Trainer Bruno Labbadia über die Möglichkeiten des HSV, das Nordderby, Hunt und Pizarro

„Eine unglaubliche Kraft“

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Bruno Labbadia hat beim Hamburger SV für einen Aufwärtstrend gesorgt – und den will der Trainer auch bei seinem Ex-Club in Bremen fortsetzen.

Hamburg - Er hat den Hamburger SV aus dem Sumpf gezogen und in letzter Sekunde vor dem Abstieg gerettet. Das war vor einem halben Jahr. Inzwischen hat der HSV eine positive Perspektive – dank Bruno Labbadia (49). Wie er das hingekriegt hat, erklärt der Hamburger Coach und frühere Werder-Profi vor dem Nordderby am Samstag (15.30 Uhr) im Weserstadion gegenüber dieser Zeitung. Und er verrät auch, wie er dem langjährigen Bremer Aaron Hunt einen Wechsel an die Elbe schmackhaft gemacht hat.

Die Einstiegsfrage ist ausnahmsweise mal keine Frage, sondern ein dickes „Danke“!

Bruno Labbadia: Kein Problem, gefällt mir der Einstieg. Aber wofür bedanken Sie sich bei einem HSVer?

Dass Sie den HSV in der vergangenen Saison in der Liga gehalten haben und das Nordderby weiterlebt.

Labadia: Dass das Nordderby weiterlebt, ist nur eine positive Folge dessen. Für den HSV hätte ein Abstieg dramatische Folgen gehabt. Das Ganze hätte man nicht mal eben so im Vorbeigehen wieder aufbauen können.

Dabei hatte Ihre Rettungsmission denkbar schlecht begonnen – mit einem 0:1 in Bremen im April. Im Rückblick haben Sie Ihrem Team in diesem Match gerade eine „Hühnerbrust“ attestiert. Aktuell ist der HSV Zehnter – und die Brust so breit wie bei...

Labbadia: Stopp! Ich habe nicht der Mannschaft eine Hühnerbrust attestieren wollen, sondern eher auf die damalige Gesamtlage angespielt. Wir standen als Verein mit dem Rücken zur Wand, haben um die Existenz gekämpft. Niemand hat mehr einen Pfifferling auf uns gesetzt. Da läufst du natürlich nicht mit dem größten Selbstbewusstsein auf. Jetzt ist die Brust ein bisschen breiter, aber wir können die Entwicklung vernünftig einordnen. Selbstgefälligkeit steht bei uns auf dem Index.

Wie haben Sie es geschafft, in nur einem halben Jahr aus einem zwei Mal beinahe abgestiegenen Team eine Mannschaft mit positiver Perspektive zu machen?

Labbadia: Wir haben 24 Personalentscheidungen getroffen bezüglich unseres Kaders im Sommer, 15 Spieler abgegeben oder ausgeliehen. Ich weiß nicht, ob es bei einer anderen Mannschaft so viele Veränderungen gab. Wir mussten erst wieder für eine gewisse Stabilität sorgen. Die Voraussetzungen dafür schaffen, um überhaupt die Trainingsintensität erhöhen zu können. Da haben wir einige Schritte gemacht. Aber zufrieden sind wir noch lange nicht. So wie die Mannschaft Fußball gespielt hat, hat sie eindeutig zu wenig Punkte auf dem Konto. Wichtig ist, dass wir uns unsere Geschlossenheit aus dem Abstiegskampf bewahrt haben. Wenn alle zusammen wirken, kann der HSV unglaubliche Kraft entwickeln. Das darf aber nicht nur der Fall sein, wenn es ums nackte Überleben geht.

Sie haben den Hamburgern empfohlen, das eigene Anspruchsdenken zu zügeln. Hebt der Hamburger in Sachen HSV Ihrer Meinung nach zu schnell ab?

Labbadia: Ich sehe mich nicht in der Position, den Hamburgern etwas empfehlen zu müssen. Ich habe über die Jahre nur festgestellt, dass Anspruch und Realität viel zu weit ausein-ander klafften. Selbst als der Verein dauerhaft in der Europa League vertreten war, hat das eigentlich nie gereicht. Man kann sich schon fragen, woher diese Anspruchshaltung kommt, wenn man sich die Platzierungen der vergangenen 20 Jahre anguckt. Momentan habe ich allerdings überhaupt nicht das Gefühl, dass irgendjemand abhebt. Das wäre – gerade nach zweimaliger Relegation – auch überhaupt nicht angebracht. Unsere Fans können die aktuelle Situation sehr gut einordnen. Auch die Medien haben ihre Betrachtungsweise etwas geändert. Da schreibt nach einem Sieg gegen den BVB niemand von höheren Sphären.

Sie müssen also in dieser Situation gar nicht so sehr gegensteuern?

Labbadia: Für mich ist nur entscheidend, dass wir bei uns selbst bleiben, den Fokus immer nur auf uns selbst richten. Wir wissen, dass wir in jedem Spiel hundert Prozent bringen müssen, um Punkte in der Bundesliga zu holen. Das wird sich so schnell auch nicht ändern. Wir werden uns weiter kritisch mit uns selbst auseinandersetzen und wollen uns auch dadurch stetig verbessern. Unser nächstes Ziel ist es jetzt, die 20-Punkte-Marke zu knacken. Punkte sind momentan unsere Tabelle – wenn ich das so ausdrücken darf.

Bemerkenswert ist, dass Sie bei Ihrer eigenen Vertragsverlängerung zur Vorsicht mahnen. Der Club solle nicht in alte Muster verfallen und „nur weil wir zwei Spiele gewonnen haben, gleich den Vertrag des Trainers verlängern“, haben Sie gesagt. Dabei wäre das doch zu Ihrem Besten. Wollen Sie am Ende gar nicht über die Saison hinaus bleiben?

Labbadia: Es geht aber nicht um mein Bestes. Sondern um das Beste für den Verein. Man sollte einen Vertrag verlängern, wenn man grundsätzlich davon überzeugt ist, dass man zusammenarbeiten will. Das sollte man dann auch nicht vom Ausgang eines Spiels abhängig machen. Hier gibt es diese gegenseitige Überzeugung. Das bedeutet mir mehr als die Sicherheit eines Vertrags. Aber wir werden diese Überzeugung dann sicher auch verschriftlichen in absehbarer Zeit. Völlig ohne Druck. Ich bin sehr gern hier beim HSV, das habe ich oft genug deutlich gemacht. Für keinen anderen Verein wäre ich so kurz vor Saisonende eingestiegen als Trainer.

Entscheidungen in Ruhe abwägen – ein bisschen wirkt es so, als würden Sie versuchen, den HSV zu erden und zu erziehen.

Labbadia: Das kann niemand allein. Das probieren wir im Team. Ich bin auch als Trainer engagiert und brauche meine ganze Kraft, um unsere Mannschaft zu entwickeln und zu begleiten. Ich finde aber, dass der HSV wieder über viele gute, kluge Köpfe verfügt. Und alle wollen es gemeinsam angehen. Niemand beansprucht etwas für sich selbst. Wenn die Sonne scheint, stehen alle im Licht. Wenn es regnet, werden alle nass. Das gefällt mir. Und so soll es auch bleiben. Kontinuität ist ja immer ein großes Thema, nur beim HSV war es das leider viel zu selten. Aber auch hier muss es die Voraussetzung sein.

Aaron Hunt wäre vor dem Nordderby ein großes Thema – wenn er spielen kann. Kann er?

Labbadia: Das kann ich Ihnen noch nicht mit Garantie sagen. Geplant ist, dass er spätestens am Donnerstag wieder voll mit der Mannschaft trainiert. Wenn alles gut verläuft, werden wir danach mit ihm besprechen, ob es sinnvoll ist, ihn mit nach Bremen zu nehmen. Ich habe das Gefühl, dass er gern dabei wäre. Er hat keine Lust, noch länger zuzugucken. Aaron will kicken.

Wie wichtig ist er schon für den HSV, wie wichtig kann er noch werden?

Labbadia: Dass er uns jetzt so lange ausgefallen ist, war schon bitter. Wir haben ihn ja ganz bewusst geholt, um unserem Spiel eine bestimmte Komponente zu verleihen. Er ist aus unserer Sicht genau der Spieler-Typ, der uns noch gefehlt hat. Jemand, der das Mittelfeld durch seine spielerischen Fähigkeiten und sein Auge mit dem Angriff verbinden kann. Ich gehe davon aus, dass Aaron eine gute Zeit bei uns haben wird. Und ich habe das Gefühl, dass er sich vom ersten Tag an sehr wohl und willkommen bei uns gefühlt hat. Das ist für jeden die Voraussetzung, seine Leistung abrufen zu können.

Wie haben Sie es überhaupt geschafft, einen Spieler, der 14 Jahre lang bei Werder war, für einen Wechsel nach Hamburg zu begeistern? War dabei viel Überzeugungsarbeit nötig?

Labbadia: Es war nicht das Hauptthema unserer Gespräche, dass Aaron so lange in Bremen gespielt hat. Natürlich haben wir das behandelt. Aber in erster Linie ging es uns darum, ihm die Rolle zu beschreiben, die wir für ihn beim HSV vorgesehen hatten. Und in dieser Rolle hat er sich auch wiedergefunden. Daher war nicht wirklich viel Überzeugungsarbeit nötig. Aaron wollte wieder spielen, mehr als zuletzt in Wolfsburg. Diese Möglichkeit sieht er hier in Hamburg.

Sie selbst kennen das Derby auch aus beiden Perspektiven, waren als Spieler erst beim HSV, dann bei Werder. Welche Erfahrungen haben Sie damals gemacht?

Labbadia: Ich bin nicht der, der so in Erinnerungen schwelgt. Aber eines ist klar: Es hat sich nichts geändert. Für einen Sieg im Derby gibt es drei Punkte, gefühlt sind es aber immer sechs. Die wollen wir uns holen.

Ihre aktive Karriere haben Sie mit 37 Jahren beendet. Claudio Pizarro ist jetzt im gleichen Alter und spielt immer noch. Aus Ihrer Erinnerung: Wie ist es, mit 37 Jahren am Tag nach einem Einsatz aus dem Bett zu krabbeln?

Labbadia: Ich bin eigentlich immer ganz gut aus dem Bett gekommen. Ich konnte mich aber auch immer quälen und war heiß auf Fußball. Das wird bei Claudio ähnlich sein. Er hätte seine Karriere ja auch entspannt beenden können. Vielleicht weiß er aber auch, dass es keine bessere Zeit geben wird, als die als Fußballprofi. Allerdings muss man in fortgeschrittenem Alter deutlich mehr investieren, um körperlich fit zu bleiben. Am Ende meiner Karriere musste ich fast doppelt so viel machen wie zu Beginn. Fragen Sie auch gern noch mal bei Ze Roberto nach. Der ist ja mit 41 immer noch als Profi aktiv. In seiner Zeit beim HSV war er jeden Tag zwei Stunden im Kraftraum. Eine Stunde vorm Training, eine danach.

Der HSV geht mit dem Rückenwind des 3:1 ins Derby, Werder mit der Schmach des 0:6 in Wolfsburg. Da sind die Vorzeichen klar: Der HSV ist der Favorit! Widerspruch?

Labbadia: Wenn am Samstag um 15.30 Uhr angepfiffen wird, haben beide Ergebnisse keine Relevanz mehr. Wir haben die Möglichkeit, den Ausgang des Spiels zu bestimmen. Völlig unabhängig von den Vorzeichen.

Sie sind nur zwei Jahre in Bremen geblieben – was ist aus der Zeit bei Ihnen hängengeblieben?

Labbadia: Dass ich mich sehr wohl gefühlt habe da. Das höre ich aber von vielen ehemaligen Werder-Spielern. Offenbar macht Werder dieses atmosphärische Management über all die Jahre sehr gut.

csa/mr

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