Konfuse Aufstellung, konfuse Leistung: Werder in Gladbach lange desolat

Ist Skripnik jetzt noch zu halten?

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Werder-Coach Viktor Skripnik

Aus Mönchengladbach berichtet Carsten Sander. Geht’s noch schlimmer? Mit einer 1:4 (0:4)-Pleite bei Borussia Mönchengladbach hat Werder Bremen den (vorläufigen?) Tiefpunkt unter der Regie von Trainer Viktor Skripnik erreicht.

Dass der 46-Jährige, der bislang die Rückendeckung von Aufsichtsratschef Marco Bode und Geschäftsführer Frank Baumann genoss, nach der in Halbzeit eins gezeigten Leistung seines Teams noch zu halten ist, muss absolut bezweifelt werden. Zudem ist Werder erstmals in seiner Club-Geschichte mit vier Niederlagen am Stück in eine Saison gestartet. Die Bilanz nach drei Ligaspielen mit null Punkten und 2:12 Toren ist niederschmetternd.

Skripnik trug seinen Teil zu der entlarvend schlechten Leistung mit seiner Aufstellung bei. Die war ein konfuses Konstrukt aus Reaktionen auf die lange Verletztenliste, aus Entscheidungen, deren Sinn sich auch bei längerem Nachdenken nicht erschließen wollte und aus einem Torwartwechsel, den Trainer Viktor Skripnik in den vergangenen Tagen noch ausgeschlossen hatte, den er dann aber doch vollzog. Statt des vor der Saison zur klaren Nummer eins erklärten Felix Wiedwald spielte plötzlich Jaroslav Drobny – es war der erste Pflichtspieleinsatz im Bremer Trikot für den vom HSV geholten 36-Jährigen.

Diese Personalie birgt gleich in mehrfacher Hinsicht Zündstoff. Erstens: Einem Torhüter erst das Vertrauen auszusprechen (wie nach dem 1:2 gegen Augsburg durch Skripnik geschehen), dann aber doch abzuservieren, ist nicht die feine Art. Für Skripnik jedoch normal. Auf die gleiche Weise hatte er in der vergangenen Saison Raphael Wolf gegen Koen Casteels getauscht. In beiden Fällen hatte er bewusst die Unwahrheit gesagt. „Wir wollten das Thema intern behandeln“, erklärte Skripnik den Tausch zwischen den Pfosten. Dass Wiedwald, der sich noch für das Vertrauen des Trainers bedankt hatte, nun nachhaltig beschädigt ist, ist klar. Bei Sky zeigte sich Ex-Nationalspieler Christoph Metzelder über den von Skripnik gepflegten Stil einigermaßen entsetzt: „So geht man nicht mit einem Spieler um.“

Der Torwarttausch war aber nicht die einzige Merkwürdigkeit in Skripniks Startelf. In Ulisses Garcia – unlängst noch in die U23 verschoben – bot er im vierten Pflichtspiel der Saison den vierten Linksverteidiger auf. Robert Bauer rückte dafür ins Mittelfeld vor. Und auf einen echten Stürmer verzichtete Skripnik gleich ganz. Während Aron Johannsson und Lennart Thy auf der Bank saßen, musste sich Mittelfeldmann Zlatko Junuzovic als Spitze versuchen.

Hazard und Raffael schocken Werder

Wer jetzt denkt, dass bei dieser vogelwilden Aufstellung nur eine vogelwilde Leistung herauskommen kann, liegt goldrichtig. Werder begann unterirdisch. Mit einem schlimmen Fehlpass schenkte Fallou Diagne (rückte für den verletzten Luca Caldirola in die Innenverteidigung) den Gladbachern die erste Top-Chance, die Thorgan Hazard noch nicht nutzte (6.). Fünf Minuten später kam Hazard aber wieder völlig frei zum Abschluss und traf – 1:0 für die Borussia, die absolut leichtes Spiel hatte mit Skripniks zusammengewürfelter, konfuser Truppe.

20 Minuten und elf Sekunden waren erst gespielt, als es schon 3:0 stand für den Champions-League-Club, der nach Niederlagen gegen den SC Freiburg (1:3) und Manchester City (0:4) eigentlich als angezählt galt. Es trafen erneut Hazard, der Fallou Diagne nach einem langen Ball des Ex-Bremers Jannik Vestergaard (stand erstmals in der Liga in der Gladbacher Startelf) einfach davongelaufen war (17.), und Raffael per Elfmeter. Der war nur zustande gekommen, weil Theodor Gebre Selassie im eigenen Strafraum Mitspieler Diagne angeschossen hatte, Drobny holte anschließend Lars Stindl von den Beinen. Es war, um es deutlich zu sagen, Bremer Fußball-Slapstick nicht nur auf dem Aufstellungsbogen, sondern auch auf dem Platz.

Bis zur Pause rettete noch Lamine Sane vor Raffael (29.) und parierte Drobny gegen Fabian Johnson (39.), ehe Raffael unbedrängt per Schuss aus der Drehung auf 4:0 erhöhte (41.). Kurz danach schlichen elf Bremer nach einer der miserabelsten und peinlichsten Halbzeiten der Club-Geschichte in die Kabine.

Die Reaktion darauf sah so aus: Werder wechselte vom 4-2-3-1 zum 4-1-4-1. Stürmer Johannsson kam, Junuzovic rückte ins Mittelfeld, Grillitsch dafür auf die Sechser-Position. Zudem tauschten Robert Bauer und Ulisses Garcia die Plätze, in der Innenverteidigung ersetzte Niklas Moisander den überfordertern Diagne. Kapitän Clemens Fritz blieb in der Kabine. Und „worum.org“ ergänzte auf Twitter die Meldungen von den Auswechslungen um den durchaus berechtigten Zusatz: „Kein Trainerwechsel.“ Viktor Skripnik kam zurück auf die Bank und sah fortan ein Bremer Team, das sich zusammenriss, stabiler wirkte und durch Sambou Yatabare (55.), Ulisses Garcia (69.) und Johannsson (71.) zu echten Chancen kam (55.).

Die Borussia schaltete allerdings auch merklich zurück, was schließlich Serge Gnabry zu seinem ersten Bundesliga-Tor und damit auch zum Bremer Ehrentreffer nutzte (73.). Die Bremer Ehre war dennoch nicht mehr zu retten. Negativer Abschluss: die Rote Karte für Johannsson, der vermutlich Schiedsrichter Tobias Stieler beleidigt hatte. Johannsson wird Werder damit in den Heimspielen der Englischen Woche gegen Mainz 05 (Mittwoch, 20.00 Uhr und VfL Wolfsburg (Samstag, 18.30 Uhr)) fehlen. Ob das noch ein Problem für Viktor Skripnik oder schon für seinen Nachfolger sein wird, ist die Frage, auf die Werder-Geschäftsführung jetzt eine Antwort finden muss.

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