15 000 sehen Werders Pokal-Debakel auf dem Domshof / Polizei hat Ärger mit enttäuschten Fans

Der Schlusspfiff als Erlösung

Rund eine halbe Stunde durfte der grün-weiße Anhang hoffen …

Bremen - Von Sven Marquart · Es war alles angerichtet: unzählige dunkelgrüne Fahnen, die ein Sponsor springen lassen hatte, Vuvuzelas, die einen Vorgeschmack auf die WM lieferten, eine LED-Leinwand – und davor auf dem Domshof eine Meute von grob geschätzt 15 000 Fans, die nichts sehnlicher erwarteten als Werders siebten Pokalsieg. Doch am Ende blieb nur bittere Enttäuschung.

Schon weit vor Beginn des Public Viewings herrscht ausgelassene Stimmung in Bremens guter Stube. Allerdings sind auch viele skeptische Gesichter zu sehen – eine Vorahnung, dass die Bayern später groß aufziehen werden? Radio-Bremen-Vier-Moderator Simon Beeck heizt der Menge kräftig ein. Spätestens mit dem Atzen-Song „Das geht ab (Wir feiern die ganze Nacht)“ ist der Siedepunkt erreicht.

Public Viewing auf dem Domshof

Public-Viewing auf dem Domshof

Um 19.55 Uhr flackern die ersten Live-Bilder aus dem Berliner Olympiastadion über die Leinwand: „Feier-Biest“ Louis van Gaal auf dem Weg zur Trainerbank, quittiert von lauten „Buh“-Rufen in der Hansestadt. 20 Uhr: Anpfiff! „Auf geht’s Werder schießt ein Tor.“ Und der Sanitätsdienst des Arbeiter-Samariter-Bundes (ASB) hat alle Hände voll zu tun. „Wenn das Spiel anfängt, ist das Zelt auf einmal voll“, berichtet Rettungsassistentin Nadine Göhs. Insgesamt 20 Personen muss das 35-köpfige ASB-Team während der Großveranstaltung versorgen, fünf Mal ist der Rettungswagen im Einsatz. „Alkohol, Schlägereien, Kreislaufzusammenbrüche – das ist alles total gemischt“, zählt Nadine Göhs auf.

Leider ist von der ZDF-Übertragung die mitlaufende Spielzeit nicht zu sehen. Nach gefühlten 30 Minuten merken die Daheimgebliebenen, dass ihr Team Unterstützung bitter nötig hat und intonieren Werder-Bremen-Sprechchöre.

… am Ende gab es statt des „Potts“ jedoch nur Frust …

Dann passiert es doch: Handspiel Mertesacker – Strafstoß. Die Menge ist kurzzeitig paralysiert, ehe sie sich besinnt, dass ein Elfmetertöter zwischen den Pfosten steht: „Wiese, Wiese“ schallt es durch die Innenstadt. Doch Robbens Schuss ist zu hart und zu platziert – der Anfang vom Ende. Skandalöserweise spielt die Regie auf dem Domshof „Tulpen aus Amsterdam“ ein. Darüber freuen sich gewiss nur die handverlesenen Bayern-Anhänger, die sich in Fan-Kluft in feindliches Territorium getraut haben …

Halbzeit. Die Hoffnung stirbt zuletzt. „Wir feiern die ganze Nacht“ klingt aber schon lange nicht mehr so optimistisch. Verspätet wird zum zweiten Durchgang wieder nach Berlin geschaltet. Fast hätten die „Gemeinschaftsgucker“ die dicke Chance des eingewechselten Hugo Almeida verpasst. Der Publikumsliebling wird prompt mit langgezogenen „Hugo, Hugo“-Rufen bedacht. War Werder dem Ausgleich eben noch ganz nahe, platzen die grün-weißen Pokal-Träume um 21.07 Uhr mit dem 0:2 durch Ivica Olic – die Menge nimmt es fast regungslos zur Kenntnis. Verhaltener Beifall, als sich Marko Marin für seine Einwechslung bereit macht.

Die Demütigung beginnt mit dem 0:3 durch Franck Ribery, und erste Fan-Karawanen treten den Heimweg an. Kurzer Jubel brandet noch einmal für Tim Borowskis Catch-Einlage gegen Thomas Müller auf: Wenn wir schon nicht beim Kicken gewinnen, dann wenigstens im Griechisch-Römisch. Und wenn man die Münchner nicht schmähen kann, dann bitteschön den Nordrivalen: „Und schon wieder kein Finale, HSV!“

Drei weitere Tiefschläge muss die gepeinigte grün-weiße Fan-Seele noch ertragen: Gelb-Rot für Torsten Frings, die Einwechslung von Miro Klose und das 0:4 durch Bastian Schweinsteiger – da wirkt der Schlusspfiff von Thorsten Kinhöfer um 21.47 Uhr wie die Erlösung.

… und bittere Enttäuschung.

„Ich bin total enttäuscht – mehr kann ich nicht sagen“, stammelt der 19-jährige Emanuel aus Twistringen. „Es wäre schön gewesen, wenn Werder wenigstens ein Tor geschossen hätte“, meint die elfjährige Sophy aus Delmenhorst. „So blöd wie’s klingt: Wir haben verdient verloren. Bis auf Wiese hat sich keiner aufgebäumt“, ärgert sich der 23-jährige Pit aus Celle. „Ich habe von Anfang an nicht damit gerechnet, hatte aber immer noch Hoffnung – trotzdem sind wir gute Verlierer“, erklärt Larissa (19) aus Bremen.

So sportlich gehen auf dem Heimweg nicht alle mit der Niederlage um, berichtet Ronald Walther von der Polizei-Pressestelle. Einige Enttäuschte besetzen kurzzeitig die Kreuzung Breitenweg und beschwören eine gefährliche Verkehrssituation herauf, als sie die Hochstraße entern. Die Polizei sperrt die Hochstraße und spricht einen Platzverweis für die Chaoten aus. Anschließend werden die Beamten am Rembertiring von rund 100 krawallbereiten Jugendlichen beleidigt und mit Dosen und Flaschen beworfen. Die Ordnungshüter setzen sich mit Schlagstöcken und Reizgas zur Wehr. Drei Radaubrüder landen im Gewahrsam. Ein Fußballspiel am Sielwall, bei dem rund 150 Hobbysportler mitmischen, ist vorbei, als die Polizei den dritten Ball einkassiert. „Ab null Uhr herrschte dann Ruhe in der Stadt“, schreibt Ronald Walther in seiner Pressemitteilung. Also von wegen: Wir feiern die ganze Nacht …

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