Werders Co-Trainer Kohfeldt schwärmt vom nächsten Gegner, „aber die weiße Fahne ist nicht gehisst“

„Das Spiel der Bayern ist komplett“

+
Werders Co-Trainer Florian Kohfeldt kann genau erklären, warum die Bayern im Moment unschlagbar sind und wie sich sein Team entwickelt hat.

Bremen - Florian Kohfeldt ist der Analytiker, der Taktiker im Trainerteam von Werders Chefcoach Viktor Skripnik. Jeder Gegner wird vom 33-Jährigen genau seziert und nach Schwächen untersucht.

Beim FC Bayern eine besonders schwere Aufgabe, sagt Kohfeldt und schwärmt vom nächsten Gast im Weserstadion: „Das Spiel der Bayern ist komplett.“ Doch Kohfeldt erstarrt deshalb nicht in Ehrfurcht, er glaubt am Samstag an eine Chance für sein Team und das Ende der Negativserie. Im Interview erklärt er die Bayern-Übermacht. Der Fußballlehrer beschreibt aber auch, wo sich Werder im ersten Jahr unter dem neuen Trainerteam verbessert hat.

Herr Kohfeldt, wieviele Partien des FC Bayern haben Sie sich in der Länderspielpause auf Video schon angeschaut?

Florian Kohfeldt: Drei.

Ist das viel oder wenig?

Kohfeldt: Das ist normal. Wir gucken meistens drei Spiele des nächsten Gegners, es müssen aber nicht dessen letzte drei Partien sein.

Nach welchen Kriterien werden die ausgesucht?

Kohfeldt: Natürlich zählt die Aktualität. Aber es gibt auch Mannschaften in der Liga, die uns ähneln. Wenn die schon gegen unseren nächsten Gegner gespielt haben, guckt man sich diese Partien an.

Welche Mannschaft ist Werder ähnlich?

Kohfeldt: Wir versuchen schon oft, ein sehr hohes Pressing zu spielen – so wie es gegen Mönchengladbach gut zu sehen und auch erfolgreich war. Da gibt es schon einige Mannschaften, die ähnlich agieren.

Muss man gegen den FC Bayern umdenken, weil man gegen diese Übermannschaft gar kein hohes Pressing spielen kann?

Kohfeldt: Bayern ist immer ein Sonderfall, weil es momentan einfach die beste Mannschaft der Welt ist. Da wird jede Idee, die man entwickelt, wahrscheinlich einen Schwachpunkt haben. Nehmen wir das hohe Pressing: Dann gibt man dem Gegner beispielsweise viel Raum hinter den Ketten – und den können schnelle Spieler wie Douglas Costa nutzen.

Schauen Sie die Spiele live im Stadion und auf Video?

Kohfeldt: Beides – wie es passt. Die eigentliche Analyse erfolgt dann per Video. Das sind aber nicht die Fernseh-Übertragungen.

Sondern?

Kohfeldt: Das sind Aufnahmen einer Spezialfirma, die an jedem Stadiondach Kameras installiert hat. Da gibt es keinen Zoom, die Aufnahmen zeigen das gesamte Spielfeld. Uns interessiert ja nicht der Gesichtsausdruck eines Spielers, sondern zum Beispiel wo der rechte Verteidiger hinläuft, wenn der Ball auf der linken Seite ist.

Wie lange dauert so eine Videoanalyse?

Kohfeldt: Rund sechs bis acht Stunden pro Spiel, dann hat man das rausgefiltert, was man braucht und später der Mannschaft zeigt. Aber das mache nicht nur ich, das teilen wir auf.

Warum sind die Münchner in dieser Saison unschlagbar?

Kohfeldt: Sie haben eine nahezu perfekte Mischung aus Ballbesitzphasen und extrem zielgerichtetem Offensivspiel, darin sind sie noch einen Tick stärker geworden. Sie haben Elemente vom Konterspiel drin, obwohl sie fast immer gegen tief stehende Gegner spielen. Aber ihnen gelingt es, sich Räume zu schaffen, wo sie dann extrem hohes Tempo gehen können.

Wie machen sie das?

Kohfeldt: Durch eine fast perfekte Spielverlagerung. Sie haben immer eine für Bundesliga-Verhältnisse hohe Anzahl von Spielern in Ballnähe. Das setzen nicht viele Mannschaften so um.

Warum?

Kohfeldt: Dahinter steckt das Selbstverständnis, dass man immer Lösungen findet. Jeder hat die absolute Ruhe. Normalerweise ist es durchaus gefährlich, wenn du sechs Mann in die Nähe des Balls bringst, dann fehlen dir woanders Spieler. Aber die Bayern machen das perfekt, lösen in dem Moment die Spielpositionen auf – und manchmal sogar die Spielrichtung. Das macht das Pressing so schwer, weil man dafür eine Richtung braucht. Dazu kommt: Ein Spieler steht immer total breit.

Was heißt breit?

Kohfeldt: Wenn der Ball rechts auf engem Raum zirkuliert, dann steht ganz links außen einer und wartet. Wenn sie den Gegner weit genug herausgelockt haben, gibt es die Spielverlagerung.

Ist dafür die große individuelle Klasse der Bayern verantwortlich – und deshalb kann Werder das nicht?

Kohfeldt: Es ist eine Kombination aus individueller Klasse und Spielidee, aber eben auch Selbstverständnis. Auch wir hatten diese Saison schon spielerische Elemente drin, wo man sich fragt: Warum kommen die nicht jedes Spiel? Aber da fehlt noch das Selbstverständnis. Bei den Bayern scheint jeder Spieler das Gefühl zu haben, ich löse diese Situation. Da ist keine Panik, keine Hektik, sondern Ruhe. Das Gefühl kannst du aber nur entwickeln, wenn du erfolgreich bist, und das sind die Bayern seit Jahren. Sie sind ja nicht nur offensivstark, sondern haben auch die Defensive richtig stark gemacht. Das Spiel der Bayern ist im Moment komplett.

Gibt es trotzdem eine Schwachstelle?

Kohfeldt: Ja, es gibt auch bei Bayern Räume, die man bespielen kann. Auch Bayern wird in dieser Saison Punkte lassen. Bei anderen Gegnern weiß man schon mal, was sie nicht mögen. So eine systematische Schwäche sehe ich bei den Bayern nicht.

Vergangene Saison hat Werder Pep Guardiola mit einer besonderen Taktik überrascht und zum Wechsel von der Dreier- auf die Viererkette gezwungen. Haben Sie sich schon etwas Neues ausgedacht?

Kohfeldt: Es ist nie schlecht, wenn der gegnerische Trainer erst mal gucken muss, was gerade passiert. Aber man darf nichts Verrücktes machen. Wir müssen immer auch daran denken, wo unsere Stärken sind, was uns Sicherheit gibt, welche Automatismen greifen. Das müssen wir auch gegen die Bayern in den Vordergrund stellen. Außerdem muss am Samstag vor allem eine Stärke zum Tragen kommen: Unsere Leidenschaft! Welchen Raum wir dann bespielen wollen, ist da erst mal zweitrangig.

Wie kann man den einzelnen Spieler vorbereiten – also zum Beispiel Theodor Gebre Selassie auf den pfeilschnellen Costa?

Kohfeldt: Die Spieler sind da professionell, die gucken sich selbst schon Videos an. Gegen Bayern weiß jeder, was auf ihn zukommt. Und mal ganz ehrlich: Wenn wir Theo 30 Videos von Costa zeigen, wird es für ihn nicht einfacher. Da muss man die Waage finden. Wir verlassen uns da auf Torsten Frings (ebenfalls Co-Trainer, Anm. d. Red.), der hat da durch seine Erfahrung als Profi – wie auch Viktor Skripnik und Christian Vander – ein sehr gutes Gefühl.

Lohnt es sich eigentlich, so viel in das Bayern-Spiel zu investieren? Nach vier Niederlagen am Stück wird wohl kaum gegen die Bayern die Wende kommen, selbst Sportchef Thomas Eichin kalkuliert null Punkte ein. Sollte man nicht den Blick weiter nach vorne richten und andere Baustellen bearbeiten?

Kohfeldt: Auf keinen Fall! Wir werden kein Bundesligaspiel abschenken. Das wollte Thomas Eichin damit auch nicht sagen, sondern Druck rausnehmen. Auch wenn ich hier die Bayern lobe, haben wir ganz gewiss noch nicht die weiße Fahne gehisst. Es würde auch gar nichts bringen, schon an Mainz zu denken, es kann doch noch so viel passieren.

Nach der Pleitenserie fragen viele: Hat sich Werder in dem Jahr unter dem neuen Trainerteam überhaupt weiterentwickelt? Können Sie das nachvollziehen?

Kohfeldt: Ich will jetzt die aktuellen Ergebnisse nicht schönreden, aber ich sehe schon eine positive Entwicklung.

Welche?

Kohfeldt: Nehmen wir das Hannover-Spiel. Da haben wir darüber geklagt, im letzten Drittel des Spielfelds nicht konsequent genug agiert zu haben, um Torchancen zu kreieren. Aber vor einem Jahr hätten wir gar nicht über das letzte Drittel gesprochen, da sind wir gar nicht so weit gekommen. Jetzt kommen wir besser ins Mittelfeld, zu Kombinationen und zu Ballbesitzphasen. Aber wir sind nun an dem Punkt: Was machen wir mit Ballbesitzphasen?

Das ist eine Gretchenfrage, denn mit weniger Ballbesitz war Werder in der vergangenen Saison oftmals erfolgreicher. Das ist längst das Erfolgsrezept vieler Mannschaften. Wäre dieser vermeintliche Rückschritt jetzt nicht sinnvoll, weil die eigene Stärke für einen erfolgreichen Umgang mit Ballbesitz nicht ausreicht?

Kohfeldt: Damit wird man sich auf Dauer nicht weiterentwickeln. Wir sind von unserer Idee überzeugt, sonst können wir die auch nicht vor der Mannschaft vertreten. Dazu gehört auch ein gutes Konterspiel, aber es darf sich nicht darauf beschränken. Wir müssen alle Facetten bedienen. Das gilt auch für die Defensive, da haben wir uns auch verbessert.

Ist der Druck jetzt anders als vor einem Jahr, als das Trainerteam die Mannschaft auf dem letzten Tabellenplatz übernommen hat?

Kohfeldt: Druck machen wir uns vor allem selbst, weil uns allen der Verein so am Herzen liegt. Wir kommen alle von hier. Das ist mein Verein. Für den werden wir alles geben. Und wir glauben an die Jungs und ihre Mentalität. Sie wollen und sie werden es auch bald wieder zeigen.

Was wäre für Sie am Samstag ein gutes Ergebnis?

Kohfeldt: Ein gutes Ergebnis ist immer, wenn man etwas mitnimmt.

kni

Mehr zum Thema:

Eröffnung der Klostermühle in Heiligenberg

Eröffnung der Klostermühle in Heiligenberg

Arnold Schwarzenegger fährt Elektro-Auto

Arnold Schwarzenegger fährt Elektro-Auto

Abschied von Roman Herzog: "Geschenk für unser Land"

Abschied von Roman Herzog: "Geschenk für unser Land"

Trotz Aus: Großartige Tage für Mischa Zverev in Melbourne

Trotz Aus: Großartige Tage für Mischa Zverev in Melbourne

Meistgelesene Artikel

Wiedwald wieder wichtig

Wiedwald wieder wichtig

Thanos Petsos zum FC Fulham?

Thanos Petsos zum FC Fulham?

Wenn die Kette pendelt: Nouris Defensiv-Konzept

Wenn die Kette pendelt: Nouris Defensiv-Konzept

"Hungrig auf Spielzeiten" - Florian Kainz will mehr

"Hungrig auf Spielzeiten" - Florian Kainz will mehr

Kommentare