Theodor Gebre Selassie erlebt bei Werder gerade seine beste Zeit

„Ich habe gemerkt, dass ich kein schlechter Spieler bin“

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Gut in Schuss: Werders Rechtsverteidiger Theodor Gebre Selassie überzeugt auf neuer, alter Position.

Bremen - Wenn man dem Aufschwung von Werder Bremen ein Gesicht verpassen müsste – seines würde perfekt passen. Theodor Gebre Selassie hat sich in den vergangenen Monaten enorm gesteigert und auf gutem Niveau stabilisiert. Der 28-Jährige erlebt im dritten Bundesliga-Jahr gerade seine beste Phase – wie er selbst im Interview urteilt. Außerdem spricht der Rechtsverteidiger über seine neue, alte Position, seinen geplanten Rekordbruch und die Rückkehr in die tschechische Nationalmannschaft – und er verrät, was er seinem neun Monate alten Sohn Noe unbedingt beibringen will.

Herr Gebre Selassie, beginnen wir mit etwas Schmerzhaftem – Stichwort 1. FC Köln. Was fällt Ihnen als erstes ein, wenn Sie an das letzte Duell in der Hinrunde im Oktober 2014 denken?

Theodor Gebre Selassie: Das war leider kein guter Abend für uns. Wir wussten, dass wir gewinnen mussten – und dann verlieren wir 0:1. Man kann schon sagen, dass es so etwas wie der Tiefpunkt der Saison war. Wir haben alle gesehen, dass es so nicht weitergehen konnte.

Anschließend musste Trainer Robin Dutt gehen, weil Werder in neun Spielen keinen Sieg und nur vier Punkte geholt hatte.

Gebre Selassie: Das tut mir immer noch leid. Aber irgendetwas musste passieren. Und im Nachhinein sieht man, dass es keine falsche Entscheidung war.

Sie selbst haben gegen Köln Ihr Comeback nach mehrmonatiger Verletzungspause wegen eines Knochenödems im Oberschenkel gegeben – es gibt also auch eine gute Erinnerung an diesen Tag?

Gebre Selassie: Ja, schon. Es war für mich sehr wichtig, dass ich wieder mit den Jungs spielen konnte.

Nach Köln kam Viktor Skripnik als neuer Coach – und es ging immer weiter bergauf. Woran liegt das?

Gebre Selassie: Wir trainieren ein bisschen anders, haben im Winter gute neue Leute verpflichtet. Wir spielen als Mannschaft besser zusammen, spielen mehr Fußball. Unser Spiel ist schöner geworden. Und natürlich ist das Selbstvertrauen von Woche zu Woche gestiegen.

Vor allem bei Ihnen. Erleben Sie im drittem Jahr gerade Ihre beste Zeit bei Werder?

Gebre Selassie: Ich glaube, es ist so, ja. Das gilt aber für alle, die in den vergangenen drei Jahren hier waren. Für mich gehört die aktuelle Phase zu den besten meiner Karriere. Es läuft wirklich gut – und ich habe gemerkt, dass ich kein schlechter Spieler bin. Dass ich es auch schaffe, gegen richtig gute Spieler zu spielen. Das ist viel Kopfsache. Ich habe jetzt 73 Bundesliga-Spiele und weiß: Ich bin gut genug für diese Liga.

Welchen Anteil an Ihrer Entwicklung hat Skripnik?

Gebre Selassie: Man merkt sofort, dass der Trainer und auch Co-Trainer Torsten Frings professionell Fußball gespielt haben. Sie finden immer die richtigen Worte und wissen, dass einige Sachen auf Video sehr einfach aussehen, im Spiel aber manchmal schwer umzusetzen sind. Wir können sehr viel von ihnen lernen. Viktor Skripnik sagt mir immer, dass ich mutig spielen und keine Angst haben soll.

Hatten Sie damit früher größere Probleme?

Gebre Selassie: Ja. Vor allem, als ich Anfang 20 war. Wenn ich da einen Fehler gemacht habe, dachte ich immer gleich: ,Mein Gott...‘ Inzwischen ist es viel besser, ich kann Fehler jetzt mental gut verarbeiten und schnell abhaken.

Skripnik hat Sie allerdings aus dem geliebten Mittelfeld zurück auf die Rechtsverteidiger-Position gezogen. Sie haben schon mehrfach geäußert, darüber nicht so glücklich zu sein...

Gebre Selassie: Ich dachte tatsächlich, dass ich da hinten nicht mehr spiele. Ich habe mich im Mittelfeld wohl gefühlt, das war wie ein Neustart bei Werder. Aber der neue Trainer sieht mich eben wieder auf meiner alten Position. Und ich muss sagen: Mir macht es dort jetzt auch Spaß, weil wir attraktiveren Fußball spielen, ich mehr daran teilnehme und auch viele Offensivaktionen habe. Es ist also noch ein Neustart für mich.

In Ihren ersten zwei Werder-Jahren hatten Sie jeweils drei Scorerpunkte, momentan sind es wieder drei (zwei Tore, eine Vorlage). Wann brechen Sie Ihren persönlichen Rekord?

Gebre Selassie: Ich hoffe bald (lacht). Wie gesagt, ich mische vorne mehr mit, auch bei Standards. Das erhöht natürlich die Chancen.

Auffällig ist, dass Sie fast keine Gelben Karten bekommen – insgesamt erst drei in der Bundesliga, in dieser Saison noch gar keine.

Gebre Selassie: Ich bin eben so ein netter Spieler, noch nie vom Platz geflogen. Manchmal denke ich, ich muss ein bisschen härter sein (lacht). Im Ernst: Ich weiß inzwischen, dass man ab und zu auch mal ein taktisches Foul begehen muss.

Dank Ihrer guten Leistungen in Bremen sind Sie – nach exakt einem Jahr – auch wieder zur tschechischen Nationalmannschaft eingeladen worden. Erleichtert?

Gebre Selassie: Natürlich habe ich mich sehr gefreut, als ich vor einer Woche die E-Mail mit der Nominierung bekommen habe. Nun hoffe ich, dass ich auch spielen darf.

Tschechien ist nach vier Spielen Erster in der EM-Qualifikationsgruppe. Die Chancen auf die EM-Endrunde in Frankreich sind sehr gut. Werder ist momentan Neunter in der Bundesliga – reicht es noch für einen Europa-League-Platz?

Gebre Selassie: Wir werden sehen. Jetzt kommen die entscheidenden Spiele. Ich halte Platz sieben absolut für möglich. Wir haben auch gegen starke Gegner ordentliche Spiele abgeliefert. Das macht Mut.

Zlatko Junuzovic ist Ihr bester Kumpel im Team, Sie waren auch schon gemeinsam im Urlaub. Er hat Mitte Februar seinen Vertrag bei Werder bis 2018 verlängert. Sie zogen nicht mal eine Woche später nach. Haben Sie sich abgesprochen?

Gebre Selassie: Nein. Ich habe ,Zladdy‘ gesagt: ,Wenn du weggehst, ist das schade. Auch für mich, denn dann verliere ich einen guten Freund.‘ Umso schöner, dass er sich für Werder entschieden hat. Bei mir war es so: Ich wollte hier immer verlängern. Aber ich muss zugeben: Ich dachte nicht, dass es so schnell geht. Ich habe damit gerechnet, dass wir uns erst im Sommer zusammensetzen. Jetzt bin ich sehr glücklich, wie es gelaufen ist. Nach den Entscheidungen haben ,Zladdy‘ und ich uns gegenseitig gratuliert und sind zusammen Essen gegangen.

Der Aufschwung mit Werder ist insgesamt sicher spannend, Ihr Privatleben momentan aber auch. Seit neun Monaten haben Sie einen Sohn, im Juni steht in Tschechien die Hochzeit mit Ihrer Freundin Leona an. Fußball oder Familie – was ist gerade aufregender?

Gebre Selassie: Das kann ich gar nicht sagen. Momentan passt einfach wirklich alles super zusammen. Wobei es auch anstrengend ist. Mein Sohn Noe ist sehr aktiv, hat immer sehr viel Energie und in den ersten fünf Monaten fast gar nicht geschlafen (schmunzelt). Trotzdem ist es natürlich sehr, sehr schön. Seit drei Tagen brabbelt er ein bisschen – und seit etwa zehn Tagen zieht er sich an allem hoch. Sofa, Tisch. Da müssen wir alles wegstellen, was kaputtgehen könnte.

Was bringen Sie ihm gerade Neues bei?

Gebre Selassie: Manchmal rolle ich ihm einen Ball hin, aber daran ist er noch überhaupt nicht interessiert. Er mag alles andere, nur Bälle nicht. Ich freue mich schon darauf, wenn er laufen kann. Dann nehme ich wieder einen Ball – und wir fangen an zu spielen. Ich habe große Pläne mit ihm... (lacht)

mr

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