Sanierer und Club-Meister im Bankdrücken

Voll ans Limit

+
Gut gelaunt zeigt Thomas Eichin auf das „W“, das sein (Berufs)Leben bestimmen wird. Das war bei Dienstantritt vor einem Jahr. Seither ist einiges passiert.

Bremen - Was Thomas Eichin morgen machen wird, wird sich vermutlich im Bereich „business as usual“ bewegen. Viel Büroarbeit, vielleicht kurz in den Kraftraum, möglicherweise sucht er auch noch den Kontakt zu seinem Ex-Club Borussia Mönchengladbach, der zum Bundesliga-Spiel am Samstag anreist.

Auf keinen Fall wird Thomas Eichin aber eine Sektflasche köpfen oder Raketen in den Himmel schießen. Denn dass er sein erstes Dienstjubiläum bei Werder Bremen feiert, bedeutet dem Sportchef „überhaupt nichts“.

Man muss den Tag ja auch nicht zwingend feiern. Aber er bietet sich an, zurückzublicken. Und zwar auf zwölf Monate, in denen Eichin einen Abstiegskampf überstanden hat. In denen er das Ende der Trainer-Ära Thomas Schaaf zunächst beschließen und dann auch erklären musste. In denen er zwar in Robin Dutt einen neuen Coach gefunden, aber keinen Aufschwung herbeigeführt hat. Und in denen er den Umbau des Kaders einläutete und zehn Abgänge mit sechs Neuverpflichtungen (inklusive Nils Petersen) beantwortete. Dabei gelang es ihm zwar, den Personaletat auf geschätzte 35 Millionen Euro deutlich zu senken, aber die Quadratur des Kreises hat auch Eichin nicht drauf. Billiger = besser? Das schaffte er nicht. Eichin gibt zu: „Wo ich noch nicht am Ende meiner Gedankengänge bin, ist, wie wir das Schiff Werder wieder in die richtige Richtung bringen.“

Nach einem Jahr mit ihm an den Schalthebeln befindet sich der Bremer Kader eben noch im Übergang vom teuren, aber erfolglosen Luxus-Team zur jungen, hungrigen Truppe mit Perspektive. Aber dieser Übergang, der sich aktuell wieder an der Kante zum Untergang bewegt, kostet Kraft. Ein Durchatmen wäre da schon mal erlaubt. Doch für den beim Eishockey-Club Kölner Haie durchs Stahlbad gegangenen Manager ist es trotz aller Reibungen, die eine sportliche Dauerkrise mit sich bringt, „ein normales Jahr“ gewesen: „Ich sage nicht: Wow, was war da los.“ Aber klar: „Das Jahr war intensiv, alles ging rasend schnell.“

Optisch hat die Zeit leichte Spuren hinterlassen. Grauer ist Thomas Eichin geworden. Aber deswegen wirkt er nicht minder dynamisch. Der Werder-Sportchef strahlt Power aus – und wer ihn einmal im kurzärmeligen T-Shirt gesehen hat, weiß, dass er auch welche hat. Jedenfalls im Arm. Ziemliche Muskelpakete türmen sich da auf. Eichin, so scherzen sie bei Werder, sei der inoffizielle Club-Meister im Bankdrücken. Der ehemalige Bundesliga-Profi lacht über den Titel und schwört: „Ich trainiere maximal dreimal die Woche für 20 Minuten im Kraftraum. Mehr Zeit habe ich ja gar nicht. Aber ich gehe dann voll ans Limit.“

Im Job auch. Thomas Eichin ist völlig klar, worauf er sich bei Werder eingelassen hat. Entweder schafft er es, quasi im laufenden Spielbetrieb eine Operation am offenen Herzen durchzuführen, oder der Club steigt ab. „Dann“, sagte der Vater von zwei erwachsenen Töchtern einst, „wäre ich natürlich gescheitert, dann hätte ich versagt“. Das Zitat zeigt schon, dass er hart gegen sich selbst ist.

Willi Lemke war auch nicht immer zimperlich in seinem Leben. Er mag offenbar Eichins Art, lobt seinen Nach-Nachfolger auf dem Bremer Managerposten für dessen erstes Jahr. „Thomas Eichin macht in einer ganz, ganz schwierigen Zeit einen super Job. Das Amt, das er übernommen hat, ist ganz kompliziert.“

Es wäre einfacher, sagt Eichin, wenn Werder sportlich nur einen Tick erfolgreicher wäre. „Mit vier, fünf Punkten mehr auf dem Konto, wäre es ruhiger. Dann würde niemand anzweifeln, ob der Weg, den wir gehen, der richtige ist. Die Abstiegsangst behindert uns“, meint der gebürtige Freiburger, den pünktlich zum Dienstjubiläum ein Thema seiner Bremer Anfangstage wieder einholt: die Trainerdiskussion. Thomas Schaaf mussten Eichin und Werder entlassen, weil die Zukunftsperspektive nicht mehr stimmte. Jetzt steht auch Robin Dutt in der Kritik. Doch Eichin stützt den Coach, den er mit ausgesucht hat, und fordert Geduld beim Neuaufbau der Mannschaft. Dabei ist er selbst einer, der es nicht so hat mit der Warterei. „Ich bin ein ungeduldiger Mensch, der am liebsten alles in rasender Geschwindigkeit erledigt haben möchte“, räumt Thomas Eichin ein. Aber bis er seinen Job, Werder sportlich und wirtschaftlich zu konsolidieren, erledigt hat, wird er wohl noch so manchen unbedeutenden Jahrestag als Sportchef erleben. · csa

Das könnte Sie auch interessieren

Mehr zum Thema:

Weniger Senioren und mehr Suiten: Flusskreuzfahrten-Trends

Weniger Senioren und mehr Suiten: Flusskreuzfahrten-Trends

Klappe zu, Hardtop tot: Cabrios setzen wieder aufs Stoffdach

Klappe zu, Hardtop tot: Cabrios setzen wieder aufs Stoffdach

Blubbernd und alkoholfrei: Kombucha selber machen

Blubbernd und alkoholfrei: Kombucha selber machen

Das sind die Luxus-Karren der Stars

Das sind die Luxus-Karren der Stars

Meistgelesene Artikel

„Das Abstiegsgespenst als Reisebegleiter? Nein, danke!“

„Das Abstiegsgespenst als Reisebegleiter? Nein, danke!“

Sargent verliert mit USA bei U17-WM

Sargent verliert mit USA bei U17-WM

Pavlenka und Veljkovic wieder zurück

Pavlenka und Veljkovic wieder zurück

Kein Trainingslager

Kein Trainingslager

Kommentare