Dieter Burdenski will Wiese gegen Frankreich im Tor sehen – und schaut auf seine eigene DFB-Karriere zurück

„Tim hat sich dieses Spiel verdient“

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Werder Bremens Torwartlegende Dieter Burdenski (li.) plauderte mit Kreiszeitungs-Sportredakteur Arne Flügge.

Bremen - Von Arne Flügge -Wohl kaum ein Nationalspieler fiebert dem Länderspiel am Mittwoch gegen Frankreich so entgegen wie Werder-Torwart Tim Wiese (30). Schließlich findet die Partie in seinem Wohnzimmer, dem Weserstadion, statt.

Und dass Wiese, die Nummer zwei in der Nationalmannschaft hinter Manuel Neuer, in diesem ersten Test des Jahres in der Startelf steht – das ist so gut wie sicher. Für Werder Bremens Torwart-Legende Dieter Burdenski zumindest. Und der weiß, wie es sich anfühlt, im heimischen Stadion den Adler auf der Brust zu tragen. Über dieses Erlebnis, seine eigene Nationalmannschaftszeit und seinen „Enkel“ im Werder-Tor spricht der 61-Jährige im Interview.

Herr Burdenski, erinnern Sie sich noch an den 27. Februar 1980?

Dieter Burdenski:Natürlich. In Bremen fand das EM-Qualifikationsspiel gegen Malta statt. Und ich stand im Tor der deutschen Nationalmannschaft. Das vergisst man nicht.

Weil Deutschland 8:0 gewonnen hat, oder weil das Spiel in Ihrem Stadion stattfand?

Burdenski:Zwei Ecken, ein Torschuss – mehr hatte ich nicht zu tun. In erster Linie erinnert man sich natürlich daran, weil die Partie im Weserstadion ausgetragen wurde. Es hat mich sehr stolz gemacht, in meinem Stadion, meiner Stadt, meinem Umfeld und meiner Fangemeinde für Deutschland zu spielen. Das ist schon etwas ganz Außergewöhnliches.

Also kann sich Tim Wiese auf ein ganz besonderes Erlebnis freuen?

Burdenski:Klar, und ich gönne es ihm. Ich hoffe, dass Tim spielt, denn er hat es sich verdient. Ich hätte mir gewünscht, dass Tim bisher noch mehr Länderspiele bekommen hätte, denn er ist ein Super-Torwart. Doch das ist eine Entscheidung des Bundestrainers. So ein Spiel ist für jeden Torwart ein Highlight, das bringt ihn weiter. Und auf der anderen Seite zeigt es auch, dass man ihm eine gewisse Wertschätzung entgegenbringt.

Einige Experten meinen, Tim Wiese gehöre nicht zur EM. Junge Leute wie Zieler, ter Stegen oder Leno sollten eher mitfahren.

Burdenski:Tim Wiese ist gerade 30 Jahre alt geworden. Das ist für einen Torwart doch gar nichts. Natürlich haben wir viele gute Keeper in Deutschland. Dafür werden wir doch, seit ich denken kann, international beneidet. Ich halte es aber für gefährlich, einen so guten und erfahrenen Torwart wie Tim nicht mit zur EM zu nehmen. Das würde mich doch wirklich sehr wundern.

Ihnen ist es so ergangen. Nach dem Malta-Spiel in Bremen sind Sie 1980 als 29-Jähriger aus dem Kader für die anstehende Europameisterschaft in Italien geflogen.

Burdenski:Das ist mit der Situation von Tim Wiese nicht zu vergleichen. Klar, ich war damals Stammtorwart der Nationalmannschaft, habe fast alle EM-Qualifikationsspiele gemacht. Doch ich habe eine ganz schlechte Rückrunde gespielt, und wir sind mit Werder abgestiegen – da war ich draußen. Toni Schumacher hat sich dann meinen Platz als Nummer eins gesichert. Mein Pech war somit sein Glück. Aber er war auch einfach überragend, das muss man sagen. Ebenso wie Sepp Maier, den ich bis zu seinem Unfall 1979 vor der Nase hatte.

Hadern Sie deswegen noch heute?

Burdenski:Nein. Natürlich hätte ich mir mehr Länderspiele gewünscht als die zwölf, die ich gespielt habe. Doch ich war von 1977 bis 1984 sieben Jahre lang immer dabei, stand über 30 Mal im Kader, habe an der WM 1978 in Argentinien und der EM 1984 in Frankreich teilgenommen. Es war für mich immer eine außergewöhnliche Ehre für Deutschland zu spielen, in einer der besten Mannschaften der Welt. Da bringst du noch ’was mit, um da spielen zu können.

Mal Hand aufs Herz: Waren Sie mit viel Talent gesegnet oder mussten Sie sich Ihr Standing als Torwart eher hart erkämpfen?

Burdenski:Ohne Talent geht es nicht. Ich war jetzt aber kein Überflieger, kein Supertalent. Ich musste mir vieles erarbeiten. Ich habe 1977 mit 27 Jahren erst relativ spät mein Nationalmannschafts-Debüt gegeben. Werder hatte noch nicht so das Standing, spielte meistens gegen den Abstieg. Doch ich habe häufig außergewöhnlich gut gehalten. Das hat mir geholfen. Ebenso wie die Liebe zum Fußball und mein Ehrgeiz. In den ersten Jahren war der aber so schlimm, dass ich dann am Spieltag kaputt war. Ich hatte vorher extrem viel und hart trainiert, habe zusätzlich Sonderschichten geschoben. Ich musste erst mal lernen, das besser einzuteilen.

Am 22. Mai 1984 haben Sie mit 33 Jahren dann Ihr letztes Länderspiel bestritten – und beim 1:0 gegen Italien den Kasten sauber gehalten. Hätten Sie gern noch länger in der Nationalmannschaft gespielt?

Burdenski:Natürlich, aber nach dem vorzeitigen Aus bei der EM trat Bundestrainer Jupp Derwall zurück. Franz Beckenbauer kam als Teamchef, und dann war Schluss für mich. Ich war sozusagen ein Opfer des – auch notwendigen – Umbruchs. Torhüter wie Eike Immel oder Uli Stein rückten nach.

Sie haben 478 Bundesligaspiele absolviert, davon allein 444 für Werder Bremen. Sie waren Nationalspieler, WM- und EM-Teilnehmer, sind Ehrenspielführer von Werder Bremen. Haben Sie in Ihrer Karriere irgendetwas vermisst?

Burdenski:Ich habe bis jetzt in meinem ganzen Leben nichts vermisst. Wenn ich noch einmal auf die Welt kommen würde – ich würde alles noch einmal genauso tun. Ich hatte auf der einen Seite das Glück, Fußballer zu werden. Ich hatte aber auch das Glück, das Leben, die harte Arbeit nach dem Fußball kennenzulernen. Als Profi wirst du doch ständig hofiert, dir werden die Scheine auf den Tisch gelegt mit der Frage ,darf ich bitte eine Unterschrift für die nächsten zwei Jahre haben?‘ Fast die einzigen Probleme sind doch: Wo ist mein Fön, wo mein neues Auto? Seit 25 Jahren habe ich eine Event- und Veranstaltungsfirma. Ich habe gelernt, mit Rückschlägen umzugehen – und ich weiß, was es bedeutet, zwölf bis 14 Stunden am Tag zu arbeiten.

Was treibt Sie immer wieder aufs Neue an?

Burdenski:Das Wichtigste ist doch die Liebe zu deinem Beruf. Bei dem, was du machst, musst du glücklich und zufrieden sein. Ich habe Bauzeichner gelernt. Wenn ich mir vorstelle, ich hätte mein Leben lang an einem Tisch stehen und Striche ziehen müssen – ich wäre eingegangen wie eine Primel.

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