Und auch die Medien seien Schuld, dass Silvestre gegen Enschede nicht spielen konnte

Schaaf attackiert die Werder-Fans

Alle Erklärungen von Trainer Thomas Schaaf blieben bislang ohne den erhofften Erfolg: Mikael Silvestre enttäuschte bislang im Werder-Trikot.

Von Björn Knips · Es war einmal die schöne heile Welt beim SV Werder Bremen, jetzt liegen die Nerven blank: Gestern gab’s mitten in der sportlichen Krise einen Familienkrach. Den quasi entfernten Verwandten, die für viel Geld im Weserstadion sitzen oder stehen, ging’s an den Kragen. Der sonst so Fan-freundliche Chefcoach Thomas Schaaf attackierte die Werder-Anhänger so scharf wie selten zuvor.

Gleichzeitig bekamen auch die Medien eine Breitseite vom 49-Jährigen, der bei der Pressekonferenz vor dem Bundesliga-Spiel am Sonntag in Stuttgart (17.30 Uhr) von Clubchef Klaus Allofs wortreich unterstützt wurde. Der Vorwurf: Fans und Medien hätten Neuzugang Mikael Silvestre unfair behandelt und so dessen Einsatz gegen Twente Enschede verhindert.

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"Gefährliches Spiel"

„Mika hat hier nie eine Chance gehabt“, fauchte Schaaf und schimpfte über das Pfeifkonzert bei der Auswechslung von Silvestre beim Heimspiel am vergangenen Samstag gegen Nürnberg: „Ich weiß nicht, ob das die richtigen Werder-Fans sind.“ Harter Tobak, zumal nicht gerade wenige Zuschauer ihren Unmut geäußert hatten. Auch Allofs war sauer auf die zahlende Kundschaft: „Das habe ich in dieser Form hier noch nie erlebt. Da ist ein Punkt erreicht, an dem wir gefordert sind. Wir mussten dem Spieler helfen.“

Im Fall Silvestre bedeutete die Hilfe ein Platz auf der Ersatzbank. „Er hat quasi vom Publikum die Rote Karte bekommen“, hatte Allofs schon direkt nach dem Twente-Spiel angemerkt – und für jede Menge Verwunderung und Fragen gesorgt: Seit wann stellen die Werder-Fans die Mannschaft auf? Warum sollte ein 33-Jähriger französischer Ex-Nationalspieler wie Silvestre, der jahrelang bei Manchester United gespielt hat, an einem Pfeifkonzert zerbrechen? Und warum wird diese Maßnahme ausgerechnet bei einem extrem wichtigen Champions-League-Spiel ergriffen, bei dem die personelle Lage in der Abwehr ohnehin schon höchst angespannt ist?

Werder-Training am Donnerstag

Werder Training am Donnerstag mit Wiese

Die Antwort ist ganz einfach: Mikael Silvestre ist nicht gut genug für Werder. Doch das würde der Trainer so nie zugeben. Schaaf sagt zwar, dass Silvestre „besser spielen kann, das wissen wir, das weiß er“, trotzdem hat der Trainer ihn wochenlang aufgestellt und nimmt ihn auch jetzt weiterhin in Schutz. Ein Grund für das Formtief sei die späte Verpflichtung gewesen. Silvestre war nach seiner Ausmusterung bei Arsenal London am Ende der vergangenen Saison vereinslos gewesen und hatte sich in einem Fußball-Camp fitgehalten. Ende August klopfte dann Werder an, weil Innenverteidiger Naldo verletzt und Sebastian Boenisch angeschlagen war. Silvestre hat beide Positionen schon bekleidet.

„Wir wussten, dass er nicht austrainiert ist. Aber er hat sich von der ersten Minute an eingebracht. Und er hat nie gesagt, ich bin noch nicht so weit, sondern er hat sich zur Verfügung gestellt“, lobte Schaaf den Neuzugang für dessen so selbstloses Verhalten und fügte noch an: „Wir müssen uns vielleicht anhaften, dass wir gesagt haben, hey du bist sofort drin, du spielst sofort.“ Der Wurf ins kalte Wasser hätte allerdings gar nicht sein müssen, damals gab’s noch Alternativen. Die erhoffte Verbesserung durch Spielpraxis trat auch nicht ein. Silvestre hat es bis heute nicht geschafft, den Rückstand im Fitness-Bereich aufzuholen. Auch von seiner fraglos großen Erfahrung ist nichts zu sehen, der 33-Jährige wirkt eher wie ein nervöser Debütant – oder ein überfordertes Auslaufmodell.

Kritik, die Schaaf für überzogen hält. Da setzte auch seine Medienschelte an. „Man hat einen Maßstab angelegt und gesagt: Der hat so und so viele Länderspiele und internationale Spiele, also muss er das auch sofort zeigen“, zürnte der Coach und sprach die Journalisten direkt an: „Ich finde, Sie sind nicht ganz fair mit ihm umgegangen.“

Einen ähnlichen Vorwurf hatte es schon Anfang des Jahres gegeben: Damals ging es ebenfalls um einen überforderten Linksverteidiger. Werder hatte Aymen Abdennour ausprobiert und war damit kläglich gescheitert. Der Tunesier hatte nicht annähernd das Zeug dazu, die Probleme auf der linken Seite zu lösen. Bei Boenisch ist das auch fraglich. Einerseits bezeichnete Allofs gestern die derzeit verletzte Stammkraft als „guten Spieler, der durch einen neuen Spieler nicht blockiert werden soll“. Anderseits sagte der Clubchef, „dass wir nicht zu 100 Prozent mit ihm zufrieden sind“. Silvestre sollte dieses Problem lösen, doch bei der Besetzung der linken Seite hat Allofs schon seit Jahren kein glückliches Händchen. Talent Timo Perthel aus der Drittliga-Mannschaft wurde an Sturm Graz ausgeliehen, weil er noch nicht so weit sei. Bleibt noch Notnagel Petri Pasanen, der allerdings gerade verletzt ist.

Da passt es vielleicht ganz gut, dass die Bremer am Sonntag in Stuttgart ran dürfen – wo nur 2 500 Werder-Fans pfeifen könnten. Schaaf antwortete jedenfalls auf die Frage, ob Silvestre wieder ein Kandidat für die Startelf sei mit einem klaren „Ja“. Und auch wenn der Franzose nicht spielt, ist er, so Allofs, trotzdem sehr wichtig für die Mannschaft: „Wir wollten einen Spieler, der den anderen mit seiner Erfahrung auch Tag für Tag im Training und außerhalb des Platzes helfen kann. Da, glaube ich, liegen wir absolut richtig.“ Die Probleme auf der linken Seite löst das eher nicht, und Punkte gibt es dafür auch nicht.

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