Skripnik redet Klatsche gegen Bayern schön

„Wir sind stolz auf dieses 0:4“

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DA HATTE ES zum dritten Mal eingeschlagen: Werder-Torwart Raphael Wolf (l.) und Innenverteidiger Jannik Vestergaard (r.) sahen beim Bayern-Jubel lieber weg.

BREMEN. Es ist ein Satz, den es so in der Fußball-Bundesliga wahrscheinlich noch nicht gegeben hat – und der sicher für Gesprächsstoff sorgen wird. Denn Werder-Coach Viktor Skripnik kommentierte gestern die deutliche 0:4 (0:2)-Heimpleite gegen den FC Bayern München auf der anschließenden Pressekonferenz mit äußerst ungewöhnlichen Worten: „Wir sind stolz auf dieses 0:4.“ Im Auditorium setzte sofort Gemurmel ein, jeder vergewisserte sich bei seinem Nachbarn, ob er den Ukrainer wirklich richtig verstanden hatte. Doch Skripnik hatte diesen Satz tatsächlich so gesagt – und er legte später in kleinerer Journalistenrunde noch nach: „Das ist unser Limit gewesen, deswegen kann ich nicht meckern. Wir haben 33 Punkte, das war heute ein Bonusspiel. Deswegen nehmen wir diese Niederlage gerne mit.“

Clemens Fritz tat das allerdings nicht. Der Werder-Kapitän hatte eine ganz andere Sicht der Dinge – eine, die auch das objektive Auge so wahrgenommen hatte. „Wir haben in der ersten Halbzeit sehr ängstlich agiert, so kannst du gegen Bayern nichts holen“, kritisierte der 34-Jährige: „Ich hatte den Eindruck, dass wir Schiss haben. Anscheinend hatten wir schon vor dem Spiel den Kolben in der Hose.“

Dabei war doch im Vorfeld der Partie gegen stark ersatzgeschwächte Bayern so viel von Mut die Rede gewesen. Und Skripnik hatte versprochen: „Wir werden hinten keine zwei Busse aufstellen.“ Doch seine Taktik war auf Sicherheit angelegt. Vor der Viererkette hatte er einen Fünfer-Riegel installiert – und davor agierte Fin Bartels als einzige Spitze. Okay, wenn Werder in Ballbesitz kam, wurde daraus ein 4:3:3-System. Das brachte Bayern-Coach Pep Guardiola zu Beginn ganz schön in Aktion. Der Spanier gestikulierte wild am Spielfeldrand, wollte seine Dreierkette gerne auf vier Abwehrspieler erhöhen, um der vermeintlichen Bremer Offensiv-Power auch quantitativ besser zu begegnen. Denn Werder hatte schon nach 35 Sekunden mit einer Direktabnahme von Levin Öztunali ein Zeichen gesetzt. Der Schuss ging nur knapp vorbei. Nur wenige Sekunden später stand plötzlich Theodor Gebre Selassie allein vor Pepe Reina, allerdings mit dem Rücken zum Ersatz von Nationalkeeper Manuel Neuer, der geschont wurde. Gebre Selassies Heber war dann zu harmlos.

Guardiolas anschließende Umstellungen wirkten – fortan spielten nur noch die Bayern, scheiterten aber zwei Mal an Keeper Raphael Wolf. Erst Robert Lewandowski (14.), dann Thomas Müller (24.), der allerdings den glänzend abgewehrten Ball von Teamkollege Mario Götze zurückbekam und mit einem feinen Schlenzer doch noch traf.

Dieses 1:0 tat Werder weh, nichts ging mehr. Und die Schmerzen direkt vor der Pause wurden noch größer, denn David Alaba zirkelte einen Freistoß unhaltbar zum 2:0 ins Tor.

Die Entscheidung? Eigentlich schon. Doch nach dem Wechsel war Werder endlich das Werder, das es sein wollte: mutig, aggressiv, offensiv. Fin Bartels als Flanke getarnten Versuch konnte Reina gerade noch über die Latte lenken (64.). Eine Minute später war der Ball sogar drin, doch Schiedsrichter Thorsten Kinhöfer gab den Treffer von Bartels nicht, er hatte zuvor ein Handspiel von Sebastian Prödl gesehen. Eigentlich richtig. Doch Prödl war von Jerome Boateng klar am Trikot heruntergezogen worden. Kinhöfer entschuldigte sich später, aus seinem Blickwinkel habe er das nicht beobachten können: „Wenn wir die TV-Bilder gesehen hätten, hätten wir auf Strafstoß entschieden.“

Natürlich ärgerte sich Werder über diese Fehlentscheidung – und das schon auf dem Platz. Denn jetzt war richtig Feuer drin, gleich zwei Mal kam es nach Foulspielen zu Rudelbildungen. „Dieses Gift hätten wir von der ersten Minute an bringen müssen“, ärgerte sich Fritz. Denn eine Aufholjagd war seinem Team nicht mehr vergönnt gewesen. Schlimmer noch. Im mit 42100 Zuschauern restlos ausverkauften Weserstadion schraubten die Bayern das Ergebnis durch zwei feine Konter-Tore von Lewandowski (76. und 90.+1) auf 4:0. Weil auch noch Philipp Lahm nach fast viermonatiger Verletzungspause in der Schlussphase sein Comeback feierte, war es ein perfekter Bayern-Nachmittag.

Auch Skripnik wollte ganz offensichtlich keine schlechte Laune haben. „Meine Mannschaft hat sich ein Lob verdient. Wir haben alles getan, wir haben alles versucht, wir haben mit Mut nach vorne gespielt“, meinte der 46-Jährige und erinnerte an das Hinspiel: „Da haben wir 0:6 verloren, jetzt 0:4 – das ist unsere Entwicklung.“ Eine etwas eigenwillige Sichtweise. Eine andere Entwicklung ist da angenehmer: Trotz der Niederlage bleibt Werder in der ersten Tabellenhälfte und hat weiterhin noch zehn Punkte Vorsprung auf den Relegationsplatz.

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