zu verstehen.

Der spanische Schiedsrichter Carlos del Cerro Grande hat sich die Szene nicht noch mal am Bildschirm angeschaut. Was halten Sie allgemein vom Video-Assistenten?

Ich bin ein Befürworter, weil ich trotz allem glaube, dass der Video-Assistent den Fußball größtenteils gerechter macht. Was mich aber stört, ist die Tatsache, dass kein klares System zu erkennen ist, ob, wann und wie er eingreift. Und was mich nervt, ist die lange Dauer, bis eine endgültige Entscheidung getroffen wird.

Nun droht, dass der BVB in der kommenden Saison nicht in der Champions League vertreten ist. Rechnen Sie sich noch Chancen aus bei sieben Punkten Rückstand und noch sechs ausstehenden Partien?

Ich bin Optimist, noch ist die Saison nicht zu Ende. Leider haben wir nicht jederzeit in der Meisterschaft eine solche Leistung abgeliefert wie gegen den Spitzenreiter der Premier League. Wenn wir weiter siegen, glaube ich fest daran, dass wir noch Möglichkeiten haben. Dabei ziele ich auf den Spielplan unserer Konkurrenten ab, die noch vor schweren Aufgaben stehen. Und wir haben noch den direkten Vergleich mit Wolfsburg, in dem wir Punkte gutmachen können.

Verfolgt das Bundesliga-Spiel von Werder Bremen gegen Borussia Dortmund im Live-Ticker der DeichStube!

Werder Bremen: BVB-Legende Norbert Dickel lobt Trainer Edin Terzic - „Macht guten Job“

Ihre Zuversicht in allen Ehren, doch was passiert, wenn der GAU eintreffen sollte? Was wird aus der Borussia, wenn die Qualifikation für die europäische Königsklasse nicht glückt?

Dann fehlen natürlich wichtige Einnahmen, im Budget würde ein gewisses Loch entstehen. Doch ich bin davon überzeugt, dass unsere Geschäftsführung mit Aki Watzke an der Spitze dieses Szenario schon durchgespielt hat und ein entsprechendes Konzept entworfen hat. Es sind alles verantwortungsbewusste Kaufleute, die sich Gedanken machen und so die Basis dafür legen, dass die Situation gemeistert wird.

Es war ein Wagnis, den in der Bundesliga unerfahrenen Edin Terzic als Nachfolger von Lucien Favre zu nominieren. Wie bewerten Sie seine Arbeit?

Edin macht einen guten Job, hat sich als junger Trainer bisher mehr als gut verkauft. Das haben die Spiele gegen Manchester gezeigt. Bis zum Schlusspfiff hat er das Team nach vorne gepeitscht und von außen motiviert, überdies hat er bewiesen, dass er eine Truppe taktisch gut einstellen kann.

Bei allem Lob für ihn, Terzic ist nur eine Übergangslösung. Da Marco Rose verpflichtet wurde, rückt er in die zweite Reihe zurück. Was halten Sie von Rose?

Eine gute Wahl, ich muss mich nun outen: Ich bin ein klarer Rose-Fan, nicht nur, weil er in seinem ganzen Auftreten ein sympathischer und freundlicher Mensch ist. Ich habe seine Arbeit in Mönchengladbach bewundert. Und ich freue mich sehr, dass er nun zu uns kommt.

Was halten Sie davon, dass er eine Ausstiegsklausel besitzt und die Borussia nun eine Ablöse zahlen muss?

Vertrag ist nun mal Vertrag. Die Klausel existiert, also ist es nicht verwerflich, dass sie genutzt wird. Übrigens ist es keine völlige Neuerung im Profifußball, bei den Profis schon seit langer Zeit gang und gäbe. Und bei den Trainern wird es nun auch immer mehr praktiziert.

Lassen Sie uns über die Jungstars in Dortmund reden! Beginnen wir mit dem Torschützen vom Mittwoch, mit Jude Bellingham . . .

. . . ein unfassbarer Spieler, erst 17 Jahre jung. Was der schon drauf hat und leistet, ist phänomenal. In der Pressekonferenz hat Pep Guardiola doch von nichts anderem gesprochen, er hat nur von Bellingham geschwärmt. Die ganze Geschichte erinnert mich an 2009, als Mario Götze auf der Bildfläche erschien.

Werder Bremen gegen den BVB - Norbert Dickel: „Erling Haaland ist eine Granate“

Mit Erling Haaland steht ein weiterer Hochbegabter im Kader. Kann Dortmund diesen exzellenten Torjäger halten?

Ich hoffe es. Haaland ist eine Granate, ein Supertalent – ebenso wie beispielsweise Jadon Sancho und Giovanni Reyna. Naturgemäß sind solche Spieler der Extraklasse bei anderen internationalen Spitzenclubs begehrt. Ich gebe mich nicht mehr der Illusion hin, dass Sie auf Dauer in Dortmund bleiben. Unter gewissen Voraussetzungen werden sie abwandern.

Hat Dortmund in gewisser Weise Werder Bremen abgelöst als Verein, in dem sich die Talente entwickeln und den nächsten Schritt machen können?

Das weiß ich nicht. Vergleiche fallen da immer schwer. Werder war früher bekannt dafür, Könner wie beispielsweise Klose, Diego und Özil zu holen, die wenig später teuer ins Ausland verkauft worden sind. Die Borussia setzt nun auf entwicklungsfähige Spieler, gerade in den letzten Spielzeiten.

Werder konnte zuletzt einige Achtungserfolge gegen Dortmund verbuchen. Ist Werder der Angstgegner der Borussia?

Angstgegner sind für mich schon andere Mannschaften. Und für mich persönlich trifft es nun mal gar nicht zu. Ich verbinde mit Bremen nicht Niederlagen, sondern Triumphe.

Sie meinen vor allem das Spiel Ihres Lebens, als Sie mit Ihren beiden Toren im Pokalfinale gegen Werder der Held beim 4:1-Sieg waren.

Werder spielt seitdem eine wesentliche Rolle in meinem Leben: Ich mag einfach diesen Verein. Ein toller und liebenswerter Club, zu dem ich schon immer einen besonderen Draht hatte. Zu Zeiten von Klaus Allofs haben wir viele gemeinsame Aktionen gestartet, gerade was die soziale Arbeit angeht. Ich verfolge Werder sehr intensiv, weitaus mehr als andere Bundesligisten. Bremen ist mir nicht gleichgültig.

Wie sehen Sie die Entwicklung Werders im letzten Jahrzehnt?

Auch wenn zuletzt die Erfolge ausgeblieben sind, Bremen ist für mich in der Bundesliga gesetzt. Viele Fans verbinden mit der höchsten Spielklasse den Namen Werder. Dieses Flair des Weserstadions sowie die begeisterungsfähige Anhängerschaft – das ist ein Lebensgefühl in Grün und Weiß.

BVB-Legende Norbert Dickel überzeugt: „Mit Sicherheit schafft Werder Bremen den Klassenerhalt“

Schafft Werder erneut den Klassenerhalt?

Mit Sicherheit bleiben sie drin. Ohne Wenn und Aber erwarte ich das.

Welcher Werder-Profi könnte ein interessanter Spieler für die Borussia sein – eventuell ein Milot Rashica?

Rashica ist sicherlich ein Spieler, der Begehrlichkeiten bei anderen Clubs weckt. Auch ein Maximilian Eggestein oder ein Ludwig Augustinsson zählen zu dieser Kategorie.

Trainer Florian Kohfeldt galt schon mal als Kandidat in Dortmund. Sein guter Ruf als großer Aufsteiger in der Branche mag ein wenig gelitten haben. Wie beurteilen Sie seine Entwicklung?

Ich bin gut befreundet mit Arnd Zeigler, dem TV-Journalisten und Stadionsprecher in Bremen. Er singt mir immer wieder das hohe Lied von Kohfeldt vor. Auch ich sehe Kohfeldt positiv und finde, dass er ein außergewöhnlicher Trainer ist. Er macht einen sympathischen Eindruck. Ich werde seine Entwicklung aufmerksam verfolgen.

Wer siegt am Sonntag – Außenseiter Werder Bremen oder Favorit Borussia Dortmund?

Alles, was ich über Werder gesagt habe, entspringt meiner vollen Überzeugung. Ich wünsche Werder viel Glück, wünsche dem Verein im Abstiegskampf das Allerbeste. Einzige Ausnahme: Am Sonntag müssen die lieben Bremer etwas zurückstecken, damit wir Erfolg haben und nicht nachlassen bei unserer Aufholjagd. Und wer weiß, vielleicht gibt es im Pokal ein baldiges Wiedersehen. Ich wünsche mir die Neuauflage von 1989: ein Finale Werder gegen Borussia. 

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