Vier magere Jahre liegen hinter Werder Bremen, jetzt soll es aufwärts gehen

Das Ziel: Überraschungsteam statt Überlebenskampf

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Gut gelaunt in die neue Saison: Trainer Robin Dutt (l.) und Geschäftsführer Thomas Eichin wollen Werder wieder auf einen einstelligen Tabellenplatz führen – mindestens. Foto: nph

Bremen - von Carsten Sander und Malte Rehnert. Es sah schon wieder nach Überlebenskampf aus. Nur dass sich die Profis von Werder Bremen in diesem Moment noch gar nicht im Bundesliga-Spielbetrieb befanden, sondern im Freibad der österreichischen Gemeinde Zell am Ziller. Dort stellte sich heraus, dass nicht jeder, der gekonnt gegen den Ball treten kann, auch wie ein Delphin durchs Wasser gleitet.

Besorgniserregend sah es aus, wie sich manch einer von Beckenrand zu Beckenrand quälte. Und ja, bei Eljero Elia musste man tatsächlich Sorgen haben, dass er bei der Jux-Veranstaltung Team-Triathlon überhaupt das rettende Ufer erreicht und nicht Meter vorher untergeht. Aber klar, Überlebenskampf war es nicht. Dafür standen zu viele für den Notfall auch im Schwimmen geübte Kollegen am Beckenrand. Womit auch schon die Linie für die kommende Saison in der Fußball-Bundesliga beschrieben wäre: Es muss nicht jeder alles können, aber gemeinsam kann alles funktionieren. Und untergehen wird Werder nicht – da sind sich die Entscheidungsträger sicher.

Das Ziel für die neue Spielzeit lautet in einem Wort zusammengefasst: Fortschritt. Robin Dutt sagt es vor seiner zweiten Saison als Werder-Trainer so: „Wir wollen den nächsten Schritt machen.“ Was so interpretiert werden kann, dass es schon reicht, wenn die Mannschaft sich spielerisch weiterentwickelt, wenn die 39 Punkte der Vorsaison übertroffen werden, wenn am Ende nicht wieder Platz zwölf, sondern mindestens Rang elf steht. Oder man geht die Sache ein, zwei Stufen forscher an – wie Geschäftsführer Thomas Eichin: „Unser Wunsch ist ein einstelliger Tabellenplatz. Aber vielleicht ist wegen der Ausgeglichenheit der Liga sogar mehr drin.“ Mehr? Also europäisches Geschäft? So direkt mag sich niemand mit diesem Gedanken beschäftigen.

Verklausuliert liest sich das bei Eichin dann so: „In der Bundesliga gibt es fünf Mannschaften, die oben ein bisschen weg sind. Aber dahinter kommen viele Teams. Da kommt es dann darauf an: Wie fit ist eine Mannschaft, wie homogen? Und wie ist der Start? Werder kann eine Überraschungsmannschaft sein.“ Es wäre unter Berücksichtigung aller Faktoren – eigene Geldnot, Millionen-Investitionen der Konkurrenz – jedoch mehr als nur eine Überraschung, wenn sich Werder Bremen nach vier mageren Jahren tatsächlich wieder an die Großen der Branche anschleichen könnte. Denn auf dem Transfermarkt haben sich die Hanseaten finanziell nicht gerade weit aus dem Fenster gelehnt. Bei vier Abgängen und vier Zugängen wurde – Stand Ende Juli – die sehr bescheidene Summe von 100 000 Euro umgesetzt. Lediglich für Torhüter-Talent Raif Husic (18/kam aus der Jugend von Bayern München) mussten die Bremer den Geldbeutel zücken. Allerdings wurden für die endgültige Verpflichtung von Linksverteidiger Santiago Garcia (war bis dato von US Palermo ausgeliehen) noch 1,5 Millionen Euro fällig.

Den spanischen Innenverteidiger Alejandro Galvez (25/Rayo Vallecano) und Mittelfeldmann Fin Bartels (27/FC St. Pauli) verpflichtete Sportchef Eichin ablösefrei. Und Izet Hajrovic, WM-Teilnehmer mit Bosnien-Herzegowina, schnappte sich Eichin mit einem an Piraterie grenzenden Vorgehen von Galatatsaray Istanbul. Weil der Club drei Monate lang kein Gehalt gezahlt hatte, kündigte Hajrovic fristlos, und Eichin griff sofort zu, stattete den Spieler mit einem Vierjahresvertrag aus. Ob das alles rechtmäßig war, muss der Weltverband Fifa erst noch klären. Werder rechnet freilich damit, dass bis zum ersten Pflichtspiel am 17. August (DFB-Pokal gegen FV Illertissen in Ulm) die Freigabe und Spielgenehmigung vorliegen. „Die Fifa wird keinen Spieler blockieren“, glaubt Eichin und wähnt sich rechtlich auf der sicheren Seite: „Wir haben das alles von Fachleuten genauestens prüfen lassen.“

Platzt der Transfer noch, stünde Eichin dumm da. Nicht nur, dass sein im dritten Bundesliga-Jahr ohnehin noch im Aufbau befindliches Renommee leiden würde, Werder hätte dann auch keinen Nachfolger für Aaron Hunt. Als solcher ist Hajrovic natürlich vorgesehen. Selbst wenn Trainer Dutt sagt, dass einer wie Hunt nicht eins zu eins zu ersetzen ist: „Das erwarte ich von keinem. Auch nicht von Izet Hajrovic.“

Klar ist, dass der ablösefreie Abgang des zum VfL Wolfsburg abgewanderten Hunt ein Riesenloch ins Bremer Mittelfeld gerissen hat. Auf sieben Tore und neun Assists kam der Ex-Nationalspieler in 31 Spielen – nicht zu messen ist der Wert seiner Erfahrung. Jetzt ist es an Dutt und Eichin, aus dem vermeintlichen Verlust einen Gewinn zu machen – so wie es ihren Vorgängern Thomas Schaaf und Klaus Allofs in den goldenen Jahren bei Johan Micoud und Diego gelungen war. Hajrovic ist der Versuch, daran anzuschließen. Über die fußballerischen Voraussetzungen verfüge der in der Schweiz aufgewachsene 23-Jährige, meint Robin Dutt. Technik, Schnelligkeit, Dribbling, Spielverständnis, Abschluss – alles vorhanden, sagt der Trainer: „Izet ist offensiv überall einsetzbar. Er kann bei uns zur Stammkraft werden.“

Dutt vermeidet es jedoch, weder Hajrovic noch Galvez oder Bartels mit Erwartungen zu überfrachten. Die Fortschritte, die er anpeilt, seien nicht über die Fähigkeiten eines einzelnen, sondern nur über die Gemeinschaft zu erreichen. „Neue Spieler und/oder neues System – in der Summe müssen wir einen Mehrwert erzielen“, erklärt der ehemalige DFB-Sportdirektor: „Als Mannschaft werden wir insgesamt natürlich anders spielen. Vielleicht schaffen wir so die Weiterentwicklung.“

System: Dutt bastelt am 3-5-2

Erster Ansatzpunkt in der Vorbereitung war die Fitness. Dutt nahm sein Personal in der Vorbereitung hart ran – egal, ob im Smog von China während der PR-Tour durch das Reich der Mitte oder in Zell am Ziller, dem Ort des Trainingslagers. „Wir werden fit sein wie nie“. prophezeit Eichin deshalb. Und dann soll bei Werder die Post abgehen – jedenfalls mehr als in der vergangenen Saison. Im Jahr der Konsolidierung (Dutts Lieblingsbegriff) ging es nur darum, die Klasse zu halten und als Team zuein-ander zu finden. Nun will der Coach einen eigenen Stil prägen. Mehr eigene Aktionen, mehr Sicherheit, mehr Tempo, mehr spielerische Finesse – oder wie es der 49-Jährige sagt: „Wir wollen anknüpfen, wo wir in der vergangenen Rückrunde aufgehört haben.“

Um die Palette der Möglichkeiten zu erweitern, lässt Dutt an einem neuen Spielsystem arbeiten. Das moderne 3-5-2, in dem die Mittelfeldaußen die Dreierkette bei Ballverlust zur Fünferkette machen, soll eine Option werden. Die Basis bleibt aber das 4-4-2 mit Mittelfeldraute. In diesem System fanden sich die einzelnen Spieler in der Vorsaison am besten zurecht – und das ist entscheidend, so Dutt: „Nicht das System ist wichtig, sondern dass jeder Spieler genau weiß, was er zu tun hat, wenn der Ball an einer bestimmten Stelle auf dem Platz auftaucht. Dann muss er schnell handeln und darf nicht erst überlegen, ob wir gerade im 3-5-2, 4-4-2 oder 4-2-3-1 spielen.“

Apropos auftauchen: Eljero Elia hat an jenem Tag im Freibad seine Bahnen geschafft, letztlich ganz ohne die Hilfe der anderen. Robin Dutt erkundigte sich dennoch direkt nach dem Anschlag nach dem Wohlbefinden des Niederländers. Alles okay? Ja, alles okay,

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