Das Spezial-Interview vor dem Abschiedsspiel: Thomas Schaaf spricht über Ailton

„Toni ist eine ehrliche Haut“

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Wiedersehen im Sportstudio – und Schaaf sagt zu Ailton: „Sieh zu, dass du am Samstag eine entsprechende Fitness mitbringst!“

Bremen/Frankfurt - Von Björn Knips. Thomas Schaaf hat richtig Spaß – denn es geht in diesem Gespräch mal nicht um Tore, Punkte, Meisterschaft, sondern ausschließlich um einen Mann: Ailton Goncalves da Silva, kurz Ailton oder Toni, wie ihn Schaaf nennt.

Der Brasilianer bestreitet am Samstag im Weserstadion (16 Uhr/NDR live) sein großes Abschiedsspiel. Schaaf ist natürlich mit dabei, als Trainer der Double-Gewinner von 2004. Auf der anderen Seite wird Ailtons Südamerika-Auswahl stehen. Ein Riesenfest für den 41-Jährigen, der von 1998 bis 2004 bei Werder spielte. Schaaf war damals sein Trainer und sein größter Förderer. Im Spezial-Interview erinnert sich der 53-Jährige, der seit dieser Saison Eintracht Frankfurt betreut, an Ailtons schwierige Anfänge in Bremen, seine Erziehungsmaßnahmen – und er schaut für den Brasilianer schon mal in die Zukunft.

Herr Schaaf, Ailton wollte sich seit Freitag bei Werders U 23 auf sein Abschiedsspiel vorbereiten, bislang hat er es noch nicht zum Training geschafft. Lassen Sie ihn am Samstag trotzdem spielen?

Thomas Schaaf: Das wird eng für ihn (lacht). Ich habe ihn am Samstag im ZDF-Sportstudio getroffen und ihm gesagt: ,Sieh zu, dass du eine entsprechende Fitness mitbringst!’ Aber wir kennen ihn ja, er wird sicher das Beste daraus machen.

Wie war das denn so mit Ailton und dem Training?

Schaaf: Eigentlich ganz gut, wenn er da war . . . Klar, am Anfang hatte er so seine Probleme. Als ich die Mannschaft übernommen habe, da gab es viele Diskussionen um ihn. Es hieß ja immer: Der Star aus Brasilien funktioniert nicht. Seine Leistungen waren zu diesem Zeitpunkt auch nicht so gut. Aber wir haben das dann immer besser hingekriegt, auch dank seiner Teamkollegen, die ihn prächtig bedient haben. Er hat verstanden, sein Spiel darauf auszurichten. Gleichzeitig war er bereit, für das Team da zu sein.

Gab es damals harte Worte oder eher Streicheleinheiten?

Schaaf: Es gibt so einen herrlichen Fernseh-Bericht von Radio Bremen. Da sage ich, dass man einen Spieler nicht immer gleich bestrafen kann. Und dann werde ich gefragt, wie ich es mit Toni gemacht habe, und was habe ich geantwortet? ,Ich habe ihn bestraft!‘ (lacht) So einfach ist das natürlich nicht. Toni kam aus einer ganz anderen Welt, kannte diese besondere Konzentration auf Fußball in Deutschland nicht, er hatte eine andere Spielauffassung. Das muss man verstehen. Wir haben ihm erklärt, dass es nur im Einklang geht.

Gab es einen Moment, als es Klick gemacht und Ailton funktioniert hat?

Schaaf: Wir haben uns irgendwann noch einmal zusammengesetzt – Klaus Allofs, Toni und ich. Wir haben ihm verdeutlicht, dass wir ihm nichts Böses und ihn auch nicht total umbauen wollen. Du machst aus einem Brasilianer mit diesem Temperament keinen Spieler mit den typisch deutschen Tugenden. Wir haben ihm gesagt, dass er uns vertrauen muss. Das hat er gemacht, und das hat ihn auf die richtige Spur gebracht.

Er hat Sie Papa genannt, war er so etwas wie ein Sohn für Sie?

Schaaf: Deutscher Papa hat er immer gesagt. Wir haben natürlich über die Zeit eine gute Verbindung aufgebaut. Er wusste, dass er sich auf mich total verlassen kann. Er wusste aber auch, dass ich genau aufpasse, dass er sich nicht alles erlauben durfte.

Haben Sie bei Ailton öfter weggeschaut als bei anderen?

Schaaf: Die Regeln waren schon für alle gleich. Aber wir kannten ja seine Nummern. Die bekannteste ist seine Taxifahrt nach Norderney. Das war damals gar nicht so einfach für uns: Da taucht einer drei Tage lang nicht auf – und du weißt nicht, warum. Da fragt man sich: Ist etwas passiert oder will da nur jemand ausreizen, wie weit er gehen kann?

Gab es denn einen ernsthaften Hintergrund für seine Verspätung?

Schaaf: Argumente gab es genug, aber ob die alle gestimmt haben, da bin ich mir nicht so sicher.

Was hat die Mannschaft mit den vielen Strafgeldern von Ailton gemacht?

Schaaf: Die eine oder andere Party hat er schon geschmissen. Er musste ganz schön tief in die Tasche greifen. Aber da gab es auch noch ein paar andere . . .

Was ist Ailton für ein Typ?

Schaaf: Er ist einer, der immer einen Spaß dabei haben muss. Wenn er sich wohlfühlt, merkt man das sofort, dann lacht er nämlich viel. Er ist eine ehrliche Haut, ein anständiger Bursche, der Spaß am Fußball hat. Das macht er auch am liebsten. Toni kann sich auch sehr mit anderen freuen. Das ist eine tolle Sache an ihm. Er denkt nicht nur an sich.

Wie bitter war es für Sie im Herbst 2003, als Ailtons Wechsel zu Schalke bekanntgegeben wurde?

Schaaf: Das hat eingeschlagen wie eine Bombe. Toni ist ja erst nach einer gewissen Zeit bewusst geworden, was er da gemacht hat. Am liebsten wäre er doch noch in Bremen geblieben.

Waren Sie enttäuscht von ihm, dass er vorher nicht zu Ihnen gekommen ist und Ihnen das Wort gegönnt hat?

Schaaf: Ach – enttäuscht. Ich glaube, dass man das nicht sein kann. Jeder hat das Recht, seinen Weg zu gehen. Für ihn war es auch eine gute Möglichkeit. Er hat ja ein großes Herz, nimmt immer viele mit, versorgt unheimlich viele Leute. Vielleicht hat er damals gedacht: Ich muss so viel wie möglich realisieren. Also ich würde ihm daraus jetzt keinen Strick drehen.

Warum hat Ailton nie mehr so gut funktioniert wie bei Werder?

Schaaf: Tja – das weiß ich auch nicht. Es hat offenbar nie so gut gepasst wie in Bremen. Da hatte er tolle Mitspieler, einen genialen Johan Micoud, einen Frank Baumann, einen Krisztian Lisztes, einen Fabian Ernst oder einen Tim Borowski, die damals alle im Mittelfeld gespielt haben. Ich hoffe, ich habe niemanden vergessen. Er wurde super bedient. Es war auch ein Spiel für Toni.

Warum haben Sie ihn nie zurück nach Bremen geholt?

Schaaf: Mit dem Zurückholen sollte man immer vorsichtig sein. Die Erwartung, die Situation von damals zu wiederholen, kann man selten erfüllen. Toni hatte in Bremen doch alles getroffen, was man treffen konnte – und als Torschützenkönig eine riesige Marke gesetzt.

Ailton kam dann doch noch zurück nach Bremen und kickte für den Regionalligisten FC Oberneuland. Haben Sie sich damals ein Spiel mit ihm angeschaut?

Schaaf: Nee, das musste ich auch nicht. Ich weiß nicht, ob er all das, was er noch erlebt hat, noch erleben musste. Scheinbar ja, er hat sich ja dafür entschieden.

Auch fürs Dschungelcamp – wie fanden Sie seinen Auftritt in der RTL-Show?

Schaaf: Ich habe ihm damals schon gesagt, dass das keine Aktion war, die ich ihm unbedingt empfohlen hätte.

Was trauen Sie Ailton in der Zukunft noch zu, was wird er in zehn Jahren machen?

Schaaf: Keine Ahnung. Aber es wird ihm bestimmt etwas einfallen. Er wird nie ein ruhiges Leben führen, er braucht immer Action – ob auf einem Pferderücken oder in einer Fußball-Show. Ich hoffe, dass er dem Fußball irgendwie treu bleiben kann und dort etwas findet, was ihn glücklich macht.

Was erwarten Sie von Ailton am Samstag?

Schaaf: Mindestens ein paar Tore. Und wir wollen natürlich alle seinen Antritt sehen.

Es gibt Ehrenspielführer bei Werder – was ist Ailton bei Werder?

Schaaf: Ich Ailton – super! Das fällt mir dazu ein. Er hat sich in die Herzen der Menschen gespielt. Er ist ein absoluter Publikumsliebling. Egal, wann er nach Bremen kommt, die Leute freuen sich, ihn zu sehen. Das ist einfach eine tolle Nummer.

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