3:1-Sieg gegen Köln

Taktik-Analyse: Pizarro und die eigene Passivität machen Werder das Leben schwer

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Claudio Pizarro im Duell mit Milos Veljkovic.

Bremen - Werder Bremens Leistung hatte Licht und Schatten, meint unser Taktik-Kolumnist Tobias Escher. Am Ende zog Florian Kohfeldt jedoch die richtigen Schlüsse aus der Leistung und passte seine Taktik im rechten Moment an.

Dominant auftreten, das Spiel dominieren: Das war Florian Kohfeldts selbst erklärtes Ziel vor der Partie gegen den 1. FC Köln. Unter der Woche ließ Kohfeldt den Spielaufbau trainieren. Er forderte von seiner Mannschaft, sie müsse die engen Ketten der Kölner mit Geduld und Tempoverschärfungen knacken. Das Ergebnis war eher so lala. Die wirklichen Probleme lagen allerdings in der Defensive.

Mischformationen auf beiden Seiten

Sowohl Werder als auch Köln traten mit flexiblen Formationen an. Kohfeldt schickte seine Elf in jener Mischformation auf das Feld, die in den meisten Spielen unter seiner Ägide zum Einsatz kam: Bei Ballbesitz positionierte sich die Mannschaft in einem 4-3-3. Gegen den Ball rückte Zlatko Junuzovic heraus und die Außenstürmer fielen zurück, sodass ein 4-4-2 entstand.

Kölns Trainer Stefan Ruthenbeck wählte eine ähnliche Variante. Seine Mannschaft postierte sich bei Ballbesitz in einem 3-4-3. Simon Terodde, Yuya Osako und die Bremer Legende Claudio Pizarro bildeten einen Drei-Mann-Sturm. Bei eigenem Ballbesitz ließ sich Osako zurückfallen, es entstand ein enges und nur schwer zu knackendes 5-3-2.

Die erste halbe Stunde des Spiels prägten die vergeblichen Bremer Bemühungen, das gegnerische Defensivbollwerk zu knacken. Köln sicherte vor allem die Mitte ab. So folgte jederzeit ein Bremer Verteidiger Werders Stürmer Max Kruse, sobald sich dieser ins Mittelfeld zurückfallen lassen wollte. Bremen versuchte zunächst, das Konstrukt über die eigene linke Seite auszuhebeln. Wirklichen Raumgewinn konnten sie allerdings nicht erzielen; auch nicht, nachdem Linksaußen Florian Kainz und Rechtsaußen Milot Rashica die Seiten tauschten.

Bremens ungewollte Sechserkette

Es war letztlich ein Standard, der in einem engen Spiel Bremen die Führung bescherte. Nach Milos Veljkovic' Führungstreffer (33.) änderte sich die Statik des Spiels. Es waren fortan die Bremer, die sich stärker zurückzogen und auf Konter lauerten. Köln wiederum hatte nun mehr Ballbesitz.

Der Unterschied zur ersten halben Stunde: Bremen verteidigte wesentlich weniger sauber als die Kölner. Die Außenverteidiger der Kölner stießen weit nach vorne, wodurch sie Bremens Außenstürmer weit nach hinten drückten. Oft standen Rashica und Kainz auf einer Höhe mit der Abwehrkette, es entstand ein sehr tiefes 6-2-2.

Dieser Effekt verschärfte sich nach der Pause noch einmal durch Ruthenbecks Umstellungen. Mit den Einwechslungen von Leonardo Bittencourt (für Frederik Sörensen) und Salih Özcan (für Terodde) besetzte Köln die Flügel doppelt. Sie drückten Bremens Außenstürmer damit noch weiter nach hinten, was wiederum weitere Räume im Mittelfeld öffnete.

Der alte Mann und das Mittelfeld

Dass Köln diese Räume im Mittelfeld auszuspielen wusste, lag zu großen Teilen an Pizarro. Der Altmeister führte noch einmal ein Medley seiner besten Hits auf: Ständig ließ er sich ins Mittelfeld fallen und fand freie Räume. Dort schirmte er den Ball ab und spielte ihn sofort weiter hinter die Abwehr. Osako und später Bittencourt profitierten von Pizarros Zuspielen.

Die Grafik zeigt die Überladungen der linken Seite, die Köln nach der Pause vorgenommen hat. Pizarro stieß zu dem Dreieck immer wieder hinzu und nutzte somit die freien Räume im Bremer Mittelfeld aus.

Köln kam nach der Pause vor allem über Bremens rechte Seite. Diese hatten sie als Schwachstelle ausgemacht. Linksverteidiger Jonas Hector rückte immer wieder ins Mittelfeldzentrum, kombinierte dort mit Özcan und Pizarro. Auch der Kölner Ausgleichstreffer fiel nach einem Angriff über die halblinke Seite (53.).

So lückenhaft Bremens Defensive war, so gut funktionierte das Konterspiel. Rashica wechselte ständig die Seiten, zeigte sich im Umschaltspiel präsent. Auch Maximilian Eggestein agierte gewohnt lauffreudig, bot bei Kontersituationen eine Anspielstation in die Tiefe. Da Köln auch nach dem Ausgleichstreffer weit aufrückte und offensiv agierte, konnte Bremen nur wenige Minuten später per Konter die erneute Führung markieren (57.).

Kohfeldts Umstellung stabilisiert Bremen

In der 67. Minute reagierte Kohfeldt auf die nicht sattelfeste Defensivleistung seines Teams. Er brachte Ishak Belfodil (für Rashica) und stellte sein System um. Belfodil ging in den Sturm und Kruse rückte ins Mittelfeld. Bremen verteidigte fortan in einem 4-1-4-1, sicherte mit Kruse als zusätzlichem Mittelfeldspieler besser die Zentrale ab. So konnte der (immer müder wirkende) Pizarro weniger Einfluss nehmen auf die Partie.

In der Schlussphase warf Köln noch einmal alles nach vorne. Mit fünf Stürmern postierten sie sich im Strafraum. Kohfeldt reagierte und stellte mit der Einwechslung von Sebastian Langkamp (83., für Kainz) auf eine Fünferkette um. Der Bremer Siegtreffer nach einem Konter war folgerichtig, da Köln trotz totaloffensiver Formation Bremens nun sattelfeste Defensive nicht knacken konnte.

Bei allen Diskussionen um die schwankende Defensivleistung und das alles andere als perfekte Aufbauspiel in der ersten halben Stunde: Kohfeldt dürfte nach dieser Partie ein Stein vom Herzen gefallen sein. Bremen sammelt drei wichtige Punkte im Kampf gegen den Abstieg – Punkte, die Druck von Kohfeldt nehmen und ihm damit auch helfen, die Mannschaft in den kommenden Wochen weiterentwickeln zu können. Zu tun gibt es nämlich genug.

Tobias Escher

Zur Person: Tobias Escher ist ein freier Journalist, der sich als Taktikexperte bundesweit einen Namen gemacht hat. Er ist Autor der Website spielverlagerung.de sowie Experte bei Bohndesliga, einem ganz besonderen Fußball-Format im Internet. Der 29-Jährige schreibt für die „Welt“ und „11Freunde“ und war als Taktikexperte auch für TV-Sender wie Sky und ZDF tätig - mal im Vorder-, mal im Hintergrund. Absolut zu empfehlen sind seine Bücher „Vom Libero zur Doppelsechs“ und „Die Zeit der Strategen: Wie Guardiola, Löw, Mourinho und Co. den Fußball neu denken“ (erscheint im März 2018). Tobias Escher wird in dieser Saison alle Pflichtspiele des SV Werder Bremen exklusiv für die DeichStube analysieren.

Fotostrecke: Werder gewinnt Kellerduell

Werder Bremen gegen 1. FC Köln
Werder Bremen gegen 1. FC Köln © Gumz
Milos Veljkovic schießt Werder in der 33. Minute mit 1:0 in Führung.
Milos Veljkovic schießt Werder in der 33. Minute mit 1:0 in Führung. © nordphoto
Werder Bremen gegen 1. FC Köln
Werder Bremen gegen 1. FC Köln © Gumz
Werder Bremen gegen 1. FC Köln
Werder Bremen gegen 1. FC Köln © Gumz
Werder Bremen gegen 1. FC Köln
Werder Bremen gegen 1. FC Köln © Gumz
Rashica schießt Werder in der 58. Minute zur 2:1 Führung.
Rashica schießt Werder in der 58. Minute zur 2:1 Führung. © Gumz
Werder Bremen gegen 1. FC Köln
Werder Bremen gegen 1. FC Köln © Gumz
Werder Bremen gegen 1. FC Köln
Werder Bremen gegen 1. FC Köln © Gumz
Maximilian Eggestein macht in der 89. Minute mit dem 3:1 den Deckel drauf.
Maximilian Eggestein macht in der 89. Minute mit dem 3:1 den Deckel drauf. © nordphoto

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Quelle: DeichStube

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