Neue Serie: „Wech vom Deich“

Die unglaubliche Odyssee des Kevin Schindler

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Schuss ins Ungewisse: Kevin Schindler hat zuletzt für den FC Cincinnati in den USA gespielt.

Bremen - Kevin Schindler war einst ein großes Nachwuchstalent bei Werder Bremen, heute ist er ein Fußball-Nomade. Teil 1 unserer neuen Serie: „Wech vom Deich“.

Zehn Jahre ist es her, da hatte er den Platz unter den Besten seines Alters noch sicher. U21-Nationalmannschaft, an der Seite von Özil, Boateng, Neuer und Kroos – gemeinsam am Start einer langen und verheißungsvollen Reise durch den Fußball. Die aber nicht immer geradlinig und schon gar nicht fair verläuft. Während die Mitspieler von früher längst Weltmeister, ihre Namen global funktionierende Marken sind, hat sich Kevin Schindler kürzlich in ein Flugzeug nach Vietnam gesetzt. Mit an Bord: die Hoffnung auf einen neuen Verein, wieder einmal.

Ein Testspiel bei Blitz und Donner, 35 Grad, die Luft auf der Haut wie ein nasser Lappen. Am Abend, verschwitzt im Hotel, vom Mittelsmann die Absage per Telefon: „Sie haben sich für den Afrikaner entschieden.“ Es sind Geschichten wie Abenteuer, und Schindler, 30, kann von ihnen viele erzählen. Aus Werders Nachwuchstalent von einst ist ein Fußball-Nomade geworden. Sein Blick auf den Sport: glasklar, knallhart – und noch immer hoffnungslos verliebt. „Fußball kann manchmal ein Drecksgeschäft sein“, sagt er, „aber wenn du etwas dein Leben lang mit Herz und Leidenschaft machst, gibst du es nicht so schnell auf.“

Torvorlage beim Debüt - besser sollte es nicht mehr werden

Es ist die Geschichte eines Suchenden. Ganz am Anfang stehen diese beiden Sätze. Kurz und prägnant. Kevin Schindler hat sie nicht vergessen und wird es wohl auch nie. Es ist der 14. März 2007, UEFA-Cup-Achtelfinale gegen Celta Vigo, als Wolfgang Rolff dem damals 18-Jährigen im Weserstadion unter gleißendem Flutlicht einen gehörigen Schrecken einjagt. „Mach’ dich intensiver warm. Kann sein, dass du gleich reinkommst.“

Wäre Schindlers Karriere ein Roman – diese beiden Sätze wären wohl seine ersten. Alles Weitere baut auf ihnen auf. Zur zweiten Hälfte werden die Worte des Co-Trainers wahr: Schindler, der Junge aus dem benachbarten Delmenhorst, wird eingewechselt – und bereitet in seinem ersten Profispiel zwei Minuten später das 1:0 durch Hugo Almeida vor. Der Höhepunkt einer Karriere, erreicht schon mit der allerersten Aktion. Besser sollte es nie mehr werden.

Gleich im ersten Profispiel der Karriere-Höhepunkt: Gegen Celta Vigo bereitet Kevin Schindler ein Tor von Hugo Almeida vor, auch Diego kommt zum Gratulieren.

Cafe Ambiente, Bremen: Pünktlich zur verabredeten Zeit kommt Kevin Schindler die große Treppe herunter. Schwarzes Shirt, schwarze Shorts, es sind 1,91 Meter pure Athletik, die sich ihren Weg an den Frühstücksgästen vorbeibahnen. Dass dort ein Berufssportler den Platz an der großen Fensterfront einnimmt, lässt sich leicht erahnen. Dass er seit einem halben Jahr keinen Job mehr hat und noch nicht weiß, wie es weitergeht, sieht man nicht. „Ich kann nicht sagen, wo mein Weg hinführt“, erzählt Schindler. Was er aber sagen kann: Wo er ihn schon überall hingeführt hat. Bei strahlendem Sonnenschein und Milchkaffee gibt er erstmals einen detaillierten Einblick in seine persönliche Fußball-Odyssee. Bremen, Rostock, Augsburg, Duisburg, St. Pauli, Wiesbaden, Cincinnati, Südafrika, Vietnam. „Ich bin viel rumgekommen“, sagt Schindler.

Weil Werders Kader 2008 zu gut besetzt ist, leiht der Verein das Talent aus dem eigenen Nachwuchs aus. Hansa Rostock, Zweite Liga. Ein Schritt zurück, um später zwei nach vorne zu machen. So lautet die Theorie. „In Rostock lief es hervorragend für mich“, blickt Schindler zurück, der mit der Empfehlung von 32 Zweitligaspielen, fünf Toren und 13 Vorlagen nach Bremen zurückkehrt, dort aber wieder keinen Platz findet.

Knorpelschaden im Knie - ein Jahr Pause

„Als es hieß, dass der Verein mich wieder verleihen möchte, habe ich mir schon meine Gedanken gemacht“, sagt Schindler, der sich aber darauf einlässt. FC Augsburg, wieder Zweite Liga, dieses Mal ohne Erfolg. Sein Problem: An Marcel Ndjeng, Lieblingsschüler von Trainer Jos Luhukay, gibt es einfach kein Vorbeikommen. „Da konnte ich mich strecken, so viel ich wollte.“ Nach einem halben Jahr bittet Schindler um die Auflösung des Leihvertrags, kehrt im Winter zu Werder zurück und wird im Sommer abermals verliehen. Nach Duisburg. Zweite Liga, dritter Anlauf. Es wird der schmerzhafteste.

Unter Trainer Milan Sasic bekommt er sofort Einsätze, aber auch einen verhängnisvollen Auftrag. „Der Trainer hat mir Einzelläufe verordnet, weil er meinte, dass ich an meiner Fitness arbeiten müsse.“ Bei einem dieser Läufe plötzlich ein stechender Schmerz, das Knie. Eine Entzündung, heißt es zunächst. Schindler bekommt Cortison-Spritzen. Die Beschwerden bleiben. Später wird ein Knorpelschaden diagnostiziert. Ab 2010 ein Jahr Pause, Reha in Bremen. Özil, Boateng, Neuer und Kroos spielen die WM in Südafrika, während sich Schindler für den nächsten Anlauf quält.

Beim FC St. Pauli erlebt Kevin Schindler die beste Phase seiner Karriere.

„Fußball ist knallhart. Jeder muss gucken, wo er bleibt“, sagt Schindler. Er klingt dabei aber nicht verbittert. Der Sport ist seine Welt. Nur hat er deren Schattenseiten eben genau kennengelernt. Vor einiger Zeit, gar nicht so lange her, da hat ihm ein Bekannter eine Ausbildung als Versicherungskaufmann in Aussicht gestellt. Glanzlos, aber solide. Etwas mit Zukunft, mit dem sich planen lässt. Schindler, ein sehr höflicher Mensch, bedankte sich für das Angebot und sagte ab: „Ich kann mich nicht ins Büro setzen. Das bin einfach nicht ich.“

Ab Sommer 2011, der Angreifer hatte seine Knieprobleme im Griff, folgt beim FC St. Pauli die beste Phase seiner Karriere. Auch wenn ihn immer wieder kleinere Verletzungen stoppen, „ist es meine zweite Heimat geworden“. Im Januar 2014 erfährt er von Sportchef Rachid Azzouzi, dass sein auslaufender Vertrag im Sommer nicht verlängert wird. Er wechselt zum SV Wehen Wiesbaden, Dritte Liga. Ein Abstieg. „Das Angebot war nicht schlecht. Teilweise zahlen Zweitligisten das nicht“, berichtet er. Längst geht es nicht mehr um den Traum von großen Clubs und Titeln, sondern darum, im Geschäft zu bleiben, wenn auch am Rand. Drei Jahre hält Schindler für den Verein die Knochen hin. Dann stellt ein Mitspieler den Kontakt in die USA her – und Schindler wagt den Absprung.

Anfragen über Facebook aus Finnland, Iran, Malaysia

Cincinnati, auch Zweite Liga, einmal über den großen Teich. „Die beste Entscheidung, die ich treffen konnte“, sagt Schindler, der regelmäßig spielt, vor 25.000 Zuschauern und mehr, seine Freundin kennenlernt, das Leben genießt. Schon früh in der Saison will der Verein seinen Jahresvertrag verlängern – zu gekürzten Bezügen, wie sich später herausstellt. Schindler bricht seine Zelte ab. „Ich musste bei jedem meiner Wechsel finanziell zurückstecken. Irgendwann habe ich gesagt: So kann es nicht weitergehen.“ Seit Dezember 2017 ist er auf der Suche nach einem neuen Verein.

Die Anfragen kommen über Facebook und Instagram. Satzfetzen mit fehlerhafter, teilweise auch ganz ohne Interpunktion. Mal aus Finnland, mal aus Thailand, Polen, Iran, Malaysia, Singapur. „Dear friend...“ Schindler kümmert sich selbst darum, entscheidet von Fall zu Fall, wie sehr er der Sache traut. Scheint es seriös, fliegt er los. Südafrika, Johannesburg und Pretoria. Die Erstligisten Bidvest United und Supersport United hatten über Mittelsmänner angeklopft. „Das Niveau war auf dem Level der Vierten, Fünften Liga in Deutschland“, sagt Schindler. „Finanziell war es reizvoll. Ich hätte es gemacht.“ Am Ende hieß es von den Clubs: „Sorry, but...“ Rückflug.

Wehen Wiesbaden verließ Kevin Schindler Richtung USA. Seitdem sucht er auf der ganzen Welt nach der sportlichen Erfüllung.

Kurz danach dann Thanh Hoa, Küstenprovinz, Vietnam. Schindler spielt in einem Testspiel vor. Sein Kontakt sagt: „Mach’ ein Kopfballtor. Darauf stehen sie hier, dann klappt es.“ Bei heftigem Gewitter trifft der Stürmer drei Mal, ein Mal tatsächlich per Kopf, sein Team gewinnt 5:1. Abends dann die Absage. „Das kann man nicht erklären. Fußball ist verrückt. Unglaublich.“

Im Cafe Ambiente ist Schindler mit seiner Geschichte in der Gegenwart angekommen. Beim Bremer Fußballverband bereitet er sich gerade auf seine erste Trainerlizenz vor. Nächstes Jahr soll der Lehrgang starten. Täglich läuft er durch den Bürgerpark, hält Augen und Ohren in der Fußballwelt offen. Schindlers Karriere hat ihn gelehrt, dass nicht nur die Muskeln flexibel bleiben müssen.

Wenn die alten Mitspieler von damals bei der WM in Russland im Rampenlicht stehen, wird auch er hin und wieder vor dem Fernseher sitzen – sollte es seine Zeit zulassen. „Vor ein paar Tagen kam eine Anfrage aus Indien“, sagt er. „Mal sehen, was passiert.“

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Quelle: DeichStube

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