Erleichterung nach Sieg gegen Würzburg

„Wir sind da, wenn es darauf ankommt“

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Wer lächelt beim Jubel über den Treffer zum 1:0 am meisten? Natürlich Torschütze Milos Veljkovic, dem ein unabsichtlicher Kunstschuss gelungen war.

Offenbach/Bremen - Von der Angst zur Euphorie ist es manchmal nur ein ganz kleiner Schritt. Er kann nicht immer in Metern gemessen werden, manchmal besser in Minuten oder Toren.

Für die Fans von Werder Bremen lagen am Samstagabend exakt 90 Minuten und drei Tore zwischen dem Negativtraum eines erneuten Scheiterns in der ersten Runde des DFB-Pokals und dem Positivtraum vom Gewinn des Potts. Sie sangen schon vom Europapokal, den der Finalsieg in Berlin mit sich bringen würde. Dabei hatte ihr Team gerade mal Runde eins gemeistert. Mit 3:0 (0:0) hatten die Bremer den Drittligisten Würzburger Kickers besiegt, und die Erleichterung darüber war allenthalben spürbar.

Eggestein: „Wir sind sehr glücklich"

Dass sie bei den mehr als 4 000 grün-weißen Fans sogar ein bisschen überschwappte, wollte Maximilian Eggestein, Schütze des dritten Werder-Treffers, gar nicht mitbekommen haben. Europapokal-Gesänge? „Ach echt?“, lachte er und ging selbst freilich nicht so weit. Aber dass ihm durch den letztlich souveränen Erfolg eine ziemliche Last genommen worden war, konnte er nicht verheimlichen. „Wir sind sehr glücklich. Man hofft immer, dass man gut in die Saison startet. Denn wir wissen ja, wie das in den vergangenen Jahren war...“

Alle wussten das. Viermal war Werder in den sechs Jahren zuvor nämlich gar nicht gut aus den Startlöchern gekommen, war viermal an einem Drittligisten gescheitert. Dass diese Historie gegen Würzburg mitspielte – für Eggestein nur logisch: „Natürlich macht man sich darüber Gedanken. Aber man darf es nicht so ganz an sich heranlassen, sonst lähmt das nur.“

Dieses Nicht-an-sich-ranlassen hat Werder gegen Würzburg ganz gut hinbekommen. Nicht, dass die Leistung in allen Belangen überzeugend gewesen wäre, aber bis auf einen Pfostenschuss durch Emanuel Taffertshofer (45.) gönnten die Bremer dem Gegner aus Liga drei keine Spur Hoffnung auf eine Pokal-Überraschung. „Wir haben das Spiel von der ersten Minute an kontrolliert. Der Gegner hat tief gestanden und auf unsere Fehler gewartet. Aber wir hatten eine gute Struktur, haben kaum etwas zugelassen. Mit den Abläufen bin ich sehr zufrieden“, bilanzierte Coach Alexander Nouri den geglückten Saison-Auftakt.

Allerdings: Ein Geduldsspiel war es auch gewesen. Eine Halbzeit lang verhakten sich die Bremer immer wieder in der tiefstehenden und dichtgestaffelten Würzburger Abwehr. Bis eine Flanke von Milos Veljkovic lang und länger wurde und schließlich ins Würzburger Tor fiel. „So einen Dosenöffner brauchst du dann auch mal“, meinte Mittelfeldmann Jerome Gondorf.

Gondorf: „Ziel erfüllt“

Mit der Führung war der Druck raus, Werder spielte befreiter, Würzburg brach zusammen. Max Kruse (74.) und Maxi Eggestein (77.) sorgten für das glatte Ergebnis. „Ziel erfüllt“, stellte Gondorf zufrieden fest. Und der Blick geht nun Richtung Samstag, wenn es mit dem Auswärtsspiel gegen 1899 Hoffenheim in der Bundesliga losgeht. Mit einem „guten Gefühl“ könne das Team diese Aufgabe angehen, so Gondorf: „Wir haben uns das Erfolgserlebnis im Pokal geholt, das war wichtig.“ 

Die Psyche hat ihre Streicheleinheit also bekommen. Nun brauche die Physis noch den letzten Kick, meinte Max Kruse: „Wir stehen vielleicht bei 80, 90 Prozent. Die restlichen Prozente müssen wir uns jetzt in der Trainingswoche holen.“

Die Gefahr, dass Werder – ähnlich wie im vergangenen Jahr – in der Liga einen Fehlstart hinlegt, ist zwar durch den Pflichtsieg im Pokal nicht gebannt, der Glaube an gute erste Ergebnisse ist aber gewachsen. Siehe Alexander Nouri: „Wir haben gezeigt, dass wir da sind, wenn es darauf ankommt. Wir können optimistisch in die nächsten Spiele gehen.“

Einzelkritik: Pavlenka wackelt kurz, Augustinsson überzeugt

Jiri Pavlenka
Jiri Pavlenka: Pflichtspiel-Premiere für Werder. Pavlenka begann mit einer unsouveränen Faustabwehr, leistete sich in der Folge bei den meist wenig anspruchsvollen Prüfungen keinen weiteren Wackler mehr. Note 3 © nordphoto
Robert Bauer
Robert Bauer: Wie erwartet übernahm er den Part rechts in der Dreierkette. Hatte dort wenig Probleme. Note 3 © nordphoto
Lamine Sane
Lamine Sane: Bis kurz vor dem Halbzeitpfiff erfüllte er solide seine Pflicht, dann verlor er kurz die Übersicht, was Würzburg die Top-Chance durch Taffertshofer (Pfosten/45.) ermöglichte. Note 3,5 © Gumz
Milos Veljkovic
Milos Veljkovic: Gewollt oder nicht? Egal, Hauptsache drin! Mit einem Schuss, der irgendwo zwischen Kunststück und verunglückter Flanke anzusiedeln war, erzielte der Innenverteidiger das erste Werder-Tor der Saison. Seine eigentliche Aufgabe als linker Mann der Dreierkette erledigte er unaufgeregt. Note 2,5 © nordphoto
Maximilian Eggestein
Maximilian Eggestein: Als Abräumer gut, allerdings hätte sich der gelernte Zehner beim 50 Minuten dauernden Geduldsspiel bis zur Führung mehr zutrauen dürfen. Spielte zu oft nur Sicherheitspässe. Nach Bargfredes Einwechslung rückte Eggestein etwas nach vorne und nutzte die Auflösungserscheinungen in Würzburgs Hintermannschaft abgebrüht zum 3:0. Note 2,5 © Gumz
Theodor Gebre Selassie
Theodor Gebre Selassie: Von Defensivaufgaben weitgehend unbehelligt durfte sich Gebre Selassie lange nach Herzenslust ins Offensivspiel einschalten. Zwar nutzte er das nicht zu einem Flankengewitter von rechts, aber Gebre Selassie wurde zu Bremens gefährlichstem Stürmer. Drei gute Chancen hatte er – mindestens die nach Flanke von Augustinsson hätte er verwerten müssen (38.). Note 2,5 © dpa
Ludwig Augustinsson
Ludwig Augustinsson (bis 87.): Auch er stand zum ersten Mal bei einem Pflichtspiel für Werder auf dem Platz. Und es lässt sich sagen: Das wird was mit dem Schweden! Augustinsson hielt konsequent seine Position auf links, bekam viele Bälle und schlug gefährliche Flanken. Note 2 © imago
Jerome Gondorf
Jerome Gondorf (bis 63.): Auf der Taktiktafel hatte man ihn auf der rechten Halbposition erwartet. In der Realität spielte Neuzugang Gondorf bei Ballbesitz oft Stürmer, agierte auf einer Linie mit Kainz. Dass diese Rolle zu ihm passt, darf jedoch bezweifelt werden. Note 3,5 © Gumz
Thomas Delaney
Thomas Delaney: Kein überzeugendes Spiel des Dänen, der Werder erstmals als Kapitän aufs Feld führte. Insgesamt nicht mit der Präsenz und der Bindung zum Spiel, wie es von ihm erwartet wird. Note 3,5 © nordphoto
Florian Kainz
Florian Kainz (bis 79.): Er lief viel, war bemüht, holte sich die Bälle. Aber Offensiv-Akzente? Die blieben lange aus. Erst als Werder mit der Führung im Rücken mehr Raum bekam, hatte auch Kainz auffällige Aktionen. Die beste war die Maßflanke auf Kruse, die das Spiel entschied. Note 3 © Gumz
Max Kruse
Max Kruse: Er lief bei Weitem nicht so viel wie Kainz, spielte auch nicht auf vorderster Linie, sondern ließ sich häufig ein paar Meter nach hinten fallen oder wich auf die linke Seite aus. Dann schlich er sich doch in die Mitte und nickte nach Kainz-Vorarbeit zum 2:0 ein. Gewiss nicht der Fitteste, aber mit sicherem Instinkt für die Situationen. Note 2,5 © Gumz
Philipp Bargfrede
Philipp Bargfrede (ab 63.): Kam für Gondorf und agierte deutlich defensiver. Note - © nordphoto (Archivfoto)
Johannes Eggestein
Johannes Eggestein (ab 79.): Zurück im Kreis der Profis! Zuletzt hatte der 18-Jährige vor einem Jahr bei der Pokal-Blamage gegen Lotte im Bundesliga-Team mitgewirkt. Die elf Minuten gegen Würzburg markieren für ihn also einen Neuanfang. © nordphoto (Archivfoto)
Ulisses Garcia
Ulisses Garcia (ab 87.): Noch ein Kurzeinsatz für den Schweizer. Note - © nordphoto (Archivfoto)

Quelle: DeichStube

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