Frings schenkt Schaaf sein letztes Hemd

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Kapitän Torsten Frings (l.) bei seiner Auswechslung in Wilhelmshaven: Sein Trikot überreicht er an Trainer Thomas Schaaf (2.v.r.), der gemeinsam mit Co-Trainer Wolfgang Rolff applaudiert. Sportdirektor Klaus Allofs steht daneben.

Wilhelmshaven - Aus und vorbei: Nach elf Jahren endete gestern Abend die Ära Torsten Frings bei Werder Bremen. Das Freundschaftsspiel beim Regionalligisten SV Wilhelmshaven war der letzte Einsatz des Kapitäns im grün-weißen Trikot.

„Schön, hier so verabschiedet worden zu sein“, sagte der 34-Jährige nach seiner Auswechslung. Was nun kommt, hat Frings noch nicht entschieden. Sein ereignisreicher Abschiedstag im Zeitraffer:

9.00 Uhr: Frings fährt mit seiner dicken Harley Davidson vor, parkt neben der Kabine.

9.50 Uhr: Von Fans, die Frings „Servus“ sagen wollen, kaum eine Spur – bis auf vier junge Damen mit Autogrammblöcken. Ansonsten tummeln sich in der Nähe des Marathontores nur ein paar Bauarbeiter in Blaumännern und eine Schulklasse, die am Stadionbad auf den Einlass wartet.

9.55 Uhr: Fast alle Werder-Profis kommen in einem Schwung aus der Kabine – nur einer fehlt: Frings.

9.56 Uhr: Der Kapitän erscheint als Letzter. Weil er etwas spät dran ist, eilt er im Laufschritt zum Platz.

10.00 Uhr: Die letzte Trainingseinheit beginnt pünktlich. Auf den Stufen neben dem Platz beobachten zehn Menschen und ein Hund das Treiben, später sind es bei angenehmen 20 Grad und Sonne etwa 30. Coach Thomas Schaaf ruft die Mannschaft zum Kreis zusammen, spricht minutenlang, keiner rührt sich. Dann kommt zwei Mal kurz hintereinander kollektiver Applaus. „Der Trainer hat eine Rede für Torsten gehalten. Es war sehr emotional“, berichtet Stürmer Sandro Wagner später – und ergänzt: „Uns verlässt ein großer Spieler, der viele Erfolge gefeiert hat. Auch wir jungen Spieler sind sehr traurig darüber, haben zu ihm aufgeschaut.“

10.00 bis 11.00 Uhr: Ins Schwitzen kommt der „Capitano“ nicht. Beim Dehnen scherzt er mit Marko Arnautovic, bei einem Massen-Sprint ist er noch mal ganz vorne. Danach folgt rund eine Dreiviertelstunde „Sechs-gegen-Zwei“.

11.00 Uhr: Frings macht sich auf den Weg in die Kabine – und möchte nicht wirklich über seinen nahenden Abschied sprechen. „Jetzt hört doch auf“, sagt er zu den Journalisten: „Es ist ein ganz normaler Tag für mich, nichts Besonderes.“ Er kann seine Gefühle gut verstecken, ergänzt noch total sachlich: „Ich freue mich auf das Spiel heute Abend und dann auf den Urlaub.“ Ein paar Tage bleibt er noch in Bremen, dann geht’s auf in die USA.

11.58 Uhr: Alle Teamkollegen sind längst weg, da verlässt auch Frings die Kabine und schwingt sich auf sein Motorrad. Der zweite Versuch, ein paar Emotionen herauszukitzeln – wieder vergeblich. Frings cool: „Ich gehe davon aus, dass ich heute Abend keine Träne verdrücken werden. Wegen so etwas habe ich noch nie geheult.“ Um Punkt zwölf braust er davon. Seinen Ausstand hat „Lutscher“ übrigens noch nicht gegeben. „Wir warten noch darauf, ich werde ihn mal daran erinnern“, hatte Sandro Wagner beim Gang zum Auto geschmunzelt – und ergänzt: „Vorher gibt’s auch kein Abschiedsgeschenk.“ Frings’ Konter: „Ich wollte eine Abschlussparty schmeißen, aber einige Spielern sind ja schon nicht mehr da. Das werde ich irgendwann zur neuen Saison machen.“ Dann soll er auch von Werder offiziell verabschiedet werden.

18.30 Uhr: Der Bremer Mannschaftsbus fährt am Jadestadion in Wilhelmshaven vor. Frings steigt als einer der Letzten aus und verschwindet in der Kabine. Einige Profis kommen noch mal raus, um sich kurz den Platz anzuschauen und Autogramme zu schreiben. Frings bleibt drinnen.

18.52 Uhr: Alle Bremer betreten den Rasen zum Aufwärmen, Frings wirkt konzentriert, hat einen Tunnelblick drauf.

18.52 bis 19.14 Uhr: Für seinen letzten Einsatz wärmt sich der Kapitän zunächst alleine auf, beim Stretching spricht er kurz mit Trainer Schaaf und dessen Assistent Wolfgang Rolff. Dann ein paar Pässe mit Sandro Wagner, schließlich das kollektive Lauf-, Eckspiel- und Torschussprogramm.

Um 19.14 Uhr geht der 34-Jährige als Erster zurück in die Kabine.

19.24 Uhr: Wieder raus. Zum letzten Mal führt die Nummer 22 Werder als Kapitän aufs Feld, mit der orangefarbenen Binde am linken Oberarm. Bei der Durchsage der Mannschaftsaufstellung brüllen die Fans seinen Namen am lautesten – mit Abstand.

19.30 Uhr: Das Spiel beginnt – und Frings liefert eine unauffällige, unspektakuläre Leistung ab.

20.13 Uhr: Das ist DER Moment. „Torsten“, ruft Trainer Schaaf – und Frings verlässt in der 43. Minute das Feld, unter großem Applaus der Zuschauer, die sich erhoben haben. Frings fällt erst Schaaf und dann Sportchef Klaus Allofs in die Arme. „Der Moment war sehr bewegend, wir sind ein bisschen traurig“, gesteht Allofs. Frings schenkt sein Trikot Schaaf. „Er sollte es haben, weil ich ihm so viel zu verdanken habe“, sagt Frings später. Schaaf freut sich darüber: „Das ist ein sehr schönes Zeichen. Ich werde mir das Trikot aufheben.“

20.26 Uhr: Frings kommt frisch geduscht aus der Kabine, draußen warten schon die Journalisten. Tatsächlich gibt’s (zumindest öffentlich) keine Abschiedstränen. „Ich konnte mich lange genug darauf einstellen“, sagt er staubtrocken: „Dass ich kurz vor der Pause raus bin, war abgesprochen. Eine nette Geste des Trainers – und besser, als wenn ich einfach so in der Halbzeit verschwinde.“ Nach dem Ende seiner Werder-Karriere, auf die er „ohne Wehmut“ zurückblickt, freut sich der Kapitän a.D. nun auf seinen Urlaub: „Und den werde ich zu 100 Prozent genießen.“

Torsten Frings

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