Taktische Analyse zum 103. Nordderby

Skripniks Mut endet im Fiasko

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Werder-Coach Viktor Skripnik

Bremen – Von Michael Baltes. Werder-Coach Viktor Skripnik hat im Nordderby gegen den Hamburger SV alles auf eine Karte gesetzt. Die Offensive. Mit zwei Stürmern sollten die Gäste von der Elbe geknackt werden. Der Plan ist schiefgegangen. Eine Analyse.

Dass Viktor Skripnik kein Freund von destruktivem Defensivfußball ist, ist unlängst bekannt. Der Ukrainer ist im vergangenen Herbst in Bremen angetreten, um die Spielweise der Grün-Weißen weiterzuentwickeln. Das Ziel: Attraktiver, selbstbewusster Offensivfußball. "Es bringt keinem etwas, wenn man sich 90 Minuten hinten reinstellt", formulierte es Skripnik einst.

Das 103. Nordderby hat nun aber einmal mehr gezeigt, dass Werder momentan nicht in der Lage ist, attraktiven Offensivfußball zu spielen.

Der Versuch, den HSV mit einem mutigen 4:4:2 in die Knie zu zwingen, ist in einem Fiasko geendet. Besonders die erste Halbzeit erinnerte an den blutleeren und ideenlosen Auftritt in Wolfsburg, wo die Grün-Weißen eine Woche zuvor 0:6 unter die Räder gekommen waren. Gegen den VfL hatte Skripnik dabei zunächst noch auf eine defensive 4:1:4:1-Grundausrichtung gesetzt – zur Halbzeit beim Stand von 0:2 dann aber auf 4:4:2 umgestellt. Die Folge: Werder brach im zweiten Durchgang völlig auseinander und wurde regelrecht vorgeführt. Dass Skripnik gegen den HSV trotzdem wieder auf eben dieses 4:4:2-System setzte und mit Anthony Ujah und Claudio Pizarro eine Doppelspitze aufbot, zeugt davon, dass der Coach weiter an die spielerische Qualität seiner Mannschaft glaubt, hat aber dennoch überrascht. Statt das Mittelfeld mit einem zusätzlichen Spieler zu stärken, setzte Skripnik voll auf die Karte Angriff.

Im Nachhinein ein Fehler. Denn ein entscheidender Grund für Werders Unterlegenheit am Samstag war Hamburgs Überzahl im Mittelfeld: Bruno Labaddia hatte sein Team mit einer 4:3:2:1-Taktik aufs Feld geschickt – und damit ein perfektes System gegen Werders 4:4:2 gefunden. Den Hamburgern spielte dabei in die Karten, dass Werders Stürmer in der Rückwärtsbewegung und im Pressing gegen den Ball schwach agierten – und das eigene Mittelfeld in der Defensivarbeit so nicht entlasteten. Die Folge: Der HSV hatte gerade in der ersten Halbzeit im Spielaufbau und im Mittelfeld wenig Mühe, Anspielstationen zu finden und die Partie phasenweise mit Passstafetten über zehn bis 15 Stationen zu kontrollieren.

Einzelkritik nach dem Nordderby

Auf der Gegenseite fehlte es den Bremern genau an diesen Anspielstationen im Spielaufbau und Mittelfeld. Die Bindung zwischen den einzelnen Mannschaftsteilen war dabei wie so häufig in dieser Saison kaum vorhanden. Die Bremer benötigen dringend einen Taktgeber im Mittelfeld, der in der Lage ist, das Spiel der Grün-Weißen zu lenken. Eine Rolle, mit der Zlatko Junuzovic aktuell überfordert ist. Die Konsequenz – auch gegen den HSV: Immer wieder wurde es in der Spieleröffnung mit langen Bällen probiert, die meist postwendend zurückkamen. Aber auch Flachpässe - selbst über wenige Meter - fanden oftmals keinen Abnehmer in den eigenen Reihen und eröffneten den Gästen so wiederum Möglichkeiten für ein schnelles Umschaltspiel, was die Hamburger geschickt nutzten.

Bei Ballgewinn schwärmten die Offensivspieler des HSV in höchstem Tempo aus. "Wir wussten, dass Werders Innenverteidiger sehr hoch stehen und riesige Räume zulassen. Das haben wir sehr gut genutzt", sagte Nicolai Müller dem Hamburger Abendblatt. Michael Gregoritsch hätte nach einem dieser Blitzangriffe schon frühzeitig das 2:0 erzielen können, scheiterte aber an einer starken Parade von Werder-Keeper Felix Wiedwald. Besser machte es Müller, der in der zweiten Halbzeit nach einem Freistoß der Bremer einen Konter zum 3:1-Endstand vollendete.

Skripnik verzichtet auf der Bank auf Stürmer

„Wir müssen wieder zurück zu der Kompaktheit wie in den Spielen gegen Bayern und Dortmund“, sagte Junuzovic nach der Pleite im Derby. Genau das scheint in der derzeitigen Verfassung, in der sich Werder befindet, der einzig richtige Schritt. Werder braucht eine verlässliche Taktik, die auch über mehrere Spiele bestand hat. Und auch wenn es Skripnik nicht gefallen wird – das defensive 4:1:4:1-System, was Werder zuletzt einige Male praktiziert hat, kann diese Taktik sein. Für eine offensivere Ausrichtung, mit der der Gegner dominiert werden kann, fehlen den Grün-Weißen die Mittel – und vor allem aktuell auch das nötige Selbstbewusstsein.

Abgesehen von der Taktik überraschte Skripnik am Samstag mit einer weiteren Entscheidung: Der Werder-Coach verzichtete darauf, einen echten Stürmer wie beispielsweise Melvyn Lorenzen als Reserve auf die Bank zu nehmen. Pizarro verfügt zwar inzwischen über einen deutlich besseren Fitnessstand als direkt nach seiner Rückkehr nach Bremen – Luft für 90 Minuten hat der Peruaner aber eben noch nicht. Bei einer eigenen Führung wäre Skripniks Plan möglicherweise aufgegangen. So fehlte es dem 46-Jährigen nach dem 0:2-Pausenrückstand, beziehungsweise dem Treffer zum 1:3 in der 68. Minute, an den nötigen Alternativen, um Werders Angriffsspiel neue Impulse zu verleihen.

Skripnik selbst sieht das nicht so. Er habe mit Fin Bartels und Levin Öztunali durchaus noch über Alternativen im Sturmzentrum verfügt, argumentierte der Coach nach dem Spiel. Bartels, der in der Startelf stand, zeigte allerdings ein schwaches Spiel. Und auch Öztunali, der in der 77. Minute für Pizarro eingewechselt wurde, konnte als Joker erneut nicht überzeugen.

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