Tim Wiese und das Ziel, der deutsche WM-Torwart zu werden / „Ich will in Südafrika spielen“

Nur die „1“ im Sinn

Den hat er! Für Tim Wiese war das Trainingslager auf Norderney der Beginn einer Saison, die für ihn mit der WM enden soll.Fotos (2): nph

Werder-Bremen - NORDERNEY n Mit einer Schale Kirschen in der Hand erscheint Tim Wiese zum Medientermin. Da muss der Kalauer einfach sein. „Na, Tim, hast die ein paar Kirschen eingefangen, was?“ Wiese grinst. Denn er weiß: Hat er nicht. Jedenfalls nicht in der vergangenen Saison. Es war eine gute Serie des Werder-Torwarts. „Kirschen“ – also vermeidbare, dumme Gegentore – waren keine dabei. Und das muss in der kommenden Saison so bleiben, wenn Wiese sein großes Ziel erreichen will, bei der WM 2010 in Südafrika die deutsche Nummer eins zu sein.

Diesen Anspruch formuliert er ganz klar. „Ich will in Südafrika spielen“, sagt der 27-Jährige, der noch nie an mangelndem Selbstbewusstsein litt. Selbst Rückschläge wie einst sein Patzer im Champions-League-Achtelfinale gegen Juventus Turin oder sein Blackout im UEFA-Cup bei den Glasgow Rangers hat er immer gut verarbeitet. Er hat die negativen Erlebnisse in positive Erlebnisse umgewandelt. Dass er das geschafft hat, wertet Wiese selbst als Beweis dafür, dass er reif ist für den Platz im deutschen Tor. „Jeder große Torwart hat mal in wichtigen Spielen seinen Klops gebaut. Da muss man durch, da muss man Stärke beweisen“, meint der Werder-Keeper, hört sich dabei aber weniger anmaßend an, als es die Worte vermuten lassen. Wiese in der Riege großer deutscher Torleute? Vielleicht wird das einmal. Noch würde er das nicht von sich behaupten. Nach erst einem Länderspiel und ohne ein internationales Turnier gespielt zu haben, wäre das auch unpassend.

Aber Wiese arbeitet an seinem Aufstieg. Dass er enorm abgenommen hat, fällt wohl jedem auf. Zum Gespräch auf Norderney erscheint er im hautengen, schwarzen Nike-Shirt, in das er noch vor einem Jahr kaum reingepasst hätte. Der Muskelmann von früher ist rank und schlank geworden. Die Muskeln spielen lassen, kann er trotzdem noch – verbal versteht sich.

Den Hinweis, dass er erneut der einzige der vier Anwärter auf die deutsche Nummer eins sei, der in der kommenden Saison im internationalen Einsatz ist, platziert er bewusst. Um aufzuzeigen: Ich bin der mit der größten Erfahrung. Wieses Widersacher Robert Enke (Hannover 96), Rene Adler (Bayer Leverkusen) und der bei der U 21-EM überragende Manuel Neuer (Schalke 04) können in Sachen Champions-League- und UEFA-Pokal-Einsätzen tatsächlich nicht mithalten. Da hat Wiese ein klares Plus, und das will er als Argument nutzen: „Ein Torwart lebt ja auch von der Erfahrung. Ich bin dankbar, dass ich mit Werder viel davon sammeln konnte.“ Er habe sich dadurch weiterentwickelt, sei routinierter, besser geworden, sagt er: „Der Geist ist insgesamt ruhiger. Ich bin nicht mehr nervös.“

Das gilt auch und speziell für die kommenden Monate, in denen Bundestrainer Joachim Löw und sein Torwartbeauftragter Andreas Köpke den vier Kandidaten genau auf die Finger schauen wollen. Köpke hat bereits erkennen lassen, dass bis zum WM-Qualifikationsspiel in Moskau gegen Russland im Oktober eine Vorentscheidung fallen werde. Wer dann spiele, habe die besten Chancen, auch bei der WM im DFB-Tor zu stehen. Wiese ist zwar gespannt, aber nicht hibbelig: „Ich bin da nervenstark.“ Und selbst wenn Löw wie sein Vorgänger Jürgen Klinsmann die Wahl der „1“ bis kurz vor Turnierbeginn hinauszögern sollte, „ist mir das auch wurscht. Mir ist es egal, wie lange das dauert“, betont Tim Wiese. Hauptsache, er ist es dann.

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