Rückendeckung mit Verspätung: Werder-Sportchef Eichin hält Plädoyer für Trainer Skripnik

Volle Kanne für Viktor

Alle auf einen: Werder-Sportchef Thomas Eichin hatte allerdings selbst die Medien gerufen, um der Öffentlichkeit zu erklären, warum Viktor Skripnik trotz enttäuschender Ergebnisse als Trainer weitermachen darf. - Foto: Gumz

Bremen - Von Björn Knips. Sieben Kameras und noch ein paar mehr Mikrofone: Thomas Eichin erlebte gestern Mittag einen medialen Andrang, den es sonst eigentlich nur bei Trainerentlassungen gibt. Dabei war genau das Gegenteil der Fall. Der Werder-Sportchef hatte die Medien gerufen, um seinem Coach Viktor Skripnik zwei Tage nach dem 1:2-Schock gegen Augsburg öffentlich das Vertrauen auszusprechen und damit seinen Schlingerkurs in der Trainerfrage zu beenden. Zumindest bis zum nächsten Spiel am Samstag gegen den VfL Wolfsburg.

„Wir haben dem Trainerteam heute noch mal signalisiert, dass wir volle Kanne hinter ihm stehen. Wir gehen mit ihnen in diese schwierige Zeit“, berichtete Eichin. Schon am Morgen hatte er Skripnik sowie die Co-Trainer Torsten Frings, Florian Kohfeldt und Christian Vander zu sich ins Büro im Weserstadion bestellt – und für jeden vom Osterdeich aus sichtbar eine Stunde lang mit Skripnik diskutiert. Draußen wurde sofort diskutiert, ob das nun der verspätete Rauswurf sei. Schließlich hatte Eichin tags zuvor auf eine Jobgarantie für Skripnik verzichtet.

Es folgte auch tatsächlich die Einladung zu einer Medienrunde, aber mitnichten der Rausschmiss. Eichin nutzte die selbst inszenierte „Gunst der Stunde“, wie er sagte, „um noch mal klar zu untermauern: Viktor und sein Trainerteam haben langfristige Verträge bei uns. Es gibt da überhaupt nichts zu interpretieren oder hinein zu spekulieren. Ich habe mit keinem anderen Trainer gesprochen.“

Gemeint war damit ein Bericht dieser Zeitung, wonach für Skripnik am Saisonende als Chefcoach Schluss ist und Werder längst einen Nachfolger sucht. Ein heißer Kandidat ist dabei Torsten Lieberknecht. Der Coach von Eintracht Braunschweig ließ prompt über seinen Club verkünden: „Da wissen die Medien mehr als ich.“ Lieberknecht steht bei den Niedersachsen noch bis 2017 unter Vertrag. Also genauso lange wie Skripnik in Bremen. „Vielleicht auch länger“, sagte Eichin zwar, fügte allerdings auch an: „Keiner weiß, wo die Reise hingeht. Es geht jetzt nur darum, die Liga zu halten – und um nichts anderes. Was im Juni, Juli oder August ist, interessiert im Moment keinen. Keinen Fan, mich nicht, die Mannschaft nicht.“ Was-wäre-wenn-Fragen – zum Beispiel zu den Folgen einer möglichen Pleite gegen Wolfsburg – zu beantworten, „das ist Unsinn und bringt nichts. Ich bin kein Prophet und weiß nicht, was die Zukunft bringt.“

Dafür weiß der Sportchef, dass die Clubverantwortlichen ihm vertrauen. „Aufsichtsrat und Geschäftsführung stehen voll hinter diesem Konzept und ziehen es so durch“, betonte der 49-Jährige. Alle für einen, also alle für Skripnik – auch die Mannschaft hatte sich pro Trainer geäußert. Es sei aber „völliger Unsinn“, dass ihn die Spieler davon abgehalten hätten, Skripnik zu feuern, stellte Eichin klar: „Über den Trainer entscheidet immer noch die Geschäftsführung – und nicht die Spieler. Wichtig war es für mich, von den Spielern zu hören, dass es keinen Riss zwischen Trainer und Team gibt.“

Eichin stellt sich hinter Skripnik wie selten zuvor

Noch wichtiger sei aber der Austausch mit Skripnik gewesen. Gerade nach dem Schock gegen Augsburg. Da wirkte der Ukrainer mit der Situation überfordert, fast schon am Ende mit seinen Kräften, verriet selbst, dass er im Saisonverlauf schon zwei Mal seinen Rücktritt angeboten habe. „Man verlangt immer von einem Trainer, dass er authentisch ist. Und man will keinen Trainer, der sich glänzend verkaufen kann“, befand Eichin: „Wir brauchen hier einen Trainer, der mitfiebert, der diese Stadt und Werder verkörpert. Das ist der Viktor ohne Punkt und Komma. Ja, Viktor ist angeschlagen nach Niederlagen. Das ist aber auch genau das, was wir hier sehen wollen. Dass er mitlebt und mitleidet.“ Er müsse dann aber auch wieder die Kurve kriegen, und „das hat Viktor immer wieder hervorragend hingekriegt – und das wird er auch diesmal wieder hinkriegen“, gab Eichin dann doch den Propheten.

Er stellte sich so sehr hinter Skripnik wie selten zuvor – und geriet beim Blick auf den Trainerstab geradezu ins Schwärmen: „Wir haben mit Torsten Frings eine Legende, die alles schon erlebt hat und den einzelnen Spielern unheimlich viel mitgeben kann. Wir haben in Florian Kohfeldt ein großes Trainertalent, Lehrgangsbester in seinem Jahrgang. Und wir haben in Christian Vander einen weiteren Top-Trainer. Ergänzt mit Viktor als Chef ist das für uns die optimale Version für Werder Bremen.“

Nur leider ist davon auf dem Platz – und vor allem in der Tabelle – nichts zu sehen. Werder steht auf dem Relegationsrang hat fünf Spieltage vor Schluss zwei Zähler Rückstand zum rettenden Ufer. „Das ist eine ganz komische Saison dieses Jahr“, urteilte Eichin: „Ich sehe bei uns im Team eine Entwicklung, aber wir haben ein Ergebnisproblem.“ Ein gewaltiges sogar – vor allem im Weserstadion, wo es bislang nur zwei Siege gab.

Und nun kommt der VfL Wolfsburg, der heute gegen Real Madrid ins Champions-League-Halbfinale einziehen kann. „Wir wollen Wolfsburg schlagen“, gab sich Eichin schon kämpferisch. Damit es klappt, wird es Veränderungen geben. Welche genau, das überlässt Eichin dem Trainerteam. Nur eine Neuerung verkündete der Sportchef dann doch schon selbst: „Wir werden diese Woche keine Medienarbeit leisten. Die Spieler sollen sich nicht darauf konzentrieren müssen, den Medien die richtigen Statements zu geben. Sowohl für den Trainer als auch die Spieler ist es momentan sehr, sehr schwierig, das Richtige zu sagen.“ Deswegen spricht ab sofort nur noch Eichin – notfalls auch vor sieben Kameras und noch mehr Mikrofonen.

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