Doubiläum lässt die Fans ausflippen – wenn auch nur für wenige Minuten

Der Vater und die verlorenen Söhne

+
Ein Stadion im Ausnahmezustand – und Thomas Schaaf bedankt sich wie früher mit Beifall.

Bremen - Und dann kam er, Thomas Schaaf. Als der ehemalige Werder-Coach in der Halbzeit des Hertha-Spiels aus dem Spielertunnel vor die Ostkurve trat, da explodierte der Applaus auf den Rängen des Weserstadions förmlich. Sie feierten ihr Trainer-Urgestein wie einen Popstar.

Schaaf genoss das sichtlich, und dieser Empfang zum Doubiläum ging dem oft eher knorrigen und nordisch-nüchternen Schaaf richtig unter die Haut.

Ganz wie jener vor zehn Jahren am Bremer Flughafen, als er mit seiner damaligen Mannschaft nach dem furiosen 3:1-Sieg über die Bayern als frisch gebackener Deutscher Meister in die Hansestadt zurückgekehrt war – und über 15 000 Bremer ihnen dort einen triumphalen Empfang bereitet hatten. „Dieses Bild, als wir damals gelandet sind, werde ich nie vergessen“, hatte Schaaf zuvor mit leuchtenden Augen erzählt, „und wie die Leute uns zujubelten, als wir dann durch die Stadt fuhren – da kriege ich heute noch Gänsehaut.“

In der Halbzeitpause am Samstagnachmittag lebten all diese Bilder und die Emotionen von damals wieder auf, als Schaaf hinaus auf den Rasen jenes Stadions trat, das 14 Jahre lang seine Heimat gewesen war. Der Großteil seiner Double-Mannschaft von 2004 stand dort mit ihm anlässlich des großen Jubiläums. Und nach der so tristen und schwierigen aktuellen Saison wehte ein Hauch von Nostalgie durchs Stadion. Und die Sehnsucht der Fans nach dem Glücksrausch von einst war greifbar – wenn auch nur kurz, denn nach nur wenigen Minuten war der Halbzeit-Spaß wieder vorbei.

„Ich habe so etwas danach nie wieder erlebt“, erinnerte sich der Mittelfeldmann Fabian Ernst an den so genannten „ganz normalen Werder-Wahnsinn“, in den Bremen vor zehn Jahren kollektiv hineingezogen wurde und der von der gesamten Stadt so kreativ wie leidenschaftlich ausgelebt wurde wie nie zuvor und jemals danach. „Es hat in dem Jahr einfach alles perfekt gepasst“, schwärmte auch Paul Stalteri, „die Stimmung in der Kabine, auf dem Platz, die Leute in der Stadt – es war eine absolute Super-Saison.“

Der Kanadier hatte sich die Double-Jubel-Feier ebenso wenig entgehen lassen wie Andreas Reinke, Pascal Borel, Ümit Davala, Mladen Krstajic, Frank Baumann, Tim Borowski, Viktor Skripnik, Holger Wehlage, Markus Daun, Nelson Valdez, der verspätete Ivan Klasnic und zwei, die ähnlich euphorisch begrüßt wurden wie Schaaf: Ailton, der lustige Kugelblitz, den die Bremer so sehr ins Herz geschlossen haben, holte sich seinen Vorgeschmack auf sein Abschiedsspiel im September ab.

Und der Monsieur, le Chef. Johan Micoud trug seine Lässigkeit im schwarzen Hemd mit schmalem Schlips, dazu Jeans mit dunklem Sakko und dem modernen, ausgefransten Bartansatz so weltmännisch entspannt vor sich her, dass ihm wohl auch die Ehefrau von Pep Guardiola frenetisch applaudiert hätte. Die Fans knieten vor dem genialen Franzosen mit ihrem tosenden Beifall buchstäblich nieder. Sie lieben Micoud, bewundern ihn aber auch so ehrfürchtig wie ein Kunstwerk im Louvre. In der Ostkurve stimmten sie den Micoud-Song nach der Melodie von „Hey Jude“ an und schwelgten in grün-weißer Glückseligkeit.

Diese einmalige Stimmung von einst, die perfekte Chemie in der Mannschaft und der immense Erfolg – für die meisten Werder-Spieler kam davor und danach nichts Vergleichbares mehr. Dieser Moment hatte sie zusammengeschweißt, sie verbunden, auch wenn viele getrennte Wege gingen. Umso mehr genossen sie dieses Klassentreffen, das vor der Partie mit einem Wiedersehen im Wuseum begonnen hatte. Schaaf umarmte sie alle wie verlorene Söhne. Und ausgelassen wie die Kinder posierten sie wieder und wieder für ihre Erinnerungsfotos mit Pokal und Meisterschale in Händen. Bilder für die Ewigkeit fürs Familienalbum.

Von der Feier am Abend im „Loft“ werden sicherlich einige feucht-fröhliche hinzugekommen sein. Denn Ailton kündigte mit breitem Grinsen an: „Wir haben ein bisschen Spaß heute, eh?“ · phi

Das könnte Sie auch interessieren

Ägyptische Assassinen und Prinzessinnen retten mit Mario

Ägyptische Assassinen und Prinzessinnen retten mit Mario

Hommage an Farbe: Yves Saint Laurent-Museum in Marrakesch

Hommage an Farbe: Yves Saint Laurent-Museum in Marrakesch

Im Himmelbett am Wasserloch: Luxussafaris in der Savanne

Im Himmelbett am Wasserloch: Luxussafaris in der Savanne

Tag der offenen Tür im Kindergarten Haendorf

Tag der offenen Tür im Kindergarten Haendorf

Meistgelesene Artikel

Rosenberg zum dritten Mal Schwedischer Meister

Rosenberg zum dritten Mal Schwedischer Meister

Das passiert am Dienstag

Das passiert am Dienstag

Das passiert am Mittwoch

Das passiert am Mittwoch

Klasnic: Neue Niere, neues Leben

Klasnic: Neue Niere, neues Leben

Kommentare