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Delaney im Interview: Europa „nicht realistisch“ - weder jetzt noch nächste Saison

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Von: Carsten Sander

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Thomas Delaney
Thomas Delaney lobt Werder-Trainer Kohfeldt und meint: „Florian ist ein bisschen ein Fußball-Verrückter.“ © gumzmedia

Bremen - Nach einer halben Stunde und dem Blick auf die Uhr springt Thomas Delaney plötzlich auf. „Ich muss los. Danke! Tschüss!“

Es reicht noch zu einem schnellen Händedruck, dann beendet das nahende Training das Interview mit dem Dänen, der zuvor auskunftsfreudig Fragen rund um Werder und rund um ihn beantwortet hatte.

Für Delaney ist Trainer Florian Kohfeldt „ein bisschen ein Fußball-Verrückter“. Zudem sagt Delaney, dass intelligenter Fußball auch ohne „vier Einsteins“ im Team gespielt werden kann. Dass er – bildlich gesprochen – mit der Peitsche hinter dem Team stehen wird, falls es im Saisonendspurt nötig sein sollte. Und er teilt unverblümt mit, dass er die WM in Russland auch als mögliches Karriere-Sprungbrett für sich betrachtet.

Das Thema der Werder-Woche ist die Vertragsverlängerung von Trainer Kohfeldt. Wie ist Ihre Meinung dazu?

Thomas Delaney: Ich denke, das war eine logische Sache. Wir haben mit Florian als Trainer große Schritte nach vorne gemacht. Er hat damals ein taumelndes Team übernommen, das auf der Suche nach seiner Identität war. Die hat er uns gegeben. Wir haben jetzt eine klare Linie in unserem Spiel, und die brauchst du auch, wenn du etwas aufbauen möchtest.

Liefern Sie bitte mal drei Stichpunkte dieser Werder-Identität!

Delaney: Offensives Auftreten, hoher Anteil an Ballbesitz, Gegner dominieren – auch wenn sie Schalke oder Dortmund heißen. So haben wir uns von einem Team von unten zu einer Mittelklasse-Mannschaft mit höheren Ambitionen entwickelt.

Und das in nur fünf Monaten – erstaunlich, oder?

Delaney: Ja, schon. Aber wir haben jetzt auch nicht den Heiligen Gral gefunden. Wir haben ein gutes Fundament gelegt, auf dem wir etwas aufbauen können.

Trotzdem: Wer das Team in der Hinrunde beim 0:3 gegen den FC Augsburg gesehen hat und den Vergleich zum aktuellen Auftreten zieht, dem kommt die Wandlung wie ein kleines Wunder vor.

Delaney: Ein Wunder ist es nicht. Gegen Augsburg waren wir am Tiefpunkt, einfach nur schlecht. Das war aber nicht unser wahres Niveau. Danach hat Florian die Mannschaft übernommen, und seither hat er natürlich einen wunderbaren Job gemacht.

Das hat ihm einen Dreijahresvertrag eingebracht, was für einen Trainer, der erst seit fünf Monaten in der Bundesliga arbeitet, ungewöhnlich lange ist. Wie sehen Sie seine Arbeit?

Delaney: Unter den Trainern, mit denen ich in meiner Karriere zusammengearbeitet habe, gehört er zu denen mit dem größten Sachverstand. Florian ist ein bisschen ein Fußball-Verrückter. Er ist auch ein New-Style-Coach.

Was meinen Sie damit?

Delaney: Was ich sehe, ist: Trainer wie Florian, die selber keine Top-Spieler waren, arbeiten härter, um sich den Respekt der Gruppe zu verdienen. Ähnlich wie ein Julian Nagelsmann kann er nicht seinen großen Namen und seine Erfolge als Spieler vor sich hertragen, er muss andere Wege finden. Diese Trainer sind detailversessener, arbeiten mit vielen Schemen, durchdenken Spielzüge bis ins Kleinste. Old-School-Trainer kommen häufig mehr über die Mentalität.

Über Florian Kohfeldt wird gesagt, dass er – obwohl neu im Business – sehr abgeklärt auftritt. Gilt das auch im internen Kreis?

Delaney: Wie ein Newcomer kam er mir nie vor. Vom ersten Tag an hat er uns im Training klar gesagt, was ihm nicht gefällt, was wir anders machen sollen. Er hat sehr früh den Respekt aller bekommen – das ist nicht selbstverständlich.

Wohin kann der Weg von Kohfeldt und Werder in der Zukunft führen?

Delaney: Das ist eine schwierige Frage. Im Moment erfüllen wir unsere eigenen Ziele – nicht nur hinsichtlich der Art und Weise, wie wir spielen, sondern auch hinsichtlich der Punkte, die wir holen. Ich glaube auch nicht, dass wir aktuell über unsere Verhältnisse spielen. Ich hoffe, dass das jetzt unser wahres Level ist. Um in Zukunft in der Tabelle klettern zu können, braucht es mehr als nur einen großartigen Trainer. Das Team muss da auch Schritt halten können.

Zuletzt war das Spiel gegen Eintracht Frankfurt (2:1) ein Paradebeispiel für die taktische Flexibilität der Mannschaft. Mal ehrlich: Was war nach den in jeder Hinsicht intensiven 90 Minuten müder – der Kopf oder die Beine?

Delaney (lacht): Doch noch mehr der Körper. Aber klar: Unter Florian musst du sehr aufmerksam sein – mit Kopf und Beinen.

Ist ein hoher IQ bald Voraussetzung für einen Vertrag bei Werder?

Delaney (lacht): Es ist jetzt auch nicht so, dass wir hier vier Einsteins rumlaufen haben. Es geht darum, zu lernen und auf dem Platz die Zeichen zu erkennen, was als nächstes zu tun ist.

Florian Kohfeldt berichtet gerne, dass er die Entscheidungen über die Ausrichtung der Mannschaft mit Führungsspielern wie Ihnen bespricht.

Delaney: Wir diskutieren tatsächlich viel – beispielsweise über grundsätzliche Entscheidungen wie Dreier-, Fünfer- oder Viererkette. Wir besprechen gemeinsam, wie wir ein Spiel angehen wollen. Natürlich hat der Trainer dabei das letzte Wort, er trägt ja auch die Verantwortung. Aber wenn alle Spieler meinen, dass – nur als Beispiel – eine Dreierkette eine schlechte Entscheidung wäre, dann ist sie das vielleicht auch.

Wann wird diskutiert und wo?

Delaney: Ein paar Tage vor einem Spiel. Wir werden dann ins Trainerbüro gerufen, vier, fünf Spieler. Florian ist dann der Vordenker, und wenn wir etwas dazu zu sagen haben, sagen wir es.

Bei Hannover 96 hat Werder Bremen am Freitagabend einen Matchball – gelingt der nächste Sieg, hat sich das Thema Abstiegskampf endgültig erledigt. Wie fühlt es sich an, kurz vor dem Ende einer Mission zu stehen, die am Anfang so unendlich schwierig erschien?

Delaney: Erstmal bin ich sehr sicher, dass der Trainer sehr sauer sein wird, wenn wir nicht gewinnen. Wir hatten aber schon viele Spiele dieser Art gegen Mannschaften aus der gleichen Tabellenregion. Mit Ausnahme des 0:1 in Freiburg haben wir es eigentlich immer ganz gut gemacht. Ich hoffe, das gelingt uns wieder.

Dürfte dann gefeiert werden?

Delaney: Wir wären sicherlich glücklich. Aber jeder im Team weiß auch, was uns letztes Jahr passiert ist. Wenn nicht, werde ich es allen nochmal erzählen.

Werder verlor nach geschafftem Klassenerhalt die letzten drei Saisonspiele – meinen Sie das?

Delaney: Ja. Doch diesmal bin ich mir sicher, dass wir nicht sagen werden: Jetzt sind wir durch, jetzt lehnen wir uns zurück. Ich hatte mal in Kopenhagen eine ganz ähnliche Situation. Wir waren vier Spieltage vor Schluss bereits Meister – und haben dann nicht nur die letzten vier Spiele der alten, sondern auch die ersten vier Spiele der neuen Saison verloren. Der Coach wurde entlassen. Ich weiß also, was passieren kann, wenn du es nach erreichtem Ziel schleifen lässt. Auch wenn es für den Ausgang einer Saison nicht wichtig ist, ist es doch für die Mannschaft wichtig, weiter zu gewinnen. Wir können uns ein schlechtes Ende einfach nicht erlauben, weil es in die neue Saison hineinwirkt. Wir müssen auch nach geschafftem Klassenerhalt alles tun, um mit einem guten Gefühl in die Sommerpause zu gehen.

Thomas Delaney im Gespräch mit DeichStuben-Reporter Carsten Sander.
Thomas Delaney im Gespräch mit DeichStuben-Reporter Carsten Sander. © gumzmedia

Wäre es dann im Sinne der Motivation und der Spannungserhaltung nicht sogar ratsam, die Chance auf Europa zum Thema zu machen?

Delaney: Wir müssen über eine komplette Saison gesehen ausgeglichener werden in unseren Leistungen, bevor wir über Europa reden. Ich denke, dass wir es nicht verdient hätten, so weit oben zu stehen, weil wir nicht stabil genug sind. Es bringt nichts, wenn ich jetzt zu den Jungs gehe und sage: „Hey, ab sofort geht’s Richtung Europa!“ Das hilft uns nicht.

Weil es in einer eigentlich positiven Situation am Ende doch eine Enttäuschung schaffen könnte?

Delaney: Nein. Erstens, weil es wieder Druck erzeugt. Zweitens, weil es sehr hart ist, unter die ersten sechs oder sieben Teams zu kommen. In der nächsten Saison müssen wir von Anfang an voll da sein, dann haben wir eine neue Chance. Die laufende Saison war noch vom Aufstehen nach dem Fehlstart geprägt – jetzt können wir uns noch mit weiteren Siegen auf die neue Saison vorbereiten.

Um kommende Saison das Ziel internationaler Wettbewerb auszurufen?

Delaney: Das würde bedeuten, Sechster werden zu wollen. Das ist objektiv gesehen nicht realistisch. Aber wenn wir im Sommer so in die Saison starten, wie wir es im Januar getan haben, ist es eine andere Geschichte. Dann kannst du deine Ziele immer noch ändern.

Aktuell ist Werder Dritter der Rückrundentabelle. Das weckt bei den Fans höhere Erwartungen als Platz acht bis zwölf.

Delaney: Dennoch müssen wir ehrlich mit uns sein. Wir haben zwei Jahre nacheinander den Start in eine Saison richtig vermasselt. Dann haben wir es zwar jeweils gedreht, aber es wäre naiv zu sagen: Das ist unser Level, wir können gar nicht mehr schlechter spielen als so. Es wäre naiv zu glauben, dass wir die nächsten drei Jahre so spielen werden wie in den letzten fünf Monaten. Aber selbstverständlich sollten alle – die Fans und wir Spieler – mehr erwarten, als nur sechs gute Monate pro Jahr. Damit können wir nicht leben.

Sie haben sich unlängst in Dänemark genervt gezeigt, dass trotz Ihres bis 2021 laufenden Vertrags ständig über Sie und etwaige Wechselabsichten diskutiert wird. Unterstellen wir mal, dass diese Diskussionen viel damit zu tun hatten, dass Sie für einen Abstiegskandidaten, der Werder war, überqualifiziert erschienen. Wird Werder als aufstrebendes Team nun wieder interessanter?

Delaney: Werder war in meinen Augen immer ein großer Club. Es gibt in der Bundesliga nicht viele, die größer sind. Das gilt erst recht, wenn die Mannschaft gut auftritt. Dann ist Bremen ein sehr interessanter Platz, um Fußball zu spielen. Tolle Fans, schönes Stadion, beeindruckende Historie – alles ist da. Ich bin auch sehr zufrieden, wie wir uns entwickeln und dass der Trainer Vertrauen in mich setzt. Aber die Sache ist oft die: Ich habe keine Ahnung, was nach dem Sommer passiert. Das kann man im Fußball nicht planen.

Sie werden mit Dänemark die WM spielen – für Sie der Karriere-Höhepunkt und möglicherweise auch ein Karriere-Sprungbrett?

Delaney: Beides. Es kann die größte Erfahrung in meinem Fußballerleben werden. Wenn ich eine gute WM spiele, kann das Interesse an mir sicherlich steigen. Es kann aber auch das Gegenteil passieren. Wie auch immer: Wenn das Turnier mich zu einem besseren Spieler macht und das Interesse an mir steigen lässt, werde ich versuchen, diese Chance zu ergreifen.

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