Taktik-Analyse

Werders Umstellungswahn! Kohfeldt wechselt mehrmals die Formation

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Mehrmals stellte Werder-Coach Florian Kohfeldt das System im Spiel gegen den SC Freiburg um.

Raute, 4-1-4-1, 4-4-2: Florian Kohfeldt stellte gegen den SC Freiburg mehrfach sein taktisches System um. Unser Taktik-Kolumnist Tobias Escher erklärt, warum diese Umstellungen entscheidend waren für den Bremer Erfolg.

Die Tinte war bereits trocken. Schon vor dem Pokalspiel gegen den SC Freiburg hatte Bremens Interimscoach Florian Kohfeldt einen dauerhaften Vertrag als Cheftrainer erhalten. Florian Kohfeldt zeigte im Pokalspiel gegen den SC Freiburg gleich einmal, wieso die Entscheidung Hand und Fuß hat: Er hat die Bremer taktisch ein ganzes Stück flexibler gemacht.

Beginn in der Raute

Kohfeldt schickte seine Mannschaft zunächst in einer Raute auf das Feld. Lange Jahre ließ Thomas Schaaf mit dieser Formation spielen, sie gehört praktisch zum Bremer Inventar. Philipp Bargfrede sicherte als Sechser vor der Abwehr ab, davor sollten Maximilian Eggestein und Thomas Delaney die Defensive mit der Offensive verbinden. Jerome Gondorf sollte als Zehner die Doppelspitze aus dem schnellen Florian Kainz und dem wuchtigen Ishak Belfodil mit Pässen füttern.

Es war gerade jener Gondorf, der in der Anfangsphase zu überzeugen wusste. Bremens Matchplan war recht simpel: Sie wollten in die Halbräume gelangen, die Räume zwischen Zentrum und Flügel. Hier hatte Freiburg mit dem breiten 4-4-2 Lücken, die man bespielen konnte. Bremen fand hier vor allem Gondorf, der immer wieder leicht zur Seite auswich. Er bot sich hinter Freiburgs Doppelsechs an und half damit, die eigenen Angriffe vor das Tor zu tragen.

Die Formationen beider Teams und die offen stehenden Halbräume, die Werder attackieren wollte.

Freiburg findet die Bremer Lücken nicht

Die frühe Führung (3.) spielte Bremen absolut in die Karten: Sie konnten in der Folge Freiburg das Spiel überlassen und sich selbst auf Konter fokussieren. Die verletzungsgeplagten Freiburger hatten große Probleme, das Spiel nach vorne zu tragen. Die Außenstürmer boten sich in einer sehr breiten Position an, Freiburg kam nie in das Zentrum. Bremen konterte über die Halbräume, Gondorf leitete das 2:0 ein (20.).

Dass Freiburg kaum nach vorne kam, lag allerdings eher an ihren spielerischen Schwächen, weniger an der überragenden Bremer Defensive. Die Raute hat naturgemäß Probleme, die Flügelzonen effektiv zu verschließen: Die Mittelfeldspieler agieren alle eher zentral, müssen weit herausrücken, um die Flügelspieler zu attackieren. Das taten Eggestein und vor allem Delaney, allerdings zu einem Preis: Sie öffneten das Zentrum. Freiburg kam nur selten in diese Zone, da ihnen Präsenz im offensiven Mittelfeld fehlte.

Umstellung auf 4-1-4-1

Kohfeldt reagierte und stellte nach dem 2:1 (28.) um. Kainz ging nach Linksaußen, Delaney nach Rechtsaußen. Belfodil agierte fortan als einziger Stürmer. In einem breiten 4-1-4-1 gelang es Bremen nun besser, die Flügel abzusichern und gleichzeitig die Präsenz im zentralen Mittelfeld aufrechtzuerhalten.

Werder Bremen gegen SC Freiburg

Belfodil war als alleiniger Stürmer jedoch auf sich gestellt. Er konnte weder zu einem aggressiven Pressing übergehen noch Bälle im Konter effektiv halten. Bremen kontrollierte die Partie zwar nun über die eigene Defensive, konnte aber keinerlei Nadelstiche mehr setzen und setzte Freiburg nicht wirklich unter Druck.

Umstellung auf 4-4-2

Kohfeldt reagierte in der Pause erneut und stellte sein Team abermals um. Gondorf rückte nun neben Belfodil, Bremen verteidigte in einem 4-4-2. Das Mittelfeld rückte ebenfalls weiter vor, um Freiburg früher und effektiver unter Druck zu setzen. Gerade Bargfrede und Eggestein rückten als Sechser immer wieder heraus, um zurückfallende Freiburger Mittelfeldspieler zu stellen.

Einzelkritik: Bargfrede mutiert zum Torjäger

Ab der 60. Minute konnte Bremen gegen müder werdende Freiburger vermehrt Nadelstiche setzen. Sie verhinderten, dass Freiburg das Spiel aus der Abwehr aufbauen konnte. Sie konterten damit auch Streichs Umstellung zur Pause: Die Freiburger Außenstürmer agierten zentraler, sollten die Räume im offensiven Mittelfeld besetzen - Freiburg kam aber gegen Bremens gutes Pressing selten in diese Zone. Das (eigentlich wegen einer Abseitssituation irreguläre) 3:1 erzielte Bremen nach einem frühen Ballgewinn (70.).

Passiv zum Schluss

Dass es zum Ende noch einmal spannend wurde, hatte viel mit der zu passiven Bremer Spielweise zu tun. Die Abwehr rückte nun früh nach hinten, was die Räume für Freiburg im Spielaufbau vergrößerte. Nach dem 3:2 verteidigte Bremens neu formierte Fünferkette Freiburgs lange Bälle in den Strafraum aber souverän.

Am Ende der Partie steht ein ähnliches Fazit wie nach der Partie gegen Mainz: Bremen überzeugte über weite Strecken defensiv, auch wenn sie in manchen Phasen zu passiv agierten. Kohfeldt griff zu den richtigen Zeitpunkten ein und stellte seine Mannschaft clever um. Der Unterschied zum Mainz-Spiel: Diesmal war das Glück auf der Bremer Seite. Es war der passende Schlusspunkt für ein turbulentes Werder-Jahr.

Tobias Escher

Zur Person: Tobias Escher ist ein freier Journalist, der sich als Taktikexperte bundesweit einen Namen gemacht hat. Er ist Autor der Website spielverlagerung.de sowie Experte bei Bohndesliga, einem ganz besonderen Fußball-Format im Internet. Der 29-Jährige schreibt für die „Welt“ und „11Freunde“ und war als Taktikexperte auch für TV-Sender wie Sky und ZDF tätig - mal im Vorder-, mal im Hintergrund. Absolut zu empfehlen sind seine Bücher „Vom Libero zur Doppelsechs“ und „Die Zeit der Strategen: Wie Guardiola, Löw, Mourinho und Co. den Fußball neu denken“ (erscheint im März 2018). Tobias Escher wird in dieser Saison alle Pflichtspiele des SV Werder Bremen exklusiv für die DeichStube analysieren.

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Quelle: DeichStube

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