Münchner sind verwundbar

Vorab-Taktik-Analyse: So kann Werder die Bayern schlagen

Florian Kohfeldt könnte die Bayern mit dem richtigen Plan und einer guten Umsetzung durch seine Mannschaft ärgern.
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Florian Kohfeldt könnte die Bayern mit dem richtigen Plan und einer guten Umsetzung durch seine Mannschaft ärgern.

Spiele gegen Bayern München endeten für Werder Bremer in den vergangenen Jahren oft mit einer Blamage. Doch aktuell sind die Bayern verwundbar wie lange nicht mehr. Unser Taktik-Kolumnist Tobias Escher analysiert die Schwachstellen des Rekordmeisters.

„München ist wie ein Zahnarztbesuch. Muss jeder mal hin. Kann ziemlich wehtun. Kann aber auch glimpflich ausgehen.“ Dieses Zitat von Ex-Werder-Verteidiger Sebastian Prödl wurde 2015 zum „Fußballspruch des Jahres“ gewählt. Keinen Termin scheuen Werder-Profis so sehr wie die Partien gegen den Rekordmeister. Der letzte Bremer Punktgewinn gegen die Bayern datiert vom 3. Spieltag der Saison 2010/11, damals trotzte Werder dem Rekordmeister ein 0:0 ab. Seitdem: 17 Pflichtspiel-Niederlagen bei 10:62 Toren.

Doch im Jahr 2018 bröckelt der bayrische Nimbus der Unbesiegbarkeit. Hertha, Freiburg, Augsburg, Düsseldorf: All diese vermeintlichen Außenseiter holten bereits Punkte gegen die Bayern. Ob dies auch Werder Bremen gelingt?

Eigentlich hat Trainer Niko Kovac an der Erfolgsformel der vergangenen Jahre wenig verändert. Noch immer spielen die Bayern eine Mischung aus 4-2-3-1- und 4-3-3-System, noch immer versuchen sie, ihre schnellen Dribbler auf den Flügeln mit Bällen zu füttern. Doch diese Formel ist in die Jahre gekommen – auch weil viele Spieler ihren Zenit bereits überschritten haben.

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Die Münchener Schwachstellen

Konkret haben die Bayern in dieser Saison mit zwei Problemen zu kämpfen: Sie dominieren das Zentrum nicht mehr so stark, wie dies in der Vergangenheit der Fall war. Bei Ballbesitz fehlen spielerische Impulse aus dem Zentrum. Der zuletzt verletzte Spielgestalter Thiago wurde schmerzlich vermisst. Oft müssen die Innenverteidiger bereits das Spiel über die Flügel suchen, da sich im Zentrum niemand anbietet. Das macht das Bayern-Spiel ausrechenbar. Die Flügel erlahmten in den vergangenen Wochen zusehends, auch weil den Außenstürmern der Bayern die Form fehlte.

Zweites Problem: Unter Kovac sollen die Mittelfeldspieler im Pressing weiter vorrücken. Das provoziert Lücken im zentralen Mittelfeld. Dadurch musste die Bayern-Verteidigung häufig in Eins-gegen-eins-Duelle gehen. Und diese verloren sie häufig – so wie vergangene Woche gegen Fortuna-Stürmer Dodi Lukebakio, der an den Verteidigern vorbeiflitzte und drei Tore erzielte. Die in die Jahre gekommene Innenverteidigung hat ihre liebe Mühe, wenn der Gegner Tiefenbälle hinter die Abwehr spielt.

Die Grafik zeigt die taktische Formation der Bayern.

Bayern gegen Benfica verbessert

Beim 5:1-Sieg gegen Benfica am Dienstagabend gelang es den Bayern, diese Probleme abzustellen. Einerseits hatte dies mit einer taktischen Maßnahme von Kovac zu tun: Er beorderte Joshua Kimmich und Leon Goretzka als Doppelsechs ins zentrale Mittelfeld, der zuletzt überfordert wirkende Javi Martinez musste auf die Bank. Mit dieser Ausrichtung sicherten die Bayern das zentrale Mittelfeld besser ab und hatten zugleich mehr Präsenz im Spielaufbau.

Andererseits lag die starke Bayern-Leistung an der Gala-Vorstellung von Franck Ribery und Arjen Robben. Sie erzielten drei der fünf Treffer. Ribery und Robben sorgten mit ihren Dribblings dafür, dass das Münchener Spiel nicht auf den Flügeln erlahmte. Dass sie zuletzt nur selten an ihren Gegenspielern vorbeikamen, war ein großes Problem des Bayern-Spiels.

Der FC Bayern: ein verschmiertes Gemälde

Harnik könnte Lukebakio imitieren

Dennoch: Am grundsätzlichen System der Bayern hat sich auch gegen Benfica nichts geändert. Somit dürfte Werders Marschroute klar sein: Defensiv müssen sie dafür sorgen, dass die Bayern früh auf den Flügel geleitet werden. Dort muss Werder Überzahlen herstellen, um Bayerns Flügeldribbler von ihren Mitspielern zu isolieren. Gladbach und Hertha machten dies zu früheren Zeitpunkten der Saison vor. Hertha (2:0-Sieg) setzte dazu auf ein kompaktes 4-4-2-System, Gladbach (3:0-Sieg) auf ein 4-5-1.

Der zweite Baustein muss ein schnelles Konterspiel sein. Martin Harnik könnte die Rolle von Fortunas Lukebakio imitieren: Als schneller Stoßstürmer lauerte er am Rande des Abseits, um ständig auf Verdacht hinter die Abwehr zu sprinten. Ebenso wichtig wird es aber sein, die eventuell entstehenden Räume hinter dem Münchener Mittelfeld anzuvisieren. Das klingt nach einer Aufgabe für Max Kruse. Auch Yuya Osako besitzt das nötige Raumgefühl, um als Zehner hinter der Spitze Harnik zu lauern.

Eine Umstellung für Werder

Für Werder dürfte das Spiel gegen die Bayern allerdings zunächst einmal eine Umstellung bedeuten. In elf ihrer bisherigen zwölf Bundesliga-Partien hatten die Bremer mehr Ballbesitz als der Gegner (Ausnahme: der 2:0-Sieg über Wolfsburg). Gegen die Bayern empfiehlt es sich nicht unbedingt, auf lange Ballbesitz-Phasen zu setzen. Bereits unter Jupp Heynckes haben sich die Bayern im Pressing verbessert, auch unter Kovac beherrschen sie schnelle Konter. Nur die wenigsten Gegner lassen diese Konter zu.

Florian Kohfeldt betonte jedoch im Vorfeld des Spiels, auch gegen die Bayern Ballbesitz-Phasen zu forcieren. Das kann funktionieren – wenn die Ballzirkulation stimmt und die Mannschaft die richtigen Räume anvisiert. Genau wie bei schnellen Konterangriffen zeigen sich die Bayern auch bei gegnerischem Spielaufbau anfällig in den Mittelfeld-Räumen. Wenn zwei von drei Mittelfeldspielern im Pressing weit vorrücken, muss ein Sechser häufig alleine den Raum vor der Abwehr sichern. Die Räume neben dem Sechser sind verwundbar.

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Gegen Bayern gewinnt man auch über die Laufstärke

Im Pressing können die Bayern jedoch allein mit ihrer individuellen Klasse punkten; auch gegen den Ball sind die Superstars zweikampfstärker als die meisten Bundesligisten. Kohfeldt möchte zwar, dass seine Spieler Eins-gegen-eins-Duelle nicht scheuen. Die Mannschaft täte jedoch gut daran, so häufig als möglich Überzahlen in Ballnähe zu schaffen; sei es nun mit oder ohne Ball. Spiele gegen Bayern gewinnt man deshalb auch immer über die Laufstärke.

Im Zweifel wird auch Kohfeldt auf die klassische Anti-Bayern-Taktik zurückgreifen. Kompakt stehen, Ball gewinnen, schnell über die Zwischenlinienräume kontern: Das ist aktuell der Königsweg im Spiel gegen die Bayern. Vielleicht fühlt sich das Spiel gegen die Bayern dann diesmal nicht an wie ein unangenehmer Zahnarzt-Besuch.

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